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„Spider-Man 2“ im Kino : Die Farben des Bösen

Wenn der Schnupfen wieder auskuriert ist: Spider-Man unterwegs vor irrlichterndem Hintergrund, der sich dem Schurken Electro verdankt. Bild: dpa

Was tun Superhelden, wenn sie Schnupfen haben? Marc Webbs Film „The Amazing Spider-Man 2“ hat nicht nur darauf eine Antwort.

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          Zunächst einmal ist es beruhigend, dass auch Superhelden sich einen Schnupfen zuziehen können, wobei allerdings schon diese Behauptung ein Problem darstellt. Denn wenn sich Peter Parker im Spider-Man-Kostüm in einen Drugstore schleppt und Nasenspray kauft – ist er dann einfach nur Parker oder Superheld? Haben beide Schnupfen oder nur einer? Das sind halt die Probleme, wenn in einem Körper zwar nicht zwei Personen stecken, aber zwei Persönlichkeitsprofile koexistieren müssen.

          Peter Körte
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es ist der gelegentlich aufblitzende Charme dieses Films, der in Deutschland mit dem umständlichen Titel „The Amazing Spider-Man 2: The Rise of Electro“ herauskommt, dass er solche eher unheroischen Superheldenmomente enthält, dass er auch slapstickartig vorführt, welche Verrenkungen es erfordert, den Ganzkörperanzug auszuziehen. Da nimmt sich eine Story nicht ernster als nötig, da werden die Ordnungswünsche und Vigilanten-Phantasien, wie sie so penetrant durch die meisten Superheldenepen spuken, angenehm heruntergedimmt.

          Eine Geschichte für den Helden

          Ohnehin ist ja der Marvel-Comic vom Spinnenmann in vieler Hinsicht reicher und reizvoller, weil er weniger wichtigtuerisches Weltenretterepos als Coming-of-Age-Geschichte ist, weil er im Kern von einem Waisenjungen handelt, der erst einmal damit fertig werden muss, dass er über übernatürliche Kräfte verfügt, der dann die Schule beenden und seine erste große Liebe erleben will. Vermutlich auch deshalb hat Sony vor vier Jahren beschlossen, keinen „Spider-Man IV“ und damit eine linear voranschreitende Fortsetzung zu produzieren, sondern mit neuen Darstellern, neuem Regisseur und neuen Autoren das „Spider-Man“Franchise noch einmal von vorne beginnen zu lassen.

          Das Risiko, das darin liegt, versucht der Film durch eine Hintergrundgeschichte zu kompensieren – und durch einen späten Plot Point, der Kenner des Comics kaum überraschen wird. Im Prolog wird jetzt erzählt, wie Peter Parker zum Waisen wurde, wie sein Vater eine bahnbrechende wissenschaftliche Entdeckung machte, von seinem Arbeitgeber, dem Oscorp-Konzern, unter Druck gesetzt wurde und wie die Eltern auf der Flucht ums Leben kamen. So wissen die Zuschauer mehr als Peter Parker, der all das erst mühsam erfragen und erschließen muss. Ein solches Gefälle kann ja dramaturgisch sinnvoll sein; hier sorgt es bloß dafür, dass Ambivalenzen und Zweifel ausschließlich den Helden quälen, sich aber nie auf das Publikum übertragen können.

          Nicht ohne Lovestory

          Das beschädigt den Spannungsbogen empfindlich, auch wenn der Film fortfährt, als wäre nichts geschehen. Peter Parker, den Andrew Garfield erneut als schlanken, gutaussehenden Jungen von nebenan spielt, muss schnell noch ein Verbrechen verhindern, so dass er zu spät kommt, um Gwens (Emma Stone) Abschlussrede bei der Graduierungsfeier zu hören. Und natürlich wartet da gleich das alte Dilemma, dass er Gwens sterbendem Vater versprochen hat, sich von ihr fernzuhalten. So ziehen Spider-Man und Parker routiniert ihre Bahnen, Gegenspieler und Schurken werden etabliert und bekämpft, die Spezialeffekte bewegen sich auf gewohnt hohem Niveau, ohne jemals atemberaubend zu wirken.

          Marc Webb ist als Regisseur nun leider nicht sehr stilsicher. Er wechselt zügig zwischen den Tonlagen, man könnte auch sagen: abrupt, und das ist sicher kein Kompositionsprinzip, sondern eher ein Mangel an Gespür und Interesse. Die ziemlich seifige Love Story ist nur erträglich, weil Andrew Garfield und Emma Stone einander wirklich mögen, Spider-Mans gelegentliche Pfadfindertaten sind dagegen so ungelenk wie der Versuch, ihm ein paar coole Sprüche zu verschreiben. Und wenn diese in mildem Licht gehaltenen Szenen des Sentiments auf die digitale Optik der Actionsequenzen prallen, wirkt das weder schlüssig noch gar elegant.

          Am befremdlichsten aber ist, wie der Film seinen dominanten Look aus den Eigenschaften des als Schurken ziemlich unterqualifizierten Electro (Jamie Foxx) entwickelt. Eher Opfer seines Vorgesetzten Dr. Kafka, mehr Frankensteins leidendes Monster als das gestaltgewordene Böse, mutiert Max, der linkische Techniker in Diensten des Oscorp-Konzerns, durch einen Stromschlag und anschließenden Sturz in ein Becken voller Zitteraale zu einer Kreatur, die ständig sehr geladen ist.

          Aus den Fingern schießen Blitze, die verbrennen und töten, er ist ein wandelnder Elektroschock, ein Mister Eine-Million-Volt und in der Lage, die Stromversorgung von ganz New York lahmzulegen – was den schönen visuellen Effekt hat, dass nach Spider-Mans Triumph über Electro Manhattan vor unseren Augen wunderbar aufflammt. Marc Webb scheint vom bläulichen Zucken und Flackern, vom lauten Zischen und Knistern so begeistert gewesen zu sein, dass er es gar nicht genug irrlichtern lassen kann. In den 140 Minuten, welche der Film dauert, kann einem das schon mächtig auf die Nerven gehen.

          Unter Jugendfreunden

          Und letztlich gibt es, wenn man die genreübliche, eher schlichte Psychologie mal in Klammern setzt, nur eine interessante, entwicklungsfähige Gestalt in dem ganzen Ensemble, und das ist Harry Osborn, großartig gespielt von Dane DeHaan. Verzweifelt und verschlagen, ein junger Mann wie sein Jugendfreund Parker, von einem Vater tyrannisiert, den er nur enttäuschen konnte und der ihm neben dem Milliardenvermögen eine unheilbare Krankheit vererbt hat, ist dieser Erbe des Oscorp-Konzerns, so wie Electro, nicht der Superschurke, der sich die Welt unterwerfen will. Er sehnt sich nach Anerkennung und Freundschaft, er will geheilt werden, und als ihn Parker das erste Mal wieder trifft, da wird nach frostigem Anfang eine alte Jungsfreundschaft spürbar – und zugleich die Angst vor Zurückweisung, die Zuneigung blitzartig in Hass umschlagen lässt.

          Für mehr als solche Skizzen ist in dem Format, wie die Produzenten es verstehen, natürlich kein Platz – wobei man aber schon mal fragen könnte, ob dieser Platz nicht nötig wäre, damit die Spider-Man-Erzählung sich nicht so lange im Kreis dreht, bis sie dem Plot in „Und täglich grüßt das Murmeltier“ gleicht.

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