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Filmfestival in Venedig : Neue Umgangsformen für den Zusammenbruch

Schluss mit lustig: Joaquin Phoenix in „Der Joker“ Bild: Niko Tavernise/Warner Bros. Pictures/AP

Spezialpreis der Jury für „La mafia non è più quella di una volta“, Goldener Löwe für „Joker“: Die Auszeichnungen beim Filmfestival von Venedig antworten auf den Tod lange gültiger Regeln in Kino und Gesellschaft.

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          Als wir aus dem Kino kamen, waren wir zermürbt, verwirrt, teils gereizt, teils wie von stillem Zauber zart beschwipst – ein kanadischer Kollege fasste das befremdlichste Erlebnis der diesjährigen Reihe von rund zwanzig Wettbewerbsbeitragsfilmvorführungen auf dem Weg in die nächste Warteschlange kopfschüttelnd und treffend mit den Worten zusammen: „Ich habe keine Ahnung, was ich da gerade gesehen habe. Vielleicht war es Dreck, vielleicht war es genial. Aber ich bin mir sicher: Wenn ich den Teil jetzt googeln würde, der dokumentarisch gemeint war, die Namen der Politiker, die Daten der Ereignisse, wüsste ich nicht etwa mehr, sondern noch weniger, und am Ende müsste ich vor diesem Durcheinander aus Pathos und Unfug, Wahrheit und Wahnsinn kapitulieren. Also kapituliere ich lieber gleich und schau mir schnell was anderes an.“

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Film, auf den das kritische Bewusstsein des Kollegen mit dieser bewundernswert aufrichtigen Abdankung antwortete, heißt „La mafia non è più quella di una volta“ (also etwas wie: „Die Mafia ist auch nicht mehr, was sie mal war“). Inszeniert hat ihn Franco Maresco, der zusammen mit Claudia Uzzo auch das Drehbuch geschrieben hat.

          Zwei Erzählstränge kämpfen in diesem nervös geschnittenen und mitunter entschlossen unsouverän fotografierten Opus um die Vorherrschaft, umwickeln einander, würgen einander mehrfach fast ab und fallen zum Schluss entkräftet auseinander. Der erste Strang befasst sich mit der Fotografin Letizia Battaglia, die in Palermo die üble Kollusion von Mafia und Politik jahrzehntelang bildjournalistisch begleitet hat und die heute noch um die beiden toten Richter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino trauert, die wegen ihres integren Kampfes für den Rechtsstaat 1992 von der organisierten Kriminalität ermordet wurden. Der zweite Strang begleitet einen schmierigen, offensichtlich korrupten, aber auf muffige Art auch wieder ganz charmanten Veranstaltungsmanager und Entertainer namens Ciccio Mira dabei, wie er im Jahr 2017 eine furchtbar peinliche Gedenkparty für die beiden getöteten Juristen organisiert, wo talentlose Schlagersänger und andere Unterhaltungsnieten einen großen Bogen um jede klare Aussage zur scheußlichen sozialpolitischen städtischen Wirklichkeit tanzen, die den vorgeblichen Anlass für ihre Darbietungen erzeugt hat.

          Das Sterben muss festgehalten werden, betrachtet, begriffen

          Gibt es den Impresario wirklich? Ist irgendetwas von dem, was ihn und seine (unabsichtliche? hilflose? perverse?) Verhöhnung der Verbrechensopfer betrifft, die der Film zeigt, je passiert? Maresco verweigert die Auskunft. Was er stattdessen mitteilt, ist, dass da, wo Gesetze für die Verwaltung, die Elite, die Macht so wenig mehr gelten wie für das Berufsverbrechertum, auch die Regeln kaputtgehen, nach denen man diese Dinge überhaupt sachadäquat darstellen kann – filmische Regeln, journalistische Regeln, und schließlich sogar diejenigen, die nötig sind, will man sortieren, ob etwas eine Katastrophe ist oder ein Witz, eine Tragödie oder eine Farce.

