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Erste Vorführungen am 1. Juli : Die Kinos kommen zurück

  • -Aktualisiert am

Leere Kinosäle gehören bald wieder der Vergangenheit an, hofft die Filmbranche Bild: dpa

Es könnte so schön sein: Die Verleiher kündigen Starttermine der Blockbuster an, die Kinobetreiber polieren ihre Popcorn-Maschinen für die ersten Gäste. Doch ohne neue Verordnungen bleiben die Säle leer.

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          Deutschlands Kinobetreiber sind fest entschlossen, am 1. Juli, einem traditionellen Kino-Donnerstag, wieder Publikum zu begrüßen. Ob Multiplex oder Programmkino: Nach fast sieben Monaten ohne Besucher kündigen sie neues Material an. In vielen Programmkinos werden der Oscar-Gewinner „Nomadland“ und die Berlinale-Überraschung „Ich bin dein Mensch“ zu sehen sein.

          Die Cine-Star-Kinos starten mit „Godzilla vs. Kong 3D“ und dem Otto-Film „Catweazle“. Um die Wiedereröffnung vorbereiten zu können, fordert die Branche neue Regeln von der Politik. Wie die deutsche Filmwirtschaft mitteilt, sind die Aufhebung der Maskenpflicht am Platz sowie die Erlaubnis für den Verkauf von Snacks und Getränken Voraussetzung. Außerdem brauche es Sitzplatzkapazitäten von mindestens 50 Prozent, um wirtschaftlich arbeiten zu können.

          Problematisch ist der Flickenteppich an Verordnungen. „Wir haben in dreizehn Bundesländern Kinos, und jedes Bundesland hat andere Regeln zu Abständen, Auflagen in Bezug auf Maskenpflicht, Süßwarenverkauf, Kapazitätsgrenzen und Ähnliches“, sagt Kim Ludolf Koch, Geschäftsführer von Cineplex. Auch der Organisationsaufwand bei einer Testpflicht ist hoch: „Sollte der Test eine Zugangsvoraussetzung für Besucher sein, wird sich das auf den Kinobesuch auswirken.“

          Kleine Häuser sind flexibel

          Während die großen Kinos Vorlauf benötigen, können die kleinen Häuser spontan öffnen. Anruf bei Deutschlands ältestem Programmkino, dem Cinema Ostertor in Bremens Viertel. Bei Geschäftsführerin Andrea Settje ist die Laune einigermaßen gut. „Wir können von einem auf den anderen Tag öffnen“, das sei ein klarer Vorteil des kleinen Hauses mit einhundertzwanzig Plätzen.

          Anders sieht es bei Sebastian Stürtz vom Cineplex in Aachen aus. Seine Familie macht in vierter Generation Kino in Aachen und Alsdorf und hat vierundzwanzig Säle. Auch er fiebert der Öffnung entgegen, hat aber mit anderen Problemen zu kämpfen: Im März 2020 arbeiteten zweihundertdreißig Mitarbeiter für das Cineplex. Heute sind es noch neunzig. Vermutlich werden um die dreißig bis vierzig bis zum Start zurückkehren, aber es braucht eine bessere Perspektive für die vielen Minijobber.

          Die Kinos der Familie Stürtz hatten von Mai bis Oktober geöffnet, obwohl es auch im Sommer Infektionen im Land gab. Aber: „Niemand hat sich bei uns infiziert, kein Mitarbeiter, kein Gast.“ Ähnliche Ergebnisse teilt auch Oliver Fock mit, Geschäftsführer CineStar. Ein Modellprojekt der CineStar Stadthalle Lübeck ergab, dass Kinos mit fünfzigprozentiger Auslastung und Verzehr am Platz ein sicherer Ort seien. Die Kinobetreiber hoffen, mit Auslastungskapazitäten von fünfzig Prozent starten zu können. „Drunter ist ein wirtschaftliches Arbeiten kaum möglich“, sagt Fock.

          Überall herrscht „Film-Stau“

          Der einheitliche Branchentermin ist wichtig. Im Kreis Aachen hätte das Cineplex der Verordnung nach bereits am 28. Mai öffnen können. Aber aus dem Sommer hat die Branche die Lehre gezogen, dass Schnellschüsse nicht effizient sind. Die Kinos öffneten, aber konnten kaum spannende Filme bieten. Jetzt herrscht „Film-Stau“. Viele Titel aus dem vergangenen Jahr liegen auf Halde. Mitunter gibt es ein Termindurcheinander bei den Verleihern, viel wird noch hin und her geschoben. Andere Filme wie „Wonder Woman 1984“ laufen nur bei Streaminganbietern.

          Bald starten auch verstärkt europäische Filme, bei denen die Verleiher flexibler sind und viel eigenständiger entscheiden können. Das Cinema im Ostertor startet am 1. Juli etwa mit dem Gewinner des Goldenen Berlinale-Bären „Bad Lucky Banging or Loony Porn“ und den Dokumentarfilmen „Vor mir der Süden“ und „Morgen gehört uns“.

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          Die finanziellen Folgen sind noch in keinem der Häuser zu beziffern, aber es zeichnen sich Trends ab. „Im Jahr 2020 haben wir knapp siebzig Prozent unserer Besucher verloren, etwa 12,5 Millionen“, sagt Koch. Da jeder Besucher etwa fünf Euro an Fixkosten verursache, spricht er von einem Verlust von etwa siebzig Millionen Euro.

          Kino ist Leidenschaft

          Es gab viele Hilfen, aber dennoch bleiben laut Koch fünfundzwanzig Prozent, die die Kinobetreiber selbst tragen mussten. Er schließt daher für die Cineplex-Kinos bei aktuellen Filmen nicht aus, dass die Mehrkosten auf die Tickets aufgeschlagen werden könnten. Aber die Preise gestaltet jedes Mitglied der Gruppe autonom. „Wir gehen davon aus, dass es einige Wochen, wenn nicht sogar Monate, dauern wird, bis wir wieder ein normales Besuchsniveau erreichen“, sagt Koch. Im Schnitt müsse man jeden Sitzplatz zweihundertmal im Jahr verkaufen, um die Kosten decken zu können.

          Auch Sebastian Stürtz aus Aachen hofft auf viele Besucher. Er wird am 1.Juli mit drei Standorten starten und sich die Zahlen im Juli angucken. Es geht allerdings nicht nur ums Geld. Kino ist nicht irgendein Ort: „Es ist Leidenschaft. Da hängt so viel dran.“

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