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Hofer Filmtage : Die Körper des Krieges

Wir sind ein Volk, aber welches? In Qurhan Burhanis filmischer Rekonstruktion der Rostocker Exzesse von 1992 ist der Rechtsextremismus eine coole Option Bild: Zorro Films

Die Hofer Filmtage zeichnen ein drastisches und sehr physisches Bild der Gewalt im Nahen Osten. Auch der deutsche Nachwuchsfilm sucht erfolgreich die zeitgeschichtliche Bühne.

          3 Min.

          Viel war zu lesen, dass die Bilder des Krieges in die anarchische Hand der sozialen Medien geraten sind und das Rohe am Krieg durch die unkontrollierte Form seiner medialen Darbietung verdoppelt wird. Dem Film gibt das die Möglichkeit einer Art Bildnachbearbeitung. Auf den Hofer Filmtagen, die den Schwerpunkt in diesem Jahr auf dem Krieg in der arabischen Welt legten, wurde sie entschlossen genutzt. Eine ganze Reihe von Filmen löste die individuellen Schicksale aus dem Freund-Feind-Schema des Krieges und zeichnete kleinere Verbindungslinien zwischen den Fronten.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          In geradezu unglaublicher Intensität verdichtet sich der persönliche Konflikt in Nadav Shermans Dokumentarfilm „Der grüne Prinz“. Sherman erzählt die wahre Geschichte von Mosad Yousef, Sohn des Hamas-Führers Scheich Hassan Yousef, der geschockt von den brutalen Verbrechen der Hamas zum Agenten des israelischen Geheimdienstes Shin Bet wird. In den Augen seiner Landsleute begeht er den größten vorstellbaren Verrat. Für Shin Bet wird er zur zentralen strategischen Figur, die als rechte, allwissende Hand seines Vaters Informationen aus den höchsten Kreisen der Hamas zuspielt.

          Sherman zeigt den Krieg als Dunkelkammer. In ihrer Mitte steht eine radikal isolierte Person, die sich einem System anvertraut hat, das in seinem Kern auf die Entwurzelung seiner Mitglieder angelegt ist. Die Pointe liegt auch hier in einer persönlichen Freundschaft unterhalb der staatlichen Konfliktlinie. Mosad entwickelt ein Vertrauensverhältnis zu seinem israelischen Kontaktmann Ben Itzhak Gonen, der ihm später auch beisteht, als er in die Vereinigten Staaten flieht und den Verrat an seiner Familie in einem Buch aufdeckt.

          Guantánamo, von Innen betrachtet: der amerikanische Regisseur Peter Sattler

          Andere Filme blickten von der Peripherie auf die arabische Welt. In „Camp X-Ray“ (der Titel steht für den mittlerweile geschlossenen Teil von Guantánamo Bay) wagt der amerikanische Regisseur Peter Sattler eine Innenschau von Guantánamo am Beispiel einer Wärterin, die sich in einen Häftling verliebt. Sattler muss nicht einmal das ganze Arsenal der in Guantánamo verwendeten Folterpraktiken auspacken, um die Reduktion der Lagerinsassen aufs Insektenhafte ins Bild zu setzen. Der Blick der Kamera ruht auf der Sicherheitsarchitektur, der asymmetrischen Kommunikation durch Schiebeklappen, Zellenfenster und Maschendraht, den Körperpanzern und Gesichtsmasken, mit denen sich die Wärter gegen die Häftlinge immunisieren, als hätten sie es mit toxischen Stoffen zu tun. Alles zielt auf eine Quarantänisierung des ideologischen Gegners.

          Die Romanze beginnt dagegen recht unzart mit den Exkrementen, die der Häftling 471 (Payman Maadi) seiner Wächterin (Kristen Stewart) durch die Türluke an die Kampfmontur schleudert. Die langsame Annäherung zwischen  Wärterin und Häftling, der mit Charme, Bildung und einer impulsiven Rhetorik, die im vollen Bewusstsein moralischer Überlegenheit ist, die professionelle Härte seiner Überwacherin bricht, ist auf beiden Seiten großes Schauspiel und machte Sattlers Spielfilmdebüt zu einem der Höhepunkte des Festivals.