          Das alles hat Marcone schon 2014 beim ersten Film mit Ciccio Mira, „Belluscone“, thematisiert. Der neue hat jetzt in Venedig einen Spezialpreis der Jury unter Vorsitz der argentinischen Filmemacherin Lucrecia Martel gewonnen. So sehr sich aber dieser Film der simplen Betrachtung nach Dokumentarinteressen oder kulinarischer Kunsterwartung sperrt, so klar liegt die Entscheidung, ihn zu prämieren, auf einer Linie mit derjenigen, eine ganz andere Art Film, nämlich eine Hollywood-Großproduktion nach Comicvorlagen, mit dem Hauptpreis des Festivals auszuzeichnen, dem Goldenen Löwen.

          „Joker“ von Todd Phillips nämlich bebildert etwas, das dem Gegenstand von Franco Marescos irritierendem Film seltsam nahe steht. Garantien des Rechts und überhaupt des gesellschaftlichen Zusammenhangs gibt es nicht mehr in der fiktiven Stadt Gotham, in der Joaquin Phoenix zum Joker wird, einem Massenmörder in Clownsverkleidung. Von Unterweltgestalten kann man in diesem Szenario weder die konservativen noch die linksliberalen Eliten unterscheiden. In bürgerlichen Gesellschaften wird die sozialdarwinistische Brutalität der Besitzenden zwar normalerweise von Manieren der Wohltätigkeit und von Riten zivilreligiöser Heuchelei gezügelt, während komplementär dazu die linksliberalen Schönen und Erfolgreichen der Kulturwelt ihren Narzissmus und ihre Selbstgerechtigkeit („Ich bin Schauspielerin, ich beute niemanden aus“) hinter Masken des Mitleids und Gesten der Parteinahme für Benachteiligte verbergen. In „Joker“ sind diese mildernden Umstände jedoch verdampft: Die Reichen halten die Armen offen für Witze, während komplementär dazu ein bei den weniger Begünstigten beliebter Entertainer (majestätisch schlimm in massiver Repräsentanz des eigenen Lebenswerks: Robert De Niro) sich über einen Jüngeren, der vor Publikum als Pointenreißer abstürzt, mit sadistischer Nonchalance lustig macht.

          Superheldenphantasien sind Allmachtsphantasien, also Größenwahn. Superschurkenphantasien sind Ohnmachtsphantasien, also Verfolgungswahn. Beide Wahnspielarten dominieren nicht nur die Kinokassen in unserem finsteren Geschichtsabschnitt, in dem die Leute als Kinopublikum wie als politische Wählerschaft im Scherbenregen zersplitternder Ordnungen stehen; von den Maßgaben der gewohnten Erwerbsarbeit (die in neuen, irregulären, computer- und robotergestützten Produktionsregimes abschmilzt wie erwärmtes arktisches und antarktisches Eis) über die Standards des gewohnten Journalismus („Fake News“) bis zu den Formaten der gewohnten Massenkunst (was passiert im Stream mit dem Kinofilm?). Die Leute stimmen für den Brexit, wählen Trump und bestaunen den Joker. Die alten Regeln sind tot. Ihr Sterben muss festgehalten werden, genau betrachtet und hoffentlich begriffen. Lehren sind zu ziehen. Die Jury der Filmfestspiele in Venedig hat das mit vorbildlichem Ernst versucht.

          Die Preisträger der 76. Filmfestspiele in Venedig

          Goldener Löwe als Ehrenpreis für ein Lebenswerk: Julie Andrews und Pedro Almodóvar

          Goldener Löwe für den besten Film: „Joker“ (Todd Phillips)

          Silberner Löwe – Großer Preis der Jury: „J’accuse“ (Roman Polanski)

          Silberner Löwe – Beste Regie: Roy Andersson (für „Über die Unendlichkeit“)

          Coppa Volpi – Bester Darsteller: Luca Marinelli (für „Martin Eden“)

          Coppa Volpi – Beste Darstellerin: Ariane Ascaride (für „Gloria Mundi“)

          Bestes Drehbuch: Yonfan (für „No.7 Cherry Lane“)

          Spezialpreis der Jury: „La mafia non è più quella di una volta“ (Franco Maresco)

          Marcello-Mastroianni-Preis für das beste neue Schauspieltalent: Toby Wallace (“Babyteeth“)

          Bester Film in der „Orizzonti“-Reihe : „Atlantis“ (Valentin Vasjanovic)

          Beste Regie in der „Orizzonti“-Reihe: Théo Court (“Blanco en Blanco“)

          „Orizzonti“-Spezialpreis der Jury: „Verdict“ (Raymund Ribay Gutierrez)

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