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Jane Birkin zum Siebzigsten : Ein Lied für ein Leben

Jane Birkin auf einem Konzert in Budapest, 2012. Bild: dpa

Mit dem Filmkomponisten John Barry lernte sie eine Welt, in der die Gesetze ihrer Kindheit nicht mehr galten, mit Serge Gainsbourg wurde sie berühmt: Der Schauspielerin und Sängerin Jane Birkin zum Siebzigsten.

          Auf ihren Fotos ist immer Sommer. Das kommt nicht vom Licht, das mal grell, mal gedämpfter ist, und auch nicht von der Umgebung oder den Kleidern, die sie trägt. Es kommt davon, dass sie selbst in jedes Bild den Sommer mitbringt, das Versprechen einer freieren, helleren Zeit. Es gibt eine Aufnahme von ihr und Serge Gainsbourg - eine von vielen, die das Paar wie einen Kometenschweif hinter sich ließ -, auf der sie ein durchsichtiges Netz-T-Shirt anhat, während er in eine schwarze Jacke gehüllt ist, und sofort ist klar, wer von den beiden singt und wer für den anderen die Songs schreibt. Und wenn man dabei an das Lied denkt, das die beiden unsterblich gemacht hat, diese dreisteste und zärtlichste aller Liebesschnulzen, begreift man auch, warum gerade sie füreinander geschaffen waren wie Himmel und Erde. „Je t’aime ... moi non plus“: Jeder verkörperte das Gegenstück des anderen. Er gab ihr Gewicht. Sie gab ihm Leichtigkeit.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Das war Jane Birkin. Und das waren die sechziger und frühen siebziger Jahre, eine Epoche, in der unter der Glasglocke des Kalten Kriegs die unglaublichsten Dinge geschahen, in der die Körper und die Köpfe sich von den Ängsten der Nachkriegszeit befreiten, in der Dinge ins Rutschen kamen, die unverrückbar schienen wie die bürgerliche Ehe und die Mutterrolle der Frau. Auch Jane Birkin war als braves Mädchen im Haushalt einer Schauspielerin und eines hochdekorierten Marineoffiziers aufgewachsen, doch dann lernte sie den Filmkomponisten John Barry kennen und mit ihm eine Welt, in der die Gesetze ihrer Kindheit nicht mehr galten. In Antonionis „Blow Up“ hatte sie eine kleine Rolle, in Jacques Derays „Swimmingpool“ eine größere, und im Jahr darauf, 1969, stand sie in „Slogan“ mit Serge Gainsbourg vor der Kamera, der zwanzig Jahre älter war und schon ein Star. Es war ein Liebesfilm. Es wurde eine Liebe.

          Eigentlich etwas Schönes

          Man könnte die Lebensgeschichte Jane Birkins von ihrer Beziehung zu Gainsbourg aus erzählen. Er hat ihr die Lieder, mit denen sie berühmt wurde, auf den Leib geschrieben, und er hat ihren Stil geprägt, das Bild der androgynen, zugleich trotzigen und verletzlichen Kindfrau, das man vor sich sieht, sobald man ihren Namen hört. Als er 1991 starb, ernannte die französische Presse Jane Birkin zur „Witwe Gainsbourg“, obwohl sie damals längst mit dem Regisseur Jacques Doillon zusammenlebte. Aber ohne Gainsbourg wäre sie kaum zu der Schauspielerin geworden, die sie in den Filmen von Doillon („Die Piratin“) und Jacques Rivette („Die schöne Querulantin“), bei Bertrand Tavernier („Daddy Nostalgie“) und Alain Resnais („Das Leben ist ein Chanson“) gewesen ist. Wie weit diese Hingabe ging, sieht man in dem Film von 1976, den Serge Gainsbourg ihr gewidmet hat und der wie ihr gemeinsamer Erfolgssong „Je t’aime“ heißt, aber vom Gegenteil erzählt: Abhängigkeit, Erniedrigung, Gewalt. Fünf Jahre später trennten sie sich.

          Jane Birkin hat eine Künstlerdynastie begründet. Ihre Töchter Charlotte und Lou aus den Beziehungen mit Gainsbourg und Doillon sind beide erfolgreiche Schauspielerinnen. Kate, ihre Tochter aus der Ehe mit John Barry, war eine bekannte Modefotografin, bevor sie sich 2013 das Leben nahm. Im gleichen Jahr gab Jane Birkin bekannt, dass sie keine Filme mehr drehen wird. Das diesjährige Festival von Locarno, wo sie einen Preis für ihr Lebenswerk entgegennahm, war eine der seltenen Anlässe, zu denen sie sich in der Öffentlichkeit zeigte. Eigentlich seien Geburtstage für sie etwas Schönes, sagt Jane Birkin in dem Filmporträt „Jane B.“, das ihre Freundin Agnès Varda ihr 1988 gewidmet hat. „Es sind die geraden Zahlen, die mit den Nullen, die weh tun.“ An diesem Mittwoch wird sie siebzig Jahre alt.

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