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Kinofilm über Anton Bruckner : Zuhören, zuschauen und einfach abheben

  • -Aktualisiert am

Anton Bruckner auf einer historischen Fotografie Bild: Arsenal

Der Komponist Anton Bruckner war rätselhaft, verschlossen und vermutlich ein pathologischer Fall. Der Kino-Dokumentarfilm von Reiner E. Moritz enträtselt ihn nicht, lässt aber seine Musik überraschend gut wirken.

          3 Min.

          Anton Bruckner, im dörflichen Raum aufgewachsen, künstlerisch ein Spätstarter und erst jenseits der Lebensmitte in seiner Traumstadt Wien angelandet, war kein Mann gesellschaftlicher Öffentlichkeit. Es gibt kaum Gruppenbilder, auf denen er zu sehen ist, sondern fast immer nur den markanten, sorgfältig ins Licht gesetzten Rundschädel in verschiedenen Stadien des Vergrauens und Erkahlens; eine Form und Physiognomie, die sich eher verschließt als öffnet und wenig darüber aussagt, welche apokalyptischen Tongebilde unter dieser Hirnschale ausgebrütet worden sind. Jenen Bildhauern, die seit den Jahren seines späten Ruhmes diverse Büsten und Reliefplaketten formten, ist zu dem Musikerhaupt auch nicht viel mehr auf- und eingefallen als raumgreifende Plastizität und misstrauisch verdrossene Strenge.

          Man kann das in der Filmdokumentation „Anton Bruckner – Das verkannte Genie“ von Reiner E. Moritz, am Donnerstag offiziell in den Kinos gestartet, gut verfolgen, denn sie nimmt eine ganze Reihe dieser Ehrenköpfe ins Bild. Dennoch gestaltet sich die unmittelbare „Körperarbeit“ an Bruckner, von dem kaum je eine spontane Regung überliefert wurde, mühsam. Es bleibt ein Leerraum, den anzugehen mutig ist und den das Medium für die reichliche erste Hälfte dieser Künstlerbiographie dennoch kaum zu füllen vermag. Dass Bruckners Leben hier geradlinig von der Wiege bis zur Bahre durcherzählt wird, hat seine Vorzüge vor allem für den Fall, dass jemand noch sehr wenig über den Komponisten weiß. Für Menschen dagegen, die mit ihm schon vertrauter sind, wird aus solch didaktischer Strenge leicht auch einige Anstrengung.

          Aber es kommen Momente, wo man schließlich abheben darf: da, wo es endlich in den Kosmos der Symphonien hineingeht, die allesamt so präsentiert werden, dass man trotz der notgedrungen kurzen Blenden ihre Unterschiede zu erfahren vermag – und zwar überraschend gut. Hier bekommt der Film seinen eigenen schlüssigen Rhythmus, der nicht mehr am Helden klebt, sondern ihn aus souveräner Distanz ins Bild nimmt. Der Künstler rückt ein Stück weg und tritt seine Rechte an die Musik ab, was in der Summe gut ist trotz des Preises, dass seine dunkleren Seiten, erotischen Verklemmungen und Zwanghaftigkeiten nur diskret gestreift werden: Aber auch sie sind eingegangen in eine Klang-Kosmologie, die viel mehr und Eindringlicheres zu sagen weiß als ein gelüpfter Bettzipfel.

          Andererseits wird das Bild des verkannten und frustrierten Genies, wie es bis in den Filmtitel hinein weiterwirkt, wohltuend relativiert, wenn gelassene Forscherstimmen darauf hinweisen, dass Bruckner durchaus geschäftstüchtig agierte und jene Prügel, die er nach einigen symphonischen Premieren erfuhr, keineswegs ihm exklusiv gehörten, sondern Teil eines damals sehr debattenfreudigen Zeitgeistes waren, der auch viele andere neue Werke traf. Folgerichtig erscheint in den Kritikerzitaten, die Cornelius Obonya mit pointierter Süffisanz vorträgt, neben Eduard Hanslicks Attacken durchaus auch manch Positives. Dass man die völlig neuartigen Klangkonzepte des ehemaligen Dorfschullehrers erst schrittweise zu begreifen begann, steht trotzdem außer Frage.

          Hauptschauplatz des Films ist jedoch nicht Wien, sondern St. Florian, Bruckners Ausgangs- und Endort, wo sein Sarg in den Katakomben unter der Orgel aufgebahrt ist, während oben Valery Gergiev und die Münchner Philharmoniker unter barocker Pracht eine Symphonie nach der anderen durchleiden und durchjubeln. Was immer man von Gergievs aufrauschenden Interpretationen halten mag – diese stete Wiederkehr der gleichen Interpreten an den bedeutungssatten Ort, ihre Empathie und Emphase sind ein Glücksfall, weil sie nicht nur im Klang, sondern genauso im belebenden Wechsel der Kameraperspektiven und Lichtstimmungen die Differenziertheit innerhalb des symphonischen Zehnstunden-Blocks ausleben und feiern.

          Wem aber diese majestätischen Zelebrationen samt den Grübeleien des Dirigenten ein wenig zu dick werden, der bekommt durch die Statements von Kent Nagano einen nüchtern-analytischen Kontrapunkt und dank der Organisten Martin Haselböck und Bernhard Prammer einige handfest praktische Einsichten in die Querbeziehungen zwischen dem Orgelvirtuosen und dem Komponisten Bruckner. Dass es auch Simon Rattle mit ein paar schnellen Sätzen bis ins Fettgedruckte des Werbeplakats schafft, ist hingegen eine Hochstapelei. Ebenso unnötig sind die unorganischen Schwenks zu Bruckners Missbrauch in nationalsozialistischen Zusammenhängen: eine Impfdosis politischer Korrektheit, die zwar einen eigenen Beitrag über den manipulativen Missbrauch großer Kulturleistungen generieren könnte, für den überdies viel Originalmaterial erschließbar wäre – hier allerdings im falschen Film gelandet ist.

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