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„SMS für Dich“ im Kino : Kein Abschied unter dieser Nummer

  • -Aktualisiert am

Nein, das ist nicht die Ministerin von der Leyen, auch wenn der Zettel auf der Stirn dies behauptet – das ist was anderes, nämlich ein Scherz mit Friederike Kempter. Bild: Warner

Romantische Komödien fürs Kino kommen meist aus Amerika, oft aus England, manchmal aus Frankreich, seltener aus Italien, fast nie aus Kasachstan, diesmal aber kommt eine von hier: „SMS für dich“.

          Ein Trauerjahr für Telefonnummern, das wäre eine begrüßenswerte Idee, die schon Sinn ergäbe, wenn jemand den Betreiber wechselt. Und noch viel mehr empfiehlt es sich, eine Nummer für eine Weile aus dem Verkehr zu ziehen, wenn die Person tatsächlich stirbt, die darunter erreichbar war. Gegen diesen zweifellos vernünftigen Vorschlag gibt es allerdings einen Einwand: Eine Geschichte wie die aus dem Film „SMS für dich“ wäre dann nicht möglich. Denn die beruht eben darauf, dass Clara Sommerfeld, deren Freund brutal aus dem Leben gerissen wurde, ihm noch Textnachrichten schreibt, obwohl sie weiß, dass er sie nie wird lesen können. Was sie nicht weiß, ist, dass sie jemand anderer liest. Weil die Nummer eben schon wieder neu vergeben wurde. Pietät ist keine Kategorie auf dem Mobilfunkmarkt.

          2009 erschien der Roman von Sofie Cramer, der geschickt neuere Technik mit alten Hoffnungen verband. Das Nummernroulette wird zum Schicksalsreigen, denn siehe da, es hat den Richtigen getroffen. Einen Mann, der für die Nachrichten empfänglich ist, auch wenn er bald durchschaut, dass er nicht gemeint ist. Er ist aber doch gemeint, nur muss sich das erst über viele Missverständnisse hinweg erweisen. Klassischer Fall einer romantischen Komödie, und genau so hat Karoline Herfurth „SMS für dich“ jetzt auch verfilmt: als eine deutsche RomCom, die das Niveau vieler amerikanischer Vorbilder erreicht. Für die Schauspielerin, die in „Fack ju Göhte“ eine der bemitleidenswertesten Rollen hat, ist es die erste Regiearbeit. Und sie spielt auch gleich die Hauptrolle.

          Als hätte sie einen Bann gebrochen

          Für das deutsche Kino ist „SMS für dich“ ein Meilenstein – nicht weil es sich um einen besonders guten Film handeln würde, jedenfalls nicht in dem Sinn, in dem jemand wie jüngst Maren Ade mit dem Weltkino auf dessen höchstem Niveau in Konkurrenz und Dialog tritt. Für Karoline Herfurth sind die Bezugsgrößen andere: Ihr Film überzeugt durch die Weise, wie er Massengeschmack als individuell erscheinen lässt, und er verrät an entscheidender Stelle auch noch ein überraschendes Maß an Selbstreflexion, ohne damit das primäre Zielpublikum groß zu belasten. Es gibt nämlich eine sehr interessante Nebenfigur in „SMS für dich“: eine Sängerin namens Henriette Boot. Der Empfänger der Textnachrichten von Clara, der Journalist Mark Zimmermann (Friedrich Mücke, sehr misterrichtig), soll ein Porträt dieser Unterhaltungskünstlerin schreiben. Er geht verächtlich an die Sache heran, er hält die Dame für konventionell, für ein Kunstprodukt. Ihn aber interessiert das Authentische, außerdem schreibt er eigentlich über Fußball (die Idee, über Messi einen wahrhaftigen Text zu schreiben, hat etwas Naives, aber auch das passt in den Film).

          Mark Zimmermann entdeckt, dass er sich in der Sängerin getäuscht hat. Er schreibt ein Porträt, mit dem er das Thema so verfehlt, dass er es umso besser trifft. In diesem Spiel mit Kunstfigur und Realperson versteckt sich das Nachdenken über die Liebe in „SMS für dich“ so, dass es nicht allzu schwer zu finden ist. Dass Katja Riemann die Darstellerin der Henriette Boot ist, also der Star aus der „naiven“ Phase der deutschen Komödien in den neunziger Jahren, wäre ein Gag für sich, wäre nicht ausgerechnet diese Katja Riemann zuletzt mehrfach mit höchst markanten Rollen hervorgetreten (etwa in „Mängelexemplar“ und natürlich auch in „Fack ju Göhte“). Das Dilemma der RomCom als Genre liegt genau in dieser Spannung, dass sie das Individuelle immer ins Allgemeine auflösen muss – am einfachsten wird das natürlich an der Figur des Traummanns ersichtlich, der genau so viele Ecken und Kanten haben muss, dass nicht gleich auffällt, dass er eine Quersumme darstellt.

          Karoline Herfurth spielt das Spiel nach den Regeln des Genres, und sie spielt es so gut, dass man fast schon meinen könnte, sie hätte einen Bann gebrochen. Den romantischen Bann einer Vorstellung von richtigem Leben, die man mit dem Umstand versöhnen muss, dass einem den Mann fürs Leben der Handyanbieter zulost. Diese Zumutung wird in „SMS für dich“ erfolgreich bearbeitet.

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