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Literaturverfilmung im Kino : Liebe auf verschlungenen Pfaden

  • -Aktualisiert am

Szenenbild: Leo (Mark Rendall) verspricht Alma (Gemma Arterton), sie immer zu lieben. Bild: dpa

Von der Liebe in den Zeiten der Schoa bis zur Schnulze am Bahnhofskiosk: Der Film „Die Geschichte der Liebe“ von Radu Mihaileanu erzeugt erheblichen Druck auf die Tränendrüse.

          „So was wie Liebe gibt es heute nicht mehr.“ Dieser Verdacht könnte moderne Jugendliche angesichts der großen Geschichten von ewiger Glut, in der Menschen früher füreinander entbrennen konnten, durchaus befallen – wobei da nie so ganz klar ist, ob es eine solche Liebe jemals außerhalb der Romane gegeben hat. Die junge New Yorkerin Alma Singer steht jedenfalls einigermaßen unter Liebesdruck. Sie ist die Tochter einer Frau, die sich immer wieder „die meistgeliebte Frau der Welt“ nennt, zum Andenken an ihren früh verstorbenen Mann, der sie eben so immer wieder bezeichnet hat. Ein Erbe, auf das Alma sich nicht so recht verstehen will und mit dem ihr die beste Freundin auch nicht viel weiterhilft, die ihr vor allem mehr Mut zum ersten sexuellen Kontakt ans Herz legt. Und zwar in ziemlich eindeutigen Worten und per Textnachricht.

          In Radu Mihaileanus „Die Geschichte der Liebe“, der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Nicole Krauss, ist Alma Singer die letzte Figur in einer komplizierten Verkettung von Passionen und Manuskripten, die zugleich eine Brücke über den größten Abgrund der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts baut: die Schoa und das Schicksal der osteuropäischen Juden während des nationalsozialistischen Vernichtungskriegs. Bei Alma Singer läuft alles auf – die Vorstellung, Liebe sei stärker als der Tod, und die andere Vorstellung, Liebe bedürfe manchmal gar nicht so sehr der Zweisamkeit oder des Zusammenlebens, sondern einer Erzählung.

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          Diese Erzählung lässt Radu Mihaileanu im Tonfall einer besonderen Gattung anheben: „Es war einmal ein Junge“, heißt es zu Beginn des Films, und auch die Bilder einer idolisierten Schtetlwelt tauchen die Ursprünge der ganzen Liebessukzession in ein märchenhaftes Licht. Wobei der Satz im Grunde nur in einer Spiegelung seine Richtigkeit hat, denn eigentlich müsste man sagen: „Es war einmal ein Mädchen.“ Das Mädchen hieß Alma, und es waren nicht weniger als drei Jungen, die ihr in Liebe zugetan waren. Alle vier entgingen dem großen Morden, und es verschlug sie in verschiedene Weltgegenden, einen nach Chile, drei nach New York.

          Die erste Alma kokettierte mit allen drei Verehrern, aber ihr Herz gehörte doch nur einem von ihnen: Leo Gursky, der ihr einen Roman zu Füßen (oder ans Herz) legt. Doch das Manuskript gerät in die Wirrnisse der Zeiten, und so kommt es, dass der Autor viele Jahre später als schon alter Mann in New York sich nicht darauf berufen kann. Denn es wurde ihm entwendet, erschienen ist es nur auf Spanisch, und es gehört einem anderen Autor. Einem, den die erste Alma nicht wirklich geliebt hat und der seinen ungeheuerlichen Akt sogar noch durch eine falsche fotografische Spur bekräftigt. Einem der drei Jungen von damals, die zu dem Paradies im Schtetl eine Sündenfallerzählung der besonderen Art durchleben, in der sich das Motiv der Überlebensschuld auf merkwürdige Weise literarisch therapiert.

          Der rumänisch-französische Regisseur Radu Mihaileanu ist seit seinem Arthouse-Hit „Zug des Lebens“ einschlägig vorbelastet. Damals erzählte er davon, wie eine Gruppe von Juden dem Tod einfach davonfuhr, die falsche Richtung war in diesem Fall die richtige (nach Osten), und die komische Mimikry einer Deportation war der Clou. „Die Geschichte einer Liebe“ ist nun so etwas wie eine Feier eines Judentums, das über alle Traumata hinweg doch vor allem ein Charakteristikum auszeichnet: Es ist die Religion (oder die Gemeinschaft), die das Buch hat. Und zwar nicht das eine, in dem die Gesetze stehen, sondern auch das andere, in dem die Liebe steht.

          Mihaileanu hat dabei alle Mühe, auf den verschlungenen Pfaden von Nicole Krauss die verschollenen Blätter von Leo Gursky einzusammeln, der zum Ende hin sogar noch ein wenig an einen Paul Celan erinnern sollte, hätte der sich nicht das Leben genommen. In dieser literarischen Schnitzeljagd ist die zweite Alma zugleich die Detektivin und das Motiv. Als sie schließlich mit Leo Gursky gemeinsam und generationenübergreifend auf einer Parkbank sitzt, ahnt man zumindest ein bisschen etwas von der zweifellos ungewollten Pointe, dass die Äternität des Judentums sich hier an einem Liebesideal misst, das von der Liebe in den Zeiten der Schoa bis zur Schnulze am Bahnhofskiosk so ziemlich alles in sich aufnimmt, was die Tränen treibt, und dabei so tut, als wäre die Liebe wirklich eine (Ersatz-)Religion. Oder umgekehrt, das Schreiben das wahre Liebessakrament. Dabei möchte man eines gerade nicht genauer wissen: Was in der „Geschichte der Liebe“ von Leo Gursky steht. Um dieses niemals wirklich geschriebene Buch der Bücher drückt sich Mihaileanu zweieinviertel Stunden lang umständlich herum – ein pathetisches Ablenkungsmanöver von einer leeren Behauptung, von der nur ein verwehter Märchenton (und ein digitales Trugbild) bleibt.

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