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Cannes vor dem Abschluß : Wer die Wolken auf den Boden holt

Das Filmfestival in Cannes, das am Sonntag zu Ende geht, war nicht schlecht, aber etwas träge. Die Trends des Jahres waren „der Fremde im anderen Land“ sowie Sex in vielen möglichen Kombinationen. Mit Bildergalerie der Stars von Cannes.

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          Der Festivalpalast in Cannes ist dekoriert mit einem riesengroßen Bild des Plakatmotivs. Es zeigt die verschattete schmale Figur einer Frau, die aus gleißendem Licht eine Treppe ins Dunkle hinabsteigt. Es ist eine Szene aus „In the Mood for Love“ von Wong Kar-wai, der als Jurypräsident eine ubiquitäre, freundlich elegante, stets hinter schwarzen Brillengläsern verborgene Präsenz war.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Jeden Morgen sah man dieses geheimnisvolle Bild (und oft auch Wong Kar-wai selbst), und jeden Morgen hoffte man auf einen Film, der einen ähnlich umfangen und erregen würde, ein Meisterwerk, das jeder erkennt und das den ganzen Aufwand des Festivals wie der Filmproduktion überhaupt lohnt und unsere Überzeugung vom Kino als unentbehrlicher Kunst lebendig hält. Doch einen solchen Film gab es in Cannes in diesem Jahr nicht.

          Bloß kein Kompromißfilm

          Zwei Filme werden im Wettbewerb noch gezeigt, bevor am Sonntag abend die Goldene Palme und die anderen Preise vergeben werden. Wong Kar-wai hatte am Anfang des Festivals verkündet, er werde alles dafür tun, daß nicht wie so häufig bei internationalen Juryentscheidungen ein Kompromißfilm preisgekrönt werde, weil die Jurymitglieder sich nur auf einen Film einigen könnten, den eigentlich niemand richtig möge. Bei den Filmen, die bisher als Favoriten gelten - immer noch Pedro Almodovars „Volver“ und Alejandro Gonzalez Inarritus „Babel“ vor allen anderen, zu denen sich inzwischen auch Sofia Coppolas „Marie Antoinette“ gesellt hat - wäre diese Gefahr gering.

          Laura Chiatti, italienische Schauspielerin Bilderstrecke

          Bekäme Almodovar die Goldene Palme, wäre dies gleichsam eine Auszeichnung für sein Lebenswerk, bei Inarritu der Preis für eine radikale Vision, die er auf dem Weg vom Arthouse-Kino seiner ersten Filme in den Mainstream von „Babel“ zu retten versucht. Doch der Film seines mexikanischen Kollegen Guillermo Del Toro, „El laberinto del fauno“, läuft erst am Samstag, und auch ihm sprechen die Gerüchte Siegerqualitäten zu.

          Ein wenig mau war es schon

          Es war dennoch kein schlechtes Festival. Die Kritikervoten in den Branchenmagazinen erzielten sogar eine deutlich höhere Durchschnittswertung als in den vergangenen Jahren, aber ein wenig mau war es schon. Das gilt auch für den Filmmarkt, der in diesem Jahr die Grenze zum zehntausendsten Teilnehmer passierte. Nach ihrer Eindrücken gefragt, wiegen die Einkäufer den Kopf und sagen, dies war kein außergewöhnliches, sondern ein eher träges Jahr - und weisen vor allem darauf hin, daß sich eine Sorge der Europäer und Amerikaner verstärkt: Der asiatische Markt scheint nicht mehr so weit offen für westliche Produkte, sondern sich zunehmend aufs eigene Kino und die Filme seiner in der vergangenen Jahren exorbitant ausgeweiteten Produktion zu stützen.

          Gab es Trends? Themen des Jahres? Vielleicht zwei, oder zweieinhalb. Sex zum einen, harter, ungestellter, unverstellter Sex in vielen möglichen Kombinationen. James Cameron Mitchell versucht in „Shortbus“ (außer Konkurrenz gezeigt), der vor allem in einem New Yorker Sexclub-Club spielt, seine Figuren allein durch die Beobachtung ihres (realen) sexuellen Verhaltens zu konstruieren und damit weg vom Sex zu Verantwortung, Liebe, Bedürftigkeit oder verwandten Gefühlen vorzustoßen. In „Red Road“, dem Wettbewerbsbeitrag von Andrea Arnold, gibt es eine „real life“ Cunnilingus-Szene, bei Bruno Dumont seinen üblichen trostlosen Sex in Scheunen und im Gras, außerdem eine Gruppenvergewaltigung und eine Kastration, beides allerdings - so ist zu hoffen - gestellt.

          Fast immer wenig delikat

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