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Regisseur Yilmaz Güney : Wo soll der stolze Kurde Zuflucht finden?

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Der berühmteste Film eines Mannes, der für die Kunst sein Leben riskierte, ist in Abwesenheit des Regisseurs gedreht worden: „Yol“ (1982) Bild: Mitosfilm

Rücksichtslos rebellisch: Der Regisseur Yilmaz Güney war ein mutiger Gegner der türkischen Misere. Der Film „Die Legende vom hässlichen König“ erinnert an ihn.

          4 Min.

          Im Jahr 1981 werden mehrere westeuropäische Staaten mit einem originellen Asylgesuch konfrontiert: „Ein stolzer Kurde, unterdrückt durch das feudale Leben“, braucht eine Zuflucht. Sein Name: Yilmaz Güney aus Adana. Beruf: Schauspieler und Filmemacher. Deutschland, die Schweiz, Italien und Österreich lehnen ab. In Frankreich, wo François Mitterrand gerade Präsident geworden ist, findet Güney schließlich Aufnahme.

          Seine Flucht aus der Türkei wirkt wie ein Vorzeichen auf spätere Flüchtlingskrisen: ein Mann mit einer Basttasche, als Proviant trägt er Oliven, Ziegenkäse und Brot bei sich, lässt sich auf einem Boot nach Europa bringen. Er wird seine Heimat nicht wiedersehen. Ein Jahr später erhält Güney in Cannes eine Goldene Palme für „Yol“, einen Film, den seine Mitarbeiter auf seine Anweisungen hin gedreht haben, während er im Gefängnis war. Zwei Jahre später, 1984, stirbt Güney in Paris an Magenkrebs.

          Ära der Modernisierung

          In dem Porträtfilm „Die Legende vom hässlichen König“ von Hüseyin Tabak, mit dem die Erinnerung an Yilmaz Güney wieder auf die Agenda gesetzt wird, gibt es eine ungeheuer bewegende Szene, in der man seine Mutter vor einer Videokamera sitzen sieht. Sie spricht zu ihrem Sohn: „Zwischen dir und mir sind die Berge.“ Sie versucht mit ihrer Botschaft, eine Distanz zu überbrücken, die in Wahrheit viel größer ist, als sie wissen kann. Denn Güney ist zu diesem Zeitpunkt, da seine Mutter aus Izmir zu ihm spricht, bereits tot. Die Videobotschaften dienen der Verschleierung dieser schmerzhaften Tatsache für eine Frau, von der die Freunde fürchten, dass sie die Nachricht nicht verkraften würde.

          Güney begann in einer Ära, die sich heute als eine weltweite Modernisierungszeit verstehen lässt: Der wirtschaftliche Aufschwung in der „freien Welt“ nach dem Zweiten Weltkrieg führte zu kulturellen Veränderungen, die häufig verkürzt als Amerikanisierung wahrgenommen wurden. Gerade die Türkei ist aber ein exzellentes Beispiel dafür, worum es dabei tatsächlich ging – auch: um welche Feudalismen (und deren Ende).

          Ein echter Revolutionär

          Als türkischer Kurde vertrat Güney eine in globaler Perspektive kleine Gruppe, deren Ausstrahlung als Avantgarde (und deren teils archaische Lebensformen) Resonanzen von Iran bis nach China, aber auch in den europäischen Süden hatte. Der späte Preis in Cannes, den er sich noch dazu mit Costa-Gavras (für dessen Film „Missing“) teilen musste, war eigentlich fast ein Missverständnis. Denn „Yol“ ist nicht unbedingt sein bester Film, und nicht nur deswegen, weil er ihn mehr oder weniger fernsteuern musste.

          Das Gefängnis war so etwas wie die prägende Lebenstatsache von Güney. Er verstand sich stets als Revolutionär, wollte „für niemanden das Pferd sein“, wehrte sich also gegen jede Unterdrückung. Die patriarchale Ordnung in der kurdischen Türkei musste ihm also ebenso widerstreben wie die politische Gewalt, die in der Militärdiktatur herrschte. Dreimal gab es zu Lebzeiten Güneys Machtübernahmen durch das Militär: 1960, 1971 und 1980.

