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Regisseurin Agnès Varda : Die Kinoschreiberin ist gestorben

  • Aktualisiert am

Als erste Frau hatte sie den Goldenen Löwen in Venedig erhalten, ihr Lebenswerk wurde mit einem Oscar geehrt, ihre Filme produzierte sie selbst: Im Alter von neunzig Jahren ist Agnès Varda gestorben.

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          Die französische Filmemacherin Agnès Varda ist tot. Sie starb im Alter von neunzig Jahren, wie ihre Familie am Freitag mitteilte. Die Vertreterin der „Nouvelle vague“ hatte noch im Januar bei der Berlinale den autobiographischen Dokumentarfilm „Varda par Agnès“ vorgestellt. Sie engagierte sich im Rahmen der #MeToo-Bewegung auch für mehr Chancengleichheit in der Filmbranche.

          Als Tochter französisch-griechischer Eltern am 30. Mai 1928 in Brüssel-Ixelles geboren, wuchs Varda, die mit achtzehn Jahren ihren Vornamen von Arlette zu Agnès ändern ließ, mit ihren vier Geschwistern an der französischen Mittelmeerküste in Sète auf. Sie studierte an der Sorbonne und an der École du Louvre Literatur, Kunstgeschichte und Philosophie, um Kunstrestauratorin zu werden. Anschließend machte sie eine Fotografenlehre und reiste als Fotoreporterin durch China, Afrika, die Vereinigten Staaten sowie die Sowjetunion.

          Als Filmemacherin hatte sie ein spektakuläres Debüt: Ihr Kurzfilm „La pointe courte“, eine 1954 ohne jegliche filmische Vorbildung gedrehte Ehekrisengeschichte, gewann große Bedeutung für die spätere „Nouvelle vague“, obwohl Varda nicht – wie François Truffaut und Jean-Luc Godard – dem Zirkel der einflussreichen Kinozeitschrift „Cahiers du cinéma“ angehörte. Sie selbst sah sich eher als schwarzes Schaf der „Nouvelle vague“ denn als deren Wegbereiterin.

          Kein Geld mehr für ein größeres Projekt

          Ihre in mehr als sechzig Jahren entstandenen mehr als fünfzig Filme balancieren stets zwischen Wirklichkeit und Spiel und verbinden Dokument und Fiktion. Ihre literarische Herangehensweise an den Film nannte sie selbst „cinécrire“ (kinoschreiben). Bei Festivals feierte die Regisseurin allerdings größere Erfolge als an den Kinokassen. Varda wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Ehren-César, dem Ehrenleoparden, dem Europäischen Filmpreis für ihr Lebenswerk, der Ehrenpalme sowie einem Ehren-Oscar für ihre langjährigen Verdienste als Regisseurin.

          Agnès Varda, geboren am 30. Mai 1928 in Brüssel, gestorben am 29. März 2019, in einer Szene des Dokumentarfilms „Varda par Agnès“

          Ihre ersten längeren Filme erregten Anfang der sechziger Jahre Aufsehen: „Mittwoch zwischen fünf und sieben“ aus dem Jahr 1961 ist das Porträt einer Sängerin, die zwei Stunden lang auf ein folgenschweres ärztliches Urteil warten muss. „Das Glück“ (1965) erzählt von einem Mann zwischen zwei Frauen. Für ihren nächsten Spielfilm konnte sie die beiden Stars Catherine Deneuve und Michel Piccoli verpflichten. „Les créatures“ (1966) wurde allerdings ein Flop, und Agnès Varda fand daraufhin jahrelang kein Geld mehr für ein größeres Projekt. So drehte sie politisch engagierte Kurzfilme über die revolutionäre Black-Panther-Bewegung in den Vereinigten Staaten (1968) und die Flower Power People in San Francisco.

          Noch ein Flop mit Piccoli

          1977 gründete Varda ihre eigene Produktionsfirma „Ciné-Tamaris“, mit der sie als erstes „Die eine singt, die andere nicht“ (1977) produzierte, einen Film über zwei Frauen, die in den siebziger Jahren auf unterschiedliche Weise Glück und Zufriedenheit finden. 1985 erhielt sie für „Vogelfrei“ beim Filmfestival von Venedig – als erste Frau überhaupt – den Goldenen Löwen. Es handelte sich um einen klassischen Autorenfilm aus dem Geist der „Nouvelle vague“ – erdacht, geschrieben, gedreht, geschnitten und produziert von Varda selbst: ihr bis dahin größter Erfolg. Die Geschichte über die letzten Stationen einer jungen Streunerin vor ihrem Kältetod, inszeniert mit nur wenigen Schauspielern und Laien in karger Winterlandschaft, sahen Kritiker als eine Variation ihres alten Themas: die Freiheit und ihr Preis.

          1988 brachte die französische Regisseurin ein Doppelprogramm in bundesdeutsche Kinos. „Jane B... wie Birkin“, eine filmische Porträt-Collage der englischen, in Paris lebenden Schauspielerin Jane Birkin, dokumentierte die spannungsgeladene Freundschaft der beiden Frauen. In der Produktion „Die Zeit mit Julien“, die ursprünglich als episodische Einlage in das Birkin-Porträt geplant war, erzählt Varda die „unmögliche Liebesgeschichte“ der 40-jährigen Mary-Jane (Jane Birkin) zu dem fünfzehnjährigen Julien (dargestellt von Vardas Sohn Mathieu Demy). Mit „Jacquot de Nantes“ setzte Varda 1991 ihrem noch während der Dreharbeiten verstorbenen Mann Jacques Demy ein Denkmal. Anlässlich des 100. Geburtstags des Kinos veröffentlichte Varda 1995 mit „Hundert und eine Nacht“ eine mit Michel Piccoli als hundertjährigem Monsieur Simon Cinéma in der Hauptrolle und vielen weiteren Stars besetzte Produktion, die allerdings kein Zuschauererfolg wurde.

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