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Die „taz“ wird 25 : Du bist wirklich ein Waschlappen!

  • -Aktualisiert am
Nicht immer erfolgreich, aber zäh: die „taz”
          5 Min.

          Am Anfang mag das Wort gewesen sein. Danach müßte Gott aber gleich den Satz erschaffen haben, ohne den die Wörter allein Gestammel wären. Erst etwas später wurde der Satz im Tennisspiel und bei der Pflegeversicherung, beim Zinsenzahlen und in der Musik erfunden. Satz nennt man auch die ordentliche Form, in die ein hingetrommeltes und mit Korrekturen übersätes Manuskript gebracht worden ist, um es druckfertig zu machen. Die Menschen, die das tun, nannte man bislang Setzer. Der Beruf stirbt aus. Computerprogramme machen ihn überflüssig. Nach der neuen Rechtschreibung müßten sie logischerweise Sätzer heißen.

          Ist die "taz" eine Vorreiterin der uns quälenden Sprachverwirrung? Ihre Setzer nannten sich von Anfang an "Sätzer", der selbstgewählten Korrektheit aber bald überdrüssig meist "Säzzer". Die Setzer oder Sätzer oder Säzzer und natürlich die Säzzerinnen spielten in der ersten Zeit der "taz" eine legendäre Rolle. Formulierungen, die sich Autoren und Redakteure ausgedacht hatten, konnten sie beim Setzen jederzeit kommentieren. Der Handarbeiter hatte die Möglichkeit, dem Kopfmenschen die Meinung zu sagen. Natürlich war das Kult und ein Spiel und kokett, aber es war auch einzigartig und ein bißchen revolutionär. Es erklang die Stimme derer, die sonst nicht zu hören sind, und sie war oft geistvoll, manchmal genial, manchmal albern, rechthaberisch, kleinkariert.

          Vergnügliche Erinnerungsstunden

          Die "taz" hat sich nicht die Mühe gemacht, zu ihrem Jubiläum eine Sammlung der schönsten Säzzer-Bemerkungen herauszubringen. Die älteren Redakteure haben vielleicht die Nase vom ehemaligen Säzzer-Kult voll, den jüngeren ist es vielleicht zu 68er-haft. Egal, es gibt auf zwei CD-ROMs ein "taz"-Archiv, und wenn man hier nach "Säzzer" oder "Säzzerin" fahndet, kann man sich zwei, drei vergnügliche Erinnerungsstunden machen.

          Es muß nicht immer Guido Knopp sein, der einem die Vergangenheit erklärt. Egal, ob ein törichter Satz Eberhard Diepgens vom Säzzer mit einemtrockenen "Wie meinen?" quittiert wird oder eine Auslassung Wolf Biermanns mit dem Hinweis: "Weißt du was, du bist wirklich ein Waschlappen geworden, die Säzzerin." Hinter einer vom Redakteur nicht ausreichend gerügten Meldung über das Querfeldeinradfahren entlädt sich der grüne Umweltgroll geradezu lawinenartig: "Hoffentlich knallt er dann gegen 'ne stabile Tanne und bricht sich mindestens drei Knochen, damit er in Zukunft nicht mehr in der Lage ist, das ganze kleine Grünzeug zusammenzufahren und irgendwelche Viecher aufzuscheuchen!"

          Ich krieg Albträume!

          Eine Reportage über die Verhandlungen eines Fürsten und Waldbesitzers mit dem Freistaat Bayern über die Verlängerung eines Pachtvertrags beginnt so: "Die Nebelschwaden hängen tief zwischen den Berggipfeln, der Wind treibt Regenwolken vor sich her." Und schon kann der Säzzer nicht mehr an sich halten und fügt seine Bemerkung in den Text: "Ich glaub ich krieg Albträume!"

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