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Woody Allens Amazon-Serie : Die Katze im Sack war leider verendet

Was hätte der Große Vorsitzende Mao dazu gesagt? Woody Allen und Elaine May erwägen radikale Maßnahmen. Bild: Amazon Prime

Woody Allen hat eine Serie für Amazon gedreht. Das hätte er nicht tun sollen. „Crisis in Six Scenes“ ist jämmerlich, Miley Cyrus in ihrer Rolle ein Witz. Ein Film über Höhlenmenschen wäre besser gewesen.

          3 Min.

          Woody Allen hat nicht die Familienserie aus der Zeit der Höhlenmenschen gedreht, mit einer dünnen und einer dicken Tochter, die sich in denselben Mann verlieben, der Bisons an die Wände malt. Noch nicht einmal fast. Die Produzenten, denen er diese Idee in der Serie vorstellt, die er tatsächlich gedreht hat, schützen eine dringende Konferenz vor und fliehen. Vermutlich hätten sie nach etwas Aktuellerem Ausschau gehalten, meint der Freund, der ihn über ihr Desinteresse hinwegtröstet.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          „Crisis in Six Scenes“, aus der die Szene stammt, ist die Serie, die Woody Allen tatsächlich gedreht hat, und er musste nicht einmal dafür pitchen. Es war umgekehrt, und es sah am Anfang aus wie ein Coup. Der Streamingdienst von Amazon hatte Woody Allen als Autor und Regisseur einer Serie eingekauft. Einer ganzen Staffel, nicht nur einer Folge. Allen zögerte. Im Verlauf der Verhandlungen wurde das Angebot immer besser. Freie Wahl von Thema, Darstellern, Orten, Genre. Keine Vorlage von Entwurf oder Drehbuch. Abgabe nach Fertigstellung. Die Katze im Sack.

          Er klagte, er hätte keine Idee

          Das ist ja nicht immer eine gute Idee. Woody Allen also hatte die volle Freiheit des auteurs, der er im Kino immer war, und er brachte als Garantin dieser Unabhängigkeit Helen Robin mit, die seit langem alle seiner Filme mitproduziert. Dann aber beklagte er, er hätte keine Idee, und die Sache sei ein miserabler Einfall gewesen. Warum nur hatte sich der Regisseur, der am 1. Dezember einundachtzig wird und am Fernsehen einzig die Übertragungen von Baseballspielen schätzt, bei aller Freiheit auf Amazon einlassen? Vermutlich brauchte er Geld, New York wird immer teurer.

          Sechs Episoden von je einer knappen halben Stunde umfasst „Crisis in Six Scenes“. Sitcom-Länge. Und während „Golden Girls“, diese uralte Sitcom (1982 bis 1995) aus seligen Network-Zeiten, auch jüngere Zuschauer amüsierte, ist dies nun die erste Fernsehserie tatsächlich nur für Senioren. Vorwärtsschleichend im Bewegungstempo eines Gletschers. Voller Witze mit langem Anlauf, Witzen auch, in denen Hörgeräte, Ersatzhüften, schlechte Augen und Vergesslichkeit weiten Raum einnehmen. „Mir gefällt es, wenn mein Adrenalin konstant bleibt“, heißt es einmal. Für eine Serie eine fatale Ansage.

          Es beginnt wie immer mit Jazz

          Es beginnt wie jeder Woody-Allen-Film. Jazz. Schwarzweiße Credits. Ein paar verwackelte Fernsehbilder aus der Mitte der Sechziger, Anti-Vietnamkriegs-Proteste, Black Panther, Sit-ins, brennende amerikanische Flaggen. Das ist die Zeit, in der die Sache spielt. Hätte Amazon sich das Drehbuch zeigen lassen, wäre noch Gelegenheit gewesen, zu sagen, sie hätten eigentlich nach etwas Aktuellerem Ausschau gehalten.

          Woody Allen, der hier Sidney J. Munsinger heißt und eigentlich Romane schreibt (wenn er sich nicht an einer Fernsehserie versucht), sitzt beim Friseur. Als kleine Stand-up-Routine für Allen, der den Friseur zu überreden sucht, ihm in sein schütteres Haar eine James-Dean-Frisur zu schneiden, wäre das ganz lustig gewesen. Aber als Auftakt für „Crisis in Six Episodes“ ist es viel zu lang. Immerhin gibt der Barbier das Stichwort für das, was kommt. „Ich bin mit vielem gesegnet“, sagt Allen und meint, das wiege den erbärmlichen Zustand des Haupthaares auf. „Das war Hiob auch“, entgegnet der Friseur. „And then, one-two-three, God fucked him over.“

          Sie hat zwar eine Serien-Vergangenheit als „Hannah Montana“, ist aber eine Fehlbesetzung erster Ordnung: Miley Cyrus.

          So kommt es auch für Sidney J. Munsinger und seine Frau Kay, gespielt von der wunderbaren, wenn auch inzwischen fast unerkennbaren Komödiantin Elaine May. Eines Nachts schleicht sich Lennie in ihr Haus, eine aus dem Gefängnis geflohene Angehörige einer „Constitutional Liberation Army“, der sich Kay aus sentimentalen Gründen verpflichtet fühlt. Miley Cyrus spielt diese Lennie. Sie erweist sich als schauspielerisch vollkommen untalentiert und plärrt ihre Sätze in die Szenen, dass kein Erbarmen ist. Lennie isst den Kühlschrank leer. Spricht in Satzhülsen. Findet Sidney senil, badet in seinem Gästebad und so weiter, verführt den Hausgast und versorgt Kay und ihren Buchclub alter Frauen mit Mao-Bibeln und Büchern von Frantz Fanon.

          Sie sei seine Adoptivtochter, erzählt Allen den beiden Polizisten, die eines Tages vor seiner Tür stehen. Adoption, das sei ein großes Risiko, darin stimmt der Polizist zu, und so geht es eine Weile hin und her über Adoptivtöchter und die Liebe zu ihnen, und wenn alle künstlerischen Desaster in dieser Serie eben künstlerische Desaster sind, muss diese Geschmacklosigkeit angesichts von Allens privaten Geschichten um Adoptivtöchter dann doch eine Alterserscheinung sein. Höhlenmenschen, Bisons an Wänden, dünne und dicke Töchter wären vielleicht doch die bessere Idee gewesen.

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