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Die Sprache der Elben : Sag es auf Sindarin

Quenya und Sindarin sind insofern echte Sprachen, als sie etwa vom Umfang des Textmaterials her der Norm ISO 639 der International Standard Organisation entsprechen - unter den artistischen Kunstsprachen gilt das sonst nur noch für das Klingonische. Beide Elbensprachen verfügen allerdings nur über einen Wortschatz von jeweils etwa 2500 Vokabeln. Deutsch dagegen hat mindestens 300 000. Trotzdem sind bereits die ersten Kapitel des Alten und Teile des Neuen Testaments in Quenya übersetzt worden. Wie ist das möglich, angesichts des beschränkten Wortschatzes, den Tolkien hinterlassen hat?

Keine fertige Grammatik

Tatsächlich ist es die synthetische Historizität der Elbenidiome - die sie von allen anderen Kunstsprachen unterscheidet -, welche hier weiterhilft. Die Wurzeln und die von Tolkien benutzten Bildungsgesetze ermöglichen es im Prinzip, die Elbensprachen weiterzuentwickeln. Doch es gibt beträchtliche Hindernisse. Mit das größte ist, dass Tolkien keine fertigen Grammatiken geschaffen hat. Und in den Aufzeichnungen zu seinen Sprachen war ihm Phonologie stets wichtiger als Morphologie, ganz zu schweigen von Syntax. Zudem änderte er die Sprachen immer wieder. „Es gibt eine Quelle, in der Tolkien ,lá’ als Quenya für ,ja’ identifiziert, und eine andere, in der das gleiche Wort mit ,Nein’ übersetzt ist“, sagt Thorsten Renk, Autor elbischer Lyrik und eines Sindarin-Sprachkurses. „Da muss man dann einfach eine Auswahl treffen.“

Über diese Auswahl müssten sich die Elbisch-Philologen einigen, was ihnen aber schon an anderer Stelle zuweilen schwerfällt. So hat Peter Jacksons Elbisch-Beauftragter David Salo eine Sindarin-Grammatik veröffentlicht, der vorgeworfen wird, erschlossene Formen nicht sauber genug von den bei Tolkien belegten zu unterscheiden und Belegbares zu ignorieren, wo es nicht zu Salos Ideen passt. Prominentester Kritiker Salos ist Carl Hostetter, der für Christopher Tolkien den Elbisch-Nachlass seines Vater ediert. Die Kontroverse ist damit möglicherweise nicht ganz unbelastet von den Animositäten zwischen dem Tolkien Estate und Jacksons Verfilmungen.

Mehr als eine Kunstsprache

Die Mediävistin Judith Klinger von der Universität Potsdam sieht hier aber auch eine grundsätzliche Frage unterschiedlich beantwortet: „Es ist die Frage, ob man die Elbensprachen wie historische, aber fragmentarisch überlieferte Sprachen erforschen oder ob man sie benutzbar machen will“, sagt Klinger. „Es gibt auch unter den Sprachhistorikern solche, die beispielsweise das sehr schmale Korpus des Gotischen erforschen, und solche, die gerne gotische Texte schreiben möchten und daher das überlieferte Sprachmaterial ergänzen.“

Carl Hostetter hält die Entwicklung solcher neo-elbischen Sprachen für unpraktikabel. „Tolkien selbst konnte nicht fließend Quenya oder Sindarin“, schreibt Hostetter. „Und daher wird auch niemand sonst es jemals können, jedenfalls nicht das Quenya und Sindarin, das Tolkien entwickelt hat.“ Allerdings ist es fraglich, ob der Schöpfer alles Elbischen von Weiterentwicklungen mehr gefordert hätte als Treue zu seiner Sprachästhetik. Gegen eine Verwendung des Elbischen für primärweltliche Zwecke war er jedenfalls gewiss nicht. Die Vaterunser-Übersetzung ins Quenya, die Lucia auf Youtube rezitiert, stammt von Tolkien selbst.