          Güneys frühe Regiearbeiten

          Nach dem ersten Putsch wurde er als Kommunist inhaftiert. 1962 kam er wieder frei und wurde in den sechziger Jahren zu einem populären Schauspieler in der Türkei. Damals bekam er den Ehrentitel, auf den Hüseyin Tabak – er ist gebürtiger Deutscher aus kurdischer Familie und studierte an der Wiener Filmakademie – sich mit seinem Filmtitel bezieht: „hässlicher König“, weil er nicht dem geläufigen männlichen Ideal der Zeit entsprach.

          Güneys Charisma als Schauspieler und seinen Sinn für Genreformeln kann man gut in einer seiner frühen Regiearbeiten sehen: „Seyyit Han“ (1968), international als „Bride of the Earth“ bekannt. Hier zeigen sich die männlich dominierten Dorf- und Familienverhältnisse, das kulturelle Erbe des autochthonen Kurdistans, dessen Brauchtum in der Lyrik des von Güney verehrten Ahmed Arif verewigt wurde. In „Arkadas“ („Der Freund“, 1974) kann man hingegen eine erstaunlich freizügige, radikal verwestlichte Elite sehen, die in einer „gated community“ außerhalb von Istanbul beinahe so lebt, wie man sich das „savoir vivre“ aus St. Tropez vorstellen mochte.

          Das große Gefängnis

          Güney stilisiert sich in dieser Welt als melancholischer Außenseiter, ein ideologischer Düsterling, der den moralischen Rigorismus der revolutionären Kader vertritt. Hüseyin Tabaks Porträt hätte hier noch einige Dimensionen hinzugewinnen können, wenn er einen etwas typologischeren Blick auf seinen Helden geworfen hätte: denn man kann in Güney eine prototypische Figur seiner Ära erkennen, in der von Andreas Baader bis zu Clint Eastwood auch ein Männlichkeitsideal steckt, das nicht zuletzt durch das Kino dieser Zeit kommuniziert wurde.

          In der Freiheit im Westen, in die er sich aus seinem dritten Gefängnisaufenthalt während eines Freigangs flüchtete, drehte Güney dann noch einen Film, in dem er mit einer großen Zahl von türkischen und kurdischen Ausgewanderten ein großes Gefängnis in Szene setzte: „Duvar“ („Die Mauer“) ist so etwas wie eine politische Großallegorie, zugleich ein stellenweise kaum erträglicher Film über die Bedingungen in einer Haft, in der Kinder in einer Überlebenskonkurrenz gezwungen werden, die schließlich zu einer Entstellung einer Revolution führt.

          Erinnerungen an eine andere Türkei

          Hüseyin Tabak konnte auf Material von den Dreharbeiten zu „Duvar“ zurückgreifen, das einen diktatorischen Künstler zeigt, der mit Kindern genauso rücksichtslos umgeht wie früher mit den weiblichen Darstellerinnen. Die Interviews mit seinen früheren Partnerinnen sind so etwas wie der dialektische Kommentar zu einem autoritären Kunstverständnis, mit dem Güney auf die Umstände seiner Herkunft reagierte.

          „Die Legende vom hässlichen König“ weckt nun mit einem Versuch, Güneys Leben und Werk zusammenzudenken, Erinnerungen an eine andere Türkei (und an andere türkische Oppositionslogiken). Sein Weg folgte letztendlich dem Verlauf, den auch die Karrieren so vieler anderer großer Kollegen dieser Zeit der Militärregimes nahmen: Er endete im Exil und damit auch schon beinahe bei den Verhältnissen des heutigen Weltkinos, in dem das Zentrum (zum Beispiel Frankreich) mit der Peripherie sich im komplexen ästhetischen und finanziellen Aushandlungen zu Koproduktionen zusammenfindet, mit denen die Wartezeit auf den Umsturz der Verhältnisse unendlich verlängert werden kann.

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