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Zum Tod von Cicely Tyson : Die schöne Kämpferin

Cicely Tyson im September 2009 in Los Angeles Bild: AP

Ohne Cicely Tyson gäbe es immer noch keine guten Rollen für schwarze Frauen in Film, Fernsehen und auf der Bühne: Zum Tod der großen Künstlerin und Vorreiterin.

          2 Min.

          Es gehört eine Menge Mut, Selbstbewusstsein, Klugheit und Beharrungsvermögen dazu, so viele Rollen zurückzuweisen, wie Cicely Tyson das getan hat, und dennoch daran festzuhalten, Schauspieler zu sein. Vor allem, wenn es nicht um einzelne Rollen, sondern um ein ganzes Rollenrepertoire geht. Cicely Tyson wollte keine Prostituierten, keine Drogenabhängigen, keine Hausmädchen spielen. Also möglichst keine der Rollen, die schwarzen Frauen gemeinhin angeboten wurden. Stark und würdig, so sollten die Frauen sein, die sie darstellte.

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Weil sie ein Leben lang daran festhielt, wurde sie nicht nur eine große, für spätere Generationen bahnbrechende Schauspielerin in am Ende mehr als hundert Kino- und Fernsehfilmen, Serien und Theaterstücken, sondern auch Vorbild im Kampf gegen rassistische Zuschreibungen und Ikone der Bürgerrechtsbewegung. Das erkannte Präsident Obama und ehrte sie mit der Presidential Medal of Freedom. Da war sie achtundachtzig. Das erkannte gegen Ende ihrer langen Laufbahn schließlich auch Hollywood und verlieh ihr einen Ehren-Oscar für ihr Lebenswerk. Da war sie dreiundneunzig.

          Sie hatte auf ihren Durchbruch mit einer würdigen Rolle mehr oder weniger geduldig durch lange Phasen ohne Arbeit gewartet. Achtundvierzig Jahre war sie alt, als sie endlich kam: die Rolle einer Landarbeiterin im tiefen Süden zur Zeit der großen  Depression in Martin Ritts Film „Sounders“. Ihr Mann muss wegen Mundraubs ins Gefängnis, und sie setzt alles daran, den gemeinsamen Sohn anständig großzuziehen, wozu gehört, dass sie den Weißen nach dem Mund redet, wenn es sein muss, aus Klugheit, weil sie die Machtverhältnisse durchschaut. Cicely Tyson wurde für einen Oscar nominiert (und verlor gegen Liza Minelli in „Cabaret“).

          Zwei Jahre später folgte mit „The Autobiography of Miss Jane Pittman“ ein Fernsehfilm, der sie einem noch größeren Publikum bekanntmachte. Vierzig Millionen sollen damals den Film gesehen haben, in dem Tyson eine 110jährige spielt, deren Leben sich von der Versklavung bis zur Bürgerrechtsbewegung spannt. In einer Szene trinkt die Titelfigur, es ist das Jahr 1962, von einem Wasserspender, der Weißen vorbehalten ist – ein unglaublicher Akt der Selbstermächtigung, der in fast allen Kritiken erwähnt wurde. So wurde Cicely Tyson eine der prägenden Darstellerinnen der Siebziger und Achtziger. Danach hörte sie keineswegs auf zu arbeiten, aber die Rollen wurden etwas kleiner. Wie das so geht.

          Nicht so lange her ist der Tony, den sie für ihre Broadway-Rolle in der Wiederaufnahme von Horton Footes „The Trip to Bountiful“ gewonnen hat. Da war sie bereits achtundachtzig. Dass sie im selben Jahr in der Fernsehserie „Getting Away With Murder“ einen Gastauftritt als Mutter von Viola Davis hatte, war ein lustiger Einfall, denn natürlich ist Cicely Tyson im übertragenden Sinn die Mutter aller schwarzen Darstellerinnen der Viola-Davis-Generation.

          Cicely Tyson wurde am 18. Dezember 1924 in New York geboren, wuchs in Harlem auf, arbeitete als Model, was ihre Mutter für eine Sünde hielt, bevor sie mit dem Schauspielen begann, was ihre Mutter ebenfalls nicht billigte. Mit Miles Davis war sie immer wieder zusammen und in den Achtzigern bis wenige Jahre vor seinem Tod auch verheiratet, eines der wenigen Details, die über ihre privates Leben weithin berichtet wurden.

          Möglicherweise wären die Hindernisse, die sie in ihrem Leben, ihrer Laufbahn zu überwinden hatte, heute etwas niedriger. Für die Generationen, die ihr nachfolgten, ist das sicher so, dafür hat Tyson mit ihrer Widerständigkeit und ihrer Ausdauer gesorgt, ihrer vorbildhaften Beharrung auf der Würde, die ihrer Branche und darüber hinaus ihren Nachfolgerinnen zugutekommt. Am 28. Januar ist diese erstaunliche Frau und Künstlerin im Alter von 96 Jahren gestorben.

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