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Die Sprache der Elben : Sag es auf Sindarin

Eine solche Welt ist zwangsläufig komplexer als eine, deren Autor allein der Logik und der Psychologie seiner Figuren verpflichtet ist. Sie erlaubt ihm aber zugleich einen vergleichsweise einfachen Stil, bei dem vermeintliche Plattheiten einen tieferen Sinn haben. So kommt der Namen des Erzbösen Sauron keineswegs vom griechischen Wort für „Echse“, sondern von dem Quenya-Wort „saura“, das sich aus der Wurzel „thaw“ (“abscheulich“) ergibt.

Schon aufgrund dieser linguistischen Ästhetik gehört Tolkiens Werk nicht zum Fantasy-Genre, auch wenn er heute als dessen Erzvater gilt. Trotzdem hat auch seine Ästhetik ihre Quellen. So gibt es nicht allein deswegen zwei Elbensprachen, damit Sprachgeschichte interessanter wird, sondern weil Tolkien an zwei existenten Sprachen ein besonderes Hörvergnügen hatte. Das war einmal das Walisische, dem das Sindarin klanglich nachempfunden ist und mit dem es einige Eigenschaften teilt, etwa die, in bestimmten Fällen anlautende Konsonanten zu verändern. Es war eine Vorliebe, die Tolkien feststellte, als er einmal die walisische Aufschrift „Adeiladwyd 1887“ (“Erbaut 1887“) sah. Und dann entdeckte er das Finnische. „Das war wie einen Keller voller Flaschen eines erstaunlichem Weins von nie gekannter Art und Geschmack zu entdecken“, schrieb er in einem Brief. „Ich war regelrecht besoffen.“ Diesem sprachästhetischen Vollrausch verdankt sich der Klang des Quenya.

Fast schockierend simpel

Strukturell ist Quenya allerdings kein Pseudofinnisch, schon deswegen nicht, weil Tolkien es gleich dem walisisch (und damit indoeuropäisch) inspirierten Sindarin aus einem Urelbisch ableitet, während Finnisch nicht zur indoeuropäischen Sprachfamilie gehört. „Quenya-Nomina sind aber etwa so komplex wie proto-indoeuropäische“, sagt der amerikanische Linguist David Salo, der Peter Jackson bei seinen Tolkien-Verfilmungen berät, „die Konjugation der Verben dagegen ist fast schockierend simpel, verglichen mit Latein oder Altgriechisch.“ Die Einflüsse des Altgriechischen auf das Quenya, die Tolkien selbst erwähnt, sind daher ebenfalls eher lautlästhetischer Natur. Daran ändert auch nichts, dass es in Quenya die Tempusform des Aorist gibt, die zwar auch das Griechische kennt, die aber im Quenya eine andere Bedeutung hat.

Um äußerste Hässlichkeit bemüht

Was hingegen geeignet ist, den Quenya-Schüler zur Verzweiflung zu treiben, sind die vielen verschiedenen Fälle bei den Pronomen. „Die pronomiale Komplexität des Quenya übersteigt die indoeuropäischer Sprachen bei weitem“, sagt Salo. „Soweit ich weiß, gibt es nur einige der Algonkin-Sprachen im Norden Nordamerikas, die da herankommen.“

So viel Aufwand konnte Tolkien natürlich nicht bei jeder Sprache seines Universums treiben. So gibt es nähere Details sonst nur noch zu der Zwergensprache Khuzdul, für die eine semitische Sprache Modell stand. Ein Idiom Mittelerdes aber präsentiert Tolkien als etwas überhaupt nicht organisch und geschichtlich Gewachsenes, sondern explizit als etwas Artifizielles: die „Schwarze Sprache“, die Sauron für seine Diener entwickelt hat. Als Herrschaftsinstrument ist sie gleich George Orwells „Neusprech“ kalkuliert armselig gehalten, und lautlich war Tolkien um äußerste Hässlichkeit bemüht. Das Wort „Nazg“ (Ring) entnahm er dem Gälischen, das er nicht mochte, ebenso wenig übrigens wie das Französische.

Ein Kosmos aus nur 2500 Vokabeln

Über die Sprachen der übrigen Völker und Geschöpfe Mittelerdes ist aus Tolkiens Werken und Schriften viel weniger zu erfahren. Im Rahmen seiner Fiktion (seiner „sekundären Welt“, wie die Tolkien-Philologen lieber sagen) sind sie wenig bis kaum „bekannt“, jedenfalls sehr viel weniger als Quenya und Sindarin. Aber wie „bekannt“ sind diese? Reicht es, damit Lucias Wunsch zumindest theoretisch wahr und ein Elbenidiom in unserer Primärwelt eine gesprochenene Sprache werden könnte?

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