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Filmregisseurin Jane Campion wird sechzig : Schauen vor Frauenlandschaft

Regisseurin Jane Campion, die einzige Frau, die eine Goldene Palme gewonnen hat, wird sechzig. Bild: AP

Diese Filmregisseurin will und erreicht, dass wir mit ihren Figuren um Atem ringen: Atemberaubende Landschaften, wahre Helden und pure, ganz unliebliche Romantik zeichnen das Werk von Jane Campion aus. Jetzt wird sie sechzig.

          Vermutlich könnte man einen Film von Jane Campion daran erkennen, wie ihre Landschaften aussehen. Mit Sicherheit erkennt man einen Film von Jane Campion daran, wie die Frauen sich in diesen Landschaften bewegen, wo sie stehen, wie sie gefilmt sind. Die schroffen, verregneten Wälder etwa in „Das Piano“, die windzerzausten Ebenen über den Kliffs in ihrer Trilogie von Janet-Frame-Verfilmungen „An Angel at My Table“, die verwehten Gärten von „Bright Star“, der Liebesgeschichte zwischen John Keats und Fanny Brawne, die silbern glatte Oberfläche des Sees in der Mini-Fernsehserie „Top of the Lake“ - sie alle sind Teil jener schauerromantischen Umgebung, in der die neuseeländische Regisseurin ihre Frauenfiguren den prekären Geschlechterverhältnissen aussetzt.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Landschaften sind dabei nicht nur Setting, sondern Teil dieser besonderen Atmosphäre in ihren Filmen, die zwischen Wirklichkeit, Projektion, Sehnsüchten und mystischen Verweisen kaum einen Unterschied macht. In diesem immens visuell-sinnlichen Filmemachen ist Jane Campion unverwechselbar.

          Einundzwanzig Jahre ist es her, dass die Neuseeländerin beim Filmfestival in Cannes als erste Frau die Goldene Palme gewonnen hat. „Das Piano“ war damals eine Sensation; ein Film, in dem eine Frau in viktorianischer Zeit, die nicht spricht - mit sturer Verletzlichkeit von Holly Hunter gespielt -, mit ihrer Tochter an einem neuseeländischen Strand sozusagen angespült wird, den Mann, an den sie in dieser gottverlassenen Gegend verheiratet wurde, nicht ertragen kann und einen anderen Mann trifft, an den sich ihr Begehren heftet.

          In „Das Piano“ (1993) kann eine Frau (Holly Hunter) ihren Mann nicht ertragen und heftet ihr Begehren an einen anderen: so lüstern, und gleichzeitig so verstockt

          Einen solchen Film hatte noch niemand gesehen: so lüstern, gleichzeitig so verstockt, so ohne ideologischen Überbau, so offen sexuell und gleichzeitig auch voller Scham. Mit Darstellern, die vor nichts zurückschreckten, Holly Hunter nicht, Sam Neill nicht als ihr zwangsweise zugewiesener Ehemann, Harvey Keitel nicht als der Geliebte, und selbst die damals noch ganz junge Anna Paquin wirkte furchtlos in der Rolle der Tochter, die manchmal mehr sieht, als sie verstehen kann. Nach dem Erfolg in Cannes gewann „Das Piano“ einige Schauspiel-Oscars und Jane Campion den Oscar für das beste Drehbuch. Es ist bis heute ihr erfolgreichster Film geblieben.

          Sie war damals nicht zum ersten Mal in Cannes. Mitte der achtziger Jahre hatte sie mit ihren Kurzfilmen Aufsehen erregt, und auch als sie ihren ersten langen Film „Sweetie“ dort vorgestellte, schnappten die Leute erstmal nach Luft, so durchgeknallt mit seinen schrägen Einstellungen und kreischenden Farben und gleichzeitig so kontrolliert schien dieser Film über eine grell geschminkte Frau mit ungeklärtem Verhältnis zu ihrem Vater inszeniert zu sein. Schon damals, 1989, war klar, diese Regisseurin, in Neuseeland geboren, in Australien ausgebildet, vom europäischen und amerikanischen Film geprägt, würde ein Solitär bleiben, jeder Film ein Wagnis.

          Barbara Hershey und John Malkovich in Campions „Portrait Of  A Lady“ (1996)

          „An Angel at My Table“ war dann zurückgenommener, auch weil er eine wahre Heldin hatte, keine erfundene. Janet Frame, die neuseeländische Autorin, war fälschlicherweise als schizophren diagnostiziert worden und hat lange Zeit in Nervenheilanstalten verbringen müssen, bis ein Literaturstipendium sie befreite. Sie war eine fast krankhaft schüchterne, hochbegabte Frau, die Kerry Fox so spielte, als bewohnte sie die Figur. Dann kam „Das Piano“. Und irgendwann, nach einer Henry-James-Verfilmung mit Nicole Kidman („Portrait of a Lady“) ein Thriller, der fast überall durchfiel, obwohl er zum düstersten, paranoischstem, also zum besten gehört, was das Genre in den letzten fünfzehn Jahren gesehen hat: „In the Cut“ mit Meg Ryan, kaum wiederzuerkennen als erwachsene Frau mit abseitigen Sehnsüchten und Begierden. Elisabeth Moss, die in „Top of the Lake“ die Detektivin spielt, könnte ihre Schwester, mindestens ihre Cousine sein.

          Selbst in der puren, aber ganz unlieblichen Romantik, die in „Bright Star“ erblüht, sind die Körper begehrend, und die Liebesgeschichte, die mit dem Tod von Keats endet, findet ihren Ausdruck nicht nur in den Gedichten, die der Lyriker seiner Fanny schreibt, sondern auch darin, wie die beiden in kurzer Berührung ineinander versinken. Zwanglos lässt Jane Campion die Gedichte Teil ihrer Geschichte werden, ganz lebendig für die Zeit, die dieser Liebe blieb.

          Bis heute ist Jane Campion die einzige Frau, die eine Goldene Palme gewonnen hat. An diesem Mittwoch wird sie sechzig. Vom 14. Mai an sitzt sie der Jury bei den Filmfestspielen in Cannes vor - als erste Regisseurin in diesem Amt.

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