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Digitalfernsehen : Vom Zuschauer zum König der Couch?

  • -Aktualisiert am

Wohl nicht digitalfernsehtauglich: Modell „Iris” aus den 50er Jahren Bild: ZB

Neues von der Erdfunkstation: Das digitale Fernsehen legt los. Der neue Standard bringt alte Machtstrukturen durcheinander. Glaubt man den Betreibern, so sei der Zuschauer am Ende „König“.

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          Man glaubt, man steht im Wald, und so ist es auch: In Usingen bei Frankfurt, wo die Straßen keine Namen mehr haben, Feldwege sind, und nichts viele anderes als Container und rund vierzig Satellitenschüsseln zwischen Bäumen stehen, fand am Donnerstag der Stapellauf des digitalen Fernsehens in Deutschland statt: Wie erwartet (F.A.Z. vom 29. März), haben sich ARD, ZDF und der Kabelanbieter Kabel Deutschland in letzter Minute auf ein gemeinsames Vorgehen geeinigt.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Das heißt, daß Kabel Deutschland in seinem "Free-TV-Bouquet" die Angebote von "ARD digital" und "ZDF Vision" aufbietet. Die Bouquets der öffentlich-rechtlichen Sender werden unverschlüsselt gesendet, so daß sie mit jedem im Handel erhältlichen Decoder empfangen werden können. Zudem hat sich Kabel Deutschland verpflichtet, auch die von ARD und ZDF favorisierten Decoder mit der sogenannten "MHP"-Technik anzusteuern.

          Diese können zwar mehr, sind aber zum Preis von mindestens zweihundert Euro genau doppelt so teuer wie der gerade mal taschenbuchgroße Receiver der Firma Pace, den Kabel Deutschland als preiswerte Variante zum Empfang des digitalen Fernsehens empfiehlt. Sein Erwerb schlägt mit neunundneunzig Euro zu Buche.

          Machtkampf noch lange nicht entschieden

          Einig geworden sind sich die beiden öffentlich-rechtlichen Sender mit dem Kabelanbieter - der in dreizehn Bundesländern zehn Millionen Kabelkunden erreichen, davon aber nur 3,5 Millionen direkt ansteuern kann - auch über den sogenannten "Navigator", mit dem die einzelnen Programme im Gesamtangebot von Kabel Deutschland aufzufinden sind. Dort liegen ARD und ZDF unter den Vollprogrammen auf den Plätzen eins und zwei. Nicht bei den digitalen Bouquets mit dabei sind die Privatsender. Mit ihnen werde noch verhandelt. "Die mit ARD und ZDF getroffenen Vereinbarungen von Kabel Deutschland spielen in den Gesprächen selbstverständlich eine Rolle", sagt dazu die Generalsekretärin von RTL, Ingrid Haas. Was nichts anderes bedeutet, als daß sich die Privatsender von dem Kabelanbieter nicht anders behandeln lassen wollen als ARD und ZDF.

          Sie wollen vor allem nicht verschlüsselt und mit Gebühren belegt werden, wie sie bei Kabel Deutschland mit einer einmaligen oder in Raten zu zahlenden Freischaltgebühr im Gespräch sind. Auch wenn ARD und ZDF fürs erste fein raus zu sein scheinen, ist der Machtkampf, der mit dem technischen Sprung ins digitale Fernsehen verbunden ist, noch lange nicht entschieden: Er läuft auf die Frage hinaus, wer das Sagen haben und wer wem etwas schulden soll: die Sender den Kabelanbietern oder umgekehrt. Dabei ist für die Sender von großer Bedeutung, daß Kabel Deutschland beteuert, keinesfalls selbst Programme zu produzieren. Das nämlich hatte vor ein paar Jahren der amerikanische Kabelfürst John Malone mit seiner Firma "Liberty" vor. Das Kartellrecht aber hat verhindert, daß Vertrieb und Programmproduktion in einer Hand liegen.

          Monopolartige Stellung

          Was Kabel Deutschland seinen Senderkunden anbietet, sind fünf Dienstleistungen: Marketing und Vertrieb; Kundenservice (Call-Center); Rechnungslegung; Subscriber Management, technischer Service. Was die jetzige Einigung bedeutsam macht, ist die Teilnahme von ARD und ZDF und die schiere Größe von Kabel Deutschland. Noch ist es nicht spruchreif, aber aktuell zu erwarten, daß Kabel Deutschland die Übernahme der drei regionalen Kabelanbieter ish (Nordrhein-Westfalen), iesy (Hessen) und Kabel Baden-Württemberg bekanntgab. Die Kaufsumme sollte insgesamt 2,6 Milliarden Euro betragen.

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