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Direct Cinema : Die Geschichten der Klasse von 1960

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Gefilmt von D.A. Pennebaker: Janis Joplin in „Monterey Pop” (1968) Bild: Österreichisches Filmmuseum

Sie drehten in John F. Kennedys Privaträumen, filmten die brennende Gitarre von Jimi Hendrix und den Hass des Ku-Klux-Klan: eine Begegnung mit Richard Leacock, D. A. Pennebaker, Robert Drew und Albert Maysles, den vier großen Stilisten des amerikanischen Direct Cinema.

          Wenn man in Amerika in den Zeugenstand gerufen wird, schwört einen die Rechtsprechung bekanntlich auf Gott und die Formel von der Wahrheit, der ganzen Wahrheit und nichts als der Wahrheit ein. „Das geht zu weit“, meint der Regisseur und Kameramann Albert Maysles trocken. Auch wenn er seit mittlerweile dreiundfünfzig Jahren Dokumentarfilme dreht - und sich dabei ein gewisses Grundvertrauen in die Existenz einer Art Aufrichtigkeit im Kino angeeignet hat: Mit der Wahrheit ist es, nicht nur in filmischen Belangen, so eine Sache. „Natürlich macht jeder Mensch mit der Kamera seine eigenen Bilder“, konzediert Maysles, „und jeder wird andere machen. Aber das kann auch Wirklichkeit sein.“ Das Potential des Dokumentarfilms sei anzuerkennen: Er könne uns, immerhin, „verlässliches Wissen vermitteln“.

          Ein Bus, unterwegs durchs Nirgendwo der amerikanischen Provinz. Der Mann, der ihn für sich und seine Begleiter gemietet hat, sucht Wähler. Er will ins Weiße Haus. Er schüttelt die Hände der Farmer und Arbeiter, versucht optimistisch zu wirken und volksnah zu agieren. Der demokratische Senator Hubert Humphrey passt in die leeren, verregneten Bilder aus dem Vorwahlkampf um die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten. Sein Konkurrent wird anderswo hysterischer empfangen: Wie ein Rockstar bewegt sich Senator John F. Kennedy, die Kamera in seinem Rücken, durch die tobende Menschenmenge, einer Bühne entgegen, auf der er an Jackies Seite seinen berühmten linkischen Charme spielen lässt.

          Ein Quantensprung im Dokumentarkino

          Der Film „Primary“, knapp eine Stunde lang, gedreht Anfang 1960, ist so etwas wie die Urszene des Direct Cinema: Er markiert einen Quantensprung im amerikanischen Dokumentarkino. Konzipiert hat den Film Robert Drew, ein Reporter des Life Magazine, with a little help from his friends: Man könnte jene vier Filmemacher, die sich im Zuge des „Primary“-Projekts verbündeten, die Klasse von 1960 nennen - vier Männer, die Amerikas Dokumentarfilm revolutioniert haben. Albert Maysles, heute einundachtzig; D. A. Pennebaker, zweiundachtzig; Robert Drew, vierundachtzig, und Richard Leacock, sechsundachtzig: Die „Drew Associates“ versammelten sich Ende der fünfziger Jahre in New York. „Ich suchte nach Talenten, um eine neue Form des journalistischen Filmemachens umzusetzen“, erinnert sich Drew. „Leacock stach mir als eines dieser Talente früh ins Auge. Ich heuerte ihn für ,Primary' an, er brachte seinen Freund Pennebaker mit, den ich kannte. Von Maysles, der mit Pennebaker ankam, hatte ich nie gehört, aber so war eben auch er mit von der Partie.“

          „Hier Strauß”  (D.A. Pennebaker, 1965)

          Der Time-Life-Konzern hatte Drew 1959 grünes Licht für ein Fernsehfilmprojekt signalisiert: für eine Reportage nach Art der amerikanischen Nachrichtenmagazine, aber mit bewegten Bildern. „Time-Life hatte es wohl auf eine der großen Fernsehstationen abgesehen“, meint D. A. Pennebaker heute: „Wir gingen neue Wege, mit selbst gebautem Equipment und großer Experimentierlust.“ Zwar weigerten sich die großen Networks, „Primary“ zu zeigen, aber der Sender ABC machte der schnellen Eingreiftruppe Angebote für neue Arbeiten: So entstand unter Drews Leitung noch 1960 eine Filmreportage über den Antiamerikanismus auf Kuba („Yanki No!“) und 1963 schließlich das Meisterstück „Crisis“ - die Nahaufnahme einer politischen Krise, ausgelöst von zwei schwarzen Studenten, die Zugang zur Universität forderten, zugespitzt zum Duell zwischen Präsident Kennedy und George Wallace, dem rassistischen Gouverneur des Bundesstaates Alabama.

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