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Charlotte Rampling wird 70 : Die Geliebte der Kamera

Als wäre es keine Kamera, in die sie blickt: Charlotte Rampling 1985 in Jacques Derays Film „Mörderischer Engel“ Bild: Picture-Alliance

Statt nach den Filmen von Visconti, Chérau und Woody Allen den Weg ins Vergessen zu nehmen, traf sie den großen schöpferischen Glücksfall ihres Lebens: Charlotte Rampling zum Siebzigsten.

          4 Min.

          Es gibt Schauspielerinnen, die in ihren Verwandlungen aufgehen, die sich ganz in einer Figur, einer Situation, einem fremden Leben verlieren können. Charlotte Rampling gehört nicht dazu. Wenn man an sie denkt, stellt man sie sich in keiner der mehr als hundert Filmrollen vor, die sie seit Mitte der sechziger Jahre gespielt hat. Stattdessen sieht man sofort ihr Gesicht: die hohe Stirn, der wie eine Meereswelle geschwungene Mund, das Kinn, die Wangenknochen, die dichten Augenbrauen und den Blick, der unter ihnen lauert. Diesen Blick.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Es stimmt ja, dass das Kino, diese Parade bewegter Bilder in einem dunklen Saal, eine Kunst für Voyeure ist, dass es dem Auge den Genuss grenzenloser Herrschaft, geradezu göttlicher Macht über das Gesehene verschafft. Aber ganz zu sich selbst kommt diese Kunst erst dann, wenn sie dem Blick, der in seiner Allmacht badet, einen anderen Blick entgegenstellt. Ein Auge, das weiß, dass es gesehen wird. Dieser Moment steht am Anfang aller mythischen Karrieren der Filmgeschichte, er erzeugt eine Erfahrung, die vorher so nicht möglich war. Das Objekt der Wahrnehmung schaut zurück, es tritt als Individuum auf die Leinwand und wird zugleich unangreifbar, unverletzlich, es verwandelt die Macht unseres Blicks in seine eigene.

          Vor dem einzig wahren Gegenüber ihres Lebens

          Greta Garbo, Marlene Dietrich, Louise Brooks, Ingrid Bergman haben so geschaut, sie haben die Hierarchien im Kinosaal umgekehrt und sich selbst zu Sternbildern erhoben. Die Zeit ist über diesen Starkult und die Filme, die ihn ermöglicht haben, hinweggegangen, sie hat das Kino entzaubert und dem Voyeurismus andere, reichere Betätigungsfelder in den digitalen Medien eröffnet, aber etwas von dem alten, magischen Verhältnis ist in der Blickbeziehung zwischen Zuschauer und Leinwand bis heute erhalten geblieben, und vielleicht hat es auch damit zu tun, dass die Kinematographie trotz ihrer technischen Antiquiertheit nicht aufhört, die Menschen aus ihren hellen Zimmern in die dunklen Bildersäle zu ziehen.

          Auch Charlotte Rampling hat den Blick, der im Kino die wirklichen Stars von den guten oder schlechteren Schauspielerinnen unterscheidet. Aber sie besitzt ihn in einem Ausmaß, das ihr im Lauf ihrer Karriere oft zum Hindernis geworden ist, weil die Regisseure, mit denen sie gedreht hat, nicht genau wussten, was sie mit dem Ausdruck dieser Augen anfangen sollten. Das hat nur indirekt mit physiognomischen Eigenheiten zu tun, etwa damit, dass um das mit Goldflecken durchschossene Blau der Iris ein zweiter, dunklerer Ring liegt, der den Blick zugleich fixiert und entgrenzt. Es ist eine Frage der Intensität. Charlotte Rampling schaut in die Kamera, als stünde dort, wo ihr Bild entsteht, kein mechanischer oder digitaler Apparat, sondern das einzig wahre Gegenüber ihres Lebens.

          In Interviews hat sie mehrfach erklärt, dass sie im Spielen nicht die Selbstbestätigung, sondern die Überschreitung suche, das Sprengen der Grenzen, die verborgene Seite des eigenen Ich. Die Rolle ist dafür nur ein Mittel, und das spürt man, wenn man ihre Filme sieht, gerade jene, in denen man ihr besonders nah zu kommen glaubt. Der französische Regisseur François Ozon, der Charlotte Rampling nach Jahren kleinerer Rollen in mittleren Filmen für das Kino wiederentdeckte, hat sich diese Sehnsucht nach Entgrenzung zunutze gemacht, indem er sich, wie Rampling erzählt, bei den Dreharbeiten zu „Swimming Pool“ buchstäblich auf die Kamera setzte, so dass sie ihn in jeder Szene ansprechen und anschauen musste.

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