Quellen

Internet: E.L.F. www.elvish.org, „Adralambion“ (Quenya-Kurs): http://folk.uib.no/hnohf, „Parma Tyelpelassiva“ (Sindarin-Kurs): www.phy.duke.edu/~trenk/elvish.

Literatur: Wolfgang Krege, „Elbisches Wörterbuch. Quenya und Sindarin“, Klett-Cotta 2012. - David Salo, „A Gateway to Sindarin“, University of Utah Press 2007.

Erfundene Idiome: im Dienste der Völkerverständigung, des Feminismus und der Filmindustrie

6908 Sprachen werden heute auf der Erde muttersprachlich gesprochen. Fast alle sind natürlich entstanden. Doch das reicht dem Menschen nicht.

Esperanto wurde 1887 vorgestellt als leicht erlernbares Idiom für die internationale Verständigung ohne Bevorzugung eines Kulturraums. Es ist die einzige Kunstsprache mit Muttersprachlern (einige tausend). Verstanden wird es von bis zu zwei Millionen Menschen.

Ido ist eine Weiterentwicklung des Esperanto, die logischer und einheitlicher sein soll. Die Angaben über die Zahl der Sprecher schwanken von wenigen hundert bis mehr als tausend.

Interlingua orientiert sich näher an natürlichen (romanischen) Sprachen als Esperanto, hat dafür eine komplexere Grammatik. Kaum mehr als tausend Menschen sprechen es.

Afrihili wurde 1970 mit dem Ziel einer panafrikanischen Lingua franca entwickelt, ist aber weitgehend gescheitert.

Láadan ist eine 1982 als Experiment erdachte feministische Sprache. Ihre Schöpferin, die Amerikanerin Suzette Eglin, vermutete, dass natürliche Sprachen strukturell spezifisch männliche Kommunikationsbedürfnisse bedienen. Sätze in Láadan dagegen sollen etwa neben der Aussage zusätzlich das Gefühl der Sprechenden während des Sprechakts transportieren.

Brithenig ist ebenfalls ein Experiment, diesmal ein Sprachhistorisches. Sein Erfinder, der Neuseeländer Andrew Smith, versuchte sich 1996 vorzustellen, was herausgekommen wäre, wenn sich im England der Völkerwanderungszeit das Latein gehalten und wie in Frankreich oder Spanien eine romanische Sprache hervorgebracht hätte.

Klingonisch ist neben den Elbensprachen Tolkiens die bekannteste sogenannte artistische Kunstsprache. Sie wurde 1984 von dem Linguisten Marc Okrand für den dritten „Star-Trek“-Kinofilm erfunden. Okrand bemühte sich dabei um größtmögliche Unähnlichkeit mit jeder natürlichen irdischen Sprache, trotzdem - oder gerade deswegen - hat Klingonisch viele Fans. Es gibt ein „Klingon Language Institute“ und Übersetzungen etwa des Gilgamesch-Epos oder eines Shakespeare-Stücks, eine ganze Oper auf Klingonisch und den (allerdings gescheiterten) Versuch, ein Kind muttersprachlich klingonisch aufzuziehen. Einige Dutzend Menschen können die Sprache fließend.

Na’vi, die Sprache der blauen Aliens in James Camerons „Avatar“, wurde 2009 ebenfalls von einem gelernten Linguisten entwickelt. Inzwischen gibt es eine an polynesischen Sprachen orientierte Grammatik und einen Wortschatz von 1500 Vokabeln.

Dothraki spricht das gleichnamige Barbarenvolk in der Fernsehserie „Game of Thrones“. Während die Romanvorlage nur einige Wörter Dothraki enthält, wurde für den Film wieder ein Sprachschöpfer engagiert, der 1700 Vokabeln erfand, inzwischen sollen es mehrere Tausend sein. Der Trend ist klar: Für Filmprojekte im Bereich Science-Fiction und Fantasy wird der Linguist allmählich ähnlich wichtig wie der Komponist der Filmmusik. UvR

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