https://www.faz.net/-gqz-9uqoj

Sissy Spacek zum Siebzigsten : Die Lady vom Land

Sissy Spacek als „Jewel“ in „Ein Gauner und Gentleman“ aus dem Jahr 2018 Bild: 2018 Eric Zachanowich DCM

Kaum eine andere Schauspielerin kann so viel und so wenig spielen: Leere und Verzweiflung. Hysterie und Verzagtheit und unbeugsame Hingabe. An diesem Mittwoch wird Sissy Spacek siebzig Jahre alt.

          2 Min.

          Oscars, Golden Globes, Emmys – hat sie alles gewonnen, manches mehrfach, zahlreiche Nominierungen noch dazu. Sissy Spacek ist nicht übersehen worden von jenen, die Auszeichnungen verteilen. Aber was muss eine Schauspielerin können, um tatsächlich „groß“ zu sein? Was muss in ihrer Laufbahn passieren, damit sie, falls sie es hat, dieses Können zeigen kann? Sie muss keine Gefühle spielen können - und alle. Wenn sie alle Gefühle spielt, muss sie aufpassen, dass das bei der Zuschauerin nicht als Nummernrevue ankommt. Und wenn sie ohne Gefühle spielt, muss sie dennoch eine Figur schaffen, die uns interessiert.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das macht Sissi Spacek ziemlich am Anfang ihrer Karriere bereits, 1973 in Terrence Malicks „Badlands“ (der in Deutschland den Unteritel „Zerschossene Träume“ trug, was in die Irre führt). Holly, das Mädchen, das Sissi Spacek spielt, hat keine Träume. Sie hat auch keine Illusionen. Naiv ist sie vermutlich, und vollkommen verloren in Texas, wo die Geschichte beginnt. Spürt sie überhaupt etwas? Heiß oder kalt? Sie ist fünfzehn, so will es die Rolle, und auf der Flucht durch die leeren Ebenen der Dakotas mit ihrem Freund, der ihren Vater erschossen hat. Einfach so. Und weitere Menschen erschießt, einfach so. Und sie steht dabei, fragt nichts, steigt ins Auto zu ihm und flieht mit ihm weiter. Die Menschen, die sie treffen, wissen noch nicht, dass sie gut vierzig Jahren Donald Trump zu ihrem Präsidenten wählen werden, aber wenn man den Film heute sieht, kann man sich darin sicher sein.

          Holly ist mit Martin Sheen unterwegs, der damals aussah wie James Dean und auch so inszeniert wurde. Im Film sagt es sogar mal jemand: „Du siehst aus wie James Dean, Kiddo.“ Da ist er nicht mehr sehr weit entfernt vom elektrischen Stuhl. Holly hingegen heiratet den Sohn ihres Anwalts, wahrscheinlich mit derselben unbeteiligten Ausgesetztheit, mit der sie durch diesen Film geht.

          Sissy Spacek war damals 23, und dies war ihr dritter Film. Sie erzählte ihn weitgehend, in der für Malick typischen voice-over in einer fast unbeteiligten Stimme, einer Stimme, die sich über die Jahre erstaunlich wenig verändert hat. Auch wenn sie in anderen Rollen deutlich mehr moduliert.

          Menstruationstrauma: Sissy Spacek als Carrie im gleichnamigen Film von Brian de Palma
          Menstruationstrauma: Sissy Spacek als Carrie im gleichnamigen Film von Brian de Palma : Bild: Picture-Alliance

          Sie hätte damals schon gut einen Oscar bekommen können, hätte sie jemand nominiert. Eine solche Performance, eine solche herzzerreißende Leere bis zum Horizont, einen solch somnambulen Tanz im Scheinwerferlicht eines Autos irgendwo im Nirgendwo – das ist nach wie vor so außergewöhnlich, dass man kaum glauben kann, was dann kam, und zwar bald: „Carrie“ nämlich, die blutige, hysterische Menstruationshorrorshow von Brian de Palma mit einer inneren und äußeren Wucht gespielt, dass es einen aus dem Zuschauersessel warf. Und schließlich, 1980, „Coalminer’s Daughter“, mit dem sie den Ocar gewann. Wenn Amerika jenseits der großen Städte ein Gesicht hat, in das man vertraut, dann das von Sissy Spacek.

          Sie hat, mit einer Unterbrechung von einigen Jahren, immer gearbeitet, früh auch schon im Fernsehen, und dort hatte sie in der Serie „Castle Rock“ eine ihrer besten Rollen der letzten Zeit, wobei sie aus jeder Rolle eine gute macht. In „Castle Rock“ (mit Figuren und nach Motiven von Steven King) spielt sie eine Frau im Anfangsstadium der Alzheimer-Erkrankung. Sie bewegt sich zwischen den Zeiten, teilweise in der Erinnerung, der richtigen wie der vermeintlichen, der Gegenwart und ihren Ängsten und Halluzinationen, die sich auf die Zukunft richten. Ihre aktuelle Wahrnehmung ist so unzuverlässig wie ihre Erinnerungen, die manchmal eine ungeheure Gegenwärtigkeit annehmen, selbst wenn sie fiktiv oder übernatürlich sind. Und hier zeigt Sissy Spacek, was es heißt, in einer einzigen Figur alle Gefühle zu spielen, deren ein Mensch fähig ist – die Angst, Freude, das Glück und die Sorge. Verzweiflung. Hass. Selbsthass. Verwirrung. Zweifel. Erleichterung, Erschrecken, Erkennen, Vorahnung. In Sissy Spaceks Gesicht, ihrer Haltung, ihrem Blick ist all dies da. Die Zartheit, mit der sie eine elfenbeinerne Schachfigur ins Regal stellt. Eine andere mit der Hand umschließt. Und die Härte, wenn sie zum Revolver greift. An diesem Mittwoch wird Sissy Spacek siebzig.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Versuch gescheitert: Salvini konnte die „rote Festung“ nicht schleifen.

          Regionalwahlen in Italien : Wähler stärken Italiens Linkskoalition

          Die Regionalwahlen in Italien stabilisieren die Regierung um Giuseppe Conte. Eine persönliche Niederlage erlebt der frühere Innenminister Matteo Salvini. Denn im rechten Lager triumphiert die Konkurrenz.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.