          Blick in die Folterkammer des Bürgerkriegs: Szene aus Abdi Shiars „Der Weg nach Aleppo“

          Die Retrospektive war in diesem Jahr agendagerecht dem israelischen Regisseur Erkan Riklis gewidmet. Riklis steht wie kein Zweiter für die Versöhnung der Kriegsgegner im Nahen Osten. Seine Filme gaben den Ereignissen historische Tiefe, etwa der 1991 gedrehte „Cup Final“, in dem ein israelischer Soldat im Libanonkrieg in die Gewalt einer libanesischen Miliz gerät. In der ruhigen, undidaktischen Erzählung entwickelt sich eine skeptische Freundschaft, je mehr sich beide Parteien als Spielmarken im höheren Konflikt begreifen.

          In manchen Fällen drang der Krieg bis ans Set. Der irakische Regisseur Shiar Abdi reiste illegal und ohne Drehbuch nach Syrien, der Weg nach Aleppo, wo er zunächst drehen wollte, war versperrt, man riet ihm, nach Kobane auszuweichen, wo Abdi die Laiendarsteller für seinen Film rekrutierte. Man merkt „Der Weg nach Aleppo“ seine wackligen Produktionsbedingungen an. Sie geben den Bildern aber Drastik und Prägnanz, besonders, was die sensorische Realität der Folter betrifft. Menschen baumeln mit von Elektroschocks zuckenden Körpern von der Decke, quetschen ihre Gliedmaßen in quadratmetergroße Zellen, bücken sich über Leichen und werden zu Leichenbergen gehäuft. Der Wille, fürs Paradies zu sterben, wird vor der Revolvermündung des syrischen Regierungssoldaten brüchig. Rätselhaft erschien Abdis gutgelaunte Äußerung, man könne über die Lage in Kobane am Ende ja doch nur lachen.

          Rechtsextremer Ästhetizismus: Strandausflug in Qurhan Burhanis „Wir sind jung, wir sind stark“

          Auch der deutsche Nachwuchsfilm, der in Hof traditionell stark vertreten ist, suchte die politische Bühne. Mit dem Eröffnungsfilm „Wir sind jung, wir sind stark“ von Burhan Qurbani, dem ersten Spielfilm über die rassistischen Exzesse in Rostock-Lichtenhagen, hatte das Festival einen starken Beginn. Qurbani bietet eine postmoderne Version der Krawalle. Die radikalisierten Jugendlichen im Kern der Erzählung sind haltlose Nihilisten, die ein ironisch-distanziertes Verhältnis zum rechtsextremen Milieu unterhalten und die im ideellen Vakuum der Wendezeit flottierenden Ideologeme willkürlich aufgreifen. Deutschtumsrituale werden persifliert, Rechtsrock mit der „Internationale“ und Bach-Arien am elterlichen Klavier überblendet. Das alles mischt sich mit der Folklore der verunsicherten Bevölkerung, die den Abzug der Asylanten voller Hohn mit Volksliedern kommentiert. In seiner ästhetisierten Form ist Qurbanis Film sicher kein lupenreiner Spiegel der Zeitgeschichte, vieles wirkt wie eine Projektion heutiger Lebensgefühle auf die Wendezeit, aber seine Deutung ist in sich schlüssig und geht unter die Haut.

          Nicht nachziehen konnte hier Christoph Hochhäuslers Investigativthriller „Die Lügen der Sieger“ über einen Giftmüllskandal im Dunstkreis von chemischer Industrie und Verteidigungspolitik, der über eine Aneinanderreihung von Journalistenklischees nicht hinauskam. Von der Last der Sinnsuche in Wohlstandswelten befreit, präsentierten sich die Filmtage ansonsten aber nicht nur politisch, sondern auch ästhetisch in starker Form.

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