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Französische Filmkomödie : Der nächsten, noch besseren Täuschung wollen wir trauen

Man möchte es glauben: Daniel Auteuil als Victor und Doria Tillier als Margot in „Die schönste Zeit unseres Lebens“ Bild: Constantin Film Verleih/dpa

Was passiert, wenn wir unsere Erinnerungen nachspielen dürfen? Für die französische Filmkomödie „Die schönste Zeit unseres Lebens“ sind Fanny Ardant und Daniel Auteuil die ideale Besetzung.

          3 Min.

          Das französische Kino wird in Deutschland oft um seine Fähigkeit beneidet, aktuelle Themen in populäre Formen zu verpacken – so wie beispielsweise die multikulturelle Gesellschaft in den „Monsieur Claude“-Komödien von Philippe de Chauveron. Ein Grund für diese Fähigkeit ist die Treue des französischen Publikums zu seinen Filmen, mit Marktanteilen, von denen man in Deutschland zu träumen aufgehört hat. Ein anderer, wichtigerer liegt in der Tatsache, dass das Kino in Frankreich immer noch eine Industrie ist und kein mittelständisches Gewerbe wie bei uns. Der Staat und die Regionen pumpen pro Jahr etwa achthundert Millionen Euro in diesen Wirtschaftszweig, aber dieses Geld wird offenbar effektiver angelegt als die Viertelmilliarde an deutschen Filmsubventionen, denn Frankreich gehört beim Kino nach wie vor zu den größten Exportnationen der Welt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In „Die schönste Zeit unseres Lebens“, dem zweiten Film des Schriftstellers und Dramatikers Nicolas Bedos, wird diese Industrie zum Schauplatz der Geschichte. Zwei Freunde, Maxime und Antoine, betreiben ein Studio, das sich darauf spezialisiert hat, vermögende Kunden an den Ort und in die Zeit ihrer Wünsche zu versetzen. Es ist das Geschäftsmodell des Kinos, zugespitzt zur individuellen Immersion: Ein Klient trifft Ernest Hemingway, ein anderer seinen verstorbenen Vater, ein dritter wird wieder zum Hippie. Dabei sind sich alle, die zahlenden wie die bezahlten Darsteller, der Illusion, an der sie gemeinsam stricken, bewusst. Von Anfang an liegt eine abgründige Ironie über dem Film, vermischt mit der Sehnsucht, hinter all den Kulissen doch wieder etwas Greifbares, Wirkliches zu finden.

          Seine maulige Weichheit, ihre kristallene Lebensgier

          Die Erzählung kommt in Gang, als Maxime seinen Vater, einen arbeitslosen Karikaturisten, zu einem Gratisbesuch bei den „Time Travellers“ einlädt. Dieser Victor (Daniel Auteuil) ist gerade von seiner Frau Marianne (Fanny Ardant) aus der Wohnung geworfen worden, und als er von diesem Tiefpunkt aus den Moment seines größten Glücks avisiert, landet er beim 16. Mai 1974. An diesem Tag hat er Marianne in einem Bistro in Lyon kennengelernt, und diese Begegnung lässt er sich jetzt von den Angestellten der Eventagentur vorspielen, komplett mit Gitarrensolo, Gesangseinlage und Regenguss. Auch Victor wirft sich für seinen Auftritt in Schale, er zieht einen hellbraunen Anzug mit Schlaghosen an, und er rasiert seinen Vollbart.

          Es braucht viel, damit eine solche Konstruktion nicht wie ein überhitztes Soufflé in sich zusammenfällt. Vor allem braucht es Schauspieler, die ihr eigenes Tun gleichsam verdoppeln, die sich in sich selbst spiegeln können, damit die Scheinwelt, in der der Film spielt, gleichzeitig gebrochen und real wird. Fanny Ardant und Daniel Auteuil sind dafür die ideale Besetzung, nicht nur, weil es eine Freude ist, zu sehen, wie seine maulige Weichheit an ihrer kristallenen Lebensgier zerschellt, sondern auch, weil sie den Illusionsapparat, den dieser Film vorführt, mit ihren Biographien beglaubigen. Beide stehen seit mehr als vierzig Jahren vor der Kamera; die Welt, von der ihre Figuren träumen, ist ihr Zuhause. Aber auch Nicolas Bedos nimmt über sein Alter Ego, den Studioregisseur Antoine, am Spiel mit der Wahrheit des Fiktiven teil. Guillaume Canet, der ihn mit gewohnt rabiater Lässigkeit verkörpert, hat selbst schon fünf Spielfilme gedreht, so wie viele Schauspieler im französischen Kino inzwischen auch Regie führen und Drehbücher schreiben.

          Was ist so französisch an diesem Film?

          Das eigentliche Zentrum der Geschichte aber ist Doria Tillier als Antoines Freundin Margot, die zugleich die Hauptrolle in der Reinszenierung von Victors Jugend spielt. Tillier hat ihre Karriere als Wetterfee und Fernsehschönheit begonnen, und eine Zeitlang erliegt man der Täuschung, dass sie nur wegen ihres Aussehens vor der Kamera steht. Doch dann begreift man, dass sie für Bedos dasselbe tut, was Fanny Ardant für Truffaut getan hat. Sie ist das Objekt der Begierde, das deren Subjekte an der Nase herumführt. In einer Szene spielt sie Auteuil, der sich in sie verliebt hat, ein Familienleben mit Mann und Baby in der Banlieue vor, und einen Moment lang glaubt man selbst, was er glauben soll. Dann, plötzlich, ist das Wohnzimmer nur Kulisse und der Säugling bloß ein Requisit. Gerade dadurch, dass er seine Täuschungen permanent enthüllt, weckt Bedos unser Bedürfnis, der nächsten, noch besseren Täuschung zu trauen. Wir alle haben unseren ganz persönlichen 16. Mai 1974 im Hinterkopf; es kommt nur darauf an, dass ein Film ihn trifft.

          Was ist so französisch an „Die schönste Zeit unseres Lebens“? Alles: die Cleverness, die Routine und die Ironie, der Glanz der Schauspieler und des Dekors, die Selbstverliebtheit und der Ernst, der sie überwindet. Das deutsche Äquivalent zu Bedos’ Film hieß „Traumfabrik“, ein schwerfälliges, pompöses Melodram vor dem Hintergrund des Mauerbaus, das im Juni in die Kinos kam und bald wieder daraus verschwand. In Frankreich hatte „Die schönste Zeit“ ein Millionenpublikum. Alles ist gut.

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