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Filmkritik zu „Die Mumie“ : Im Grab mit den Kreuzritterzombies

Vier Pupillen sehen mehr als zwei: Die ägyptische Prinzessin Ahamanet (Sofia Boutella), die vor fünftausend Jahren mumifiziert worden war, verdankt ihr Leben einem Pakt mit dem Gott Seth und der Dussligkeit des Abenteurers Nick (Tom Cruise). Bild: dpa/Universal Pictures

Hollywood entdeckt wieder einmal seine Horrorfilm-Klassiker und plant eine Serie von Remakes. Den Auftakt macht Alex Kurtzmans Film „Die Mumie“ mit Tom Cruise.

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          Nicht immer verraten die Anfangssätze eines Films, wohin es ihn tragen wird. Hier schon: „Was zum Teufel ist das?“, lautet der erste. „Keine Ahnung“, der zweite. Natürlich kommen beide Stimmen aus dem Off, natürlich wird die Entdeckung, die da gemacht wurde, monströse Folgen haben, die das gesamte irdische Leben bedrohen. Und natürlich wird der Zuschauer jenseits dieser Gewissheit erst im Verlauf des ersten Filmdrittels wirklich begreifen, worin diese Bedrohung genau besteht.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Das ist in „Die Mumie“ nicht anders, auch wenn der Regisseur Alex Kurtzman offensiv den Anschluss an die Stofftradition sucht, schließlich gibt es Filme um alte Mumien, die in der Moderne plötzlich zu neuem Leben erweckt werden und Unheil stiften, seit dem Boris-Karloff-Film von 1932, der die damals seit dem Fund des Tutanchamun-Grabs grassierende Ägyptenbegeisterung aufgriff. Von Anfang an ging es um das Spannungsfeld zwischen Tod und Wiedergeburt, zwischen tatsächlichem Leben und einer zombiehaften Scheinexistenz, und spätere Adaptionen des Stoffs betonen dann gern, wie die Untoten die Lebenden überfallen, um ihnen die Lebensenergie auszusaugen.

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          Kurtzmans Film tut es ihnen nach, indem er Sofia Boutella als Ägypterprinzessin Ahamanet aus ihrem fünftausend Jahre alten Grab holt, um sie auf britische Polizisten loszulassen, die durch ihren Kuß sekundenschnell verwesen und als Zombiearmee ihre Dienste tun – spätestens wenn Köpfe und andere Gliedmaßen durch die Gegend fliegen, gerät man ins Grübeln über die Altersfreigabe ab Zwölf dieses Films. Allerdings bekommt es Ahamanet, deren Leib sich mit jedem Kuß entschrumpelt, mit einer mächtigen Organisation zu tun, die in London unter dem Naturhistorischen Museum ihr Labor betreibt, mit dem erklärten Ziel, „das Böse“ zu isolieren, wo immer man es antrifft. Geleitet wird sie von einem Dr. Henry Jekyll (Russell Crowe), der sich regelmäßig eine Injektion in die Hand jagt, um nicht zu Mr. Hyde zu werden, nur dass die von ihm gefangene und gequälte Prinzessin vor der Kamera so sehr als leidende Kreatur präsentiert wird, dass spätestens an dieser Quelle die Absicht des Films, Gut und Böse als gerade nicht eindeutig zu zeichnen, überdeutlich wird.

          Dies betrifft vor allem den Abenteurer Nick Morton, dem Tom Cruise vor allem die Neigung zu körperlich äußerst fordernden Szenen mitgibt, während die Mimik sich nicht groß ändert, ob er nun im Irak unter den Beschuss von Terroristen gerät, mit einem Frachtflugzeug abstürzt oder sich in einem Pub betrinkt. Eingeführt wird er als skrupelloser Kunsträuber, der an der blonden Archäologin Jenny einen Beischlafdiebstahl verübt, also charakterlich fragwürdig ist und zurecht ihren Fausschlag empfängt. Dann aber rettet er Jenny das Leben, opfert dabei das eigene und kriecht trotzdem aus dem Leichensack, weil die untote Prinzessin großes mit ihm vorhat, wie ihm sein ebenfalls untoter Kumpel verrät. Nick jedenfalls, argwöhnt Jenny, gibt sich zynisch, ist aber eigentlich ein Guter, und dieser schlichte Befund wird den Film bis zum Ende begleiten.

          Entscheidend ist natürlich anderes: Der Mix aus Actionszenen und Zitaten aus dem Fundus der Menschheitsgeschichte, die kolossalen Bauten, die mal die Indiana-Jones-Serie und mal den Auftakt von „The Gathering“ zitieren, wo – hier so hanebüchen wie dort – plötzlich eine uralte, irgendwie versunkene und doch allerbestens erhaltene Kirche auftaucht, nur dass sich die Beerdigten als Kreuzfahrer-Zombies an die Seite der Prinzessin stellen, was sich vor der Kamera fraglos gut macht. Vorwerfen wird man dem Film allerdings, dass er im wüsten Zusammengewürfel mitunter seine Linie verliert, dass er mal Horror-Komödie sein will und sich dann wieder bluternst nimmt, dass er große Fragen aufwirft und sie aufs Allerschlichteste beantwortet oder dass er mit Zeichen spielt und kaum darauf eingeht, worauf sie zielen. So ist etwa die Verwandlung der ehrgeizigen Prinzessin davon begleitet, dass sie plötzlich vier Pupillen besitzt und ihr Körper wie aus dem Nichts mit Hieroglyphen bedeckt, also beschrieben wird. Sie ist von nun an, könnte man daraus ablesen, nicht mehr Herrin ihrer selbst, sondern agiert nach fremden Vorgaben, was dann aber im Film keine Rolle mehr spielt.

          Dem erklärten Willen der Urheber zufolge ist „Die Mumie“ der Auftakt zu einer Serie von Neuverfilmungen klassischer Horrorfilmstoffe. Dass Nick am Ende zum Monster wird und verschwindet, lässt auf künftige Tom-Cruise- Gastauftritte schließen. „Er ist immer noch ein Mensch“, sagt Jenny am Ende des Films. „Das Böse schläft nie, und es wird nach ihm rufen“, antwortet Dr. Jekyll. Keine Frage, dass der Ruf erhört wird.

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