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Berlinale mit Coixet und Varda : Die Zeit begleiten, während sie vergeht

Was aussieht wie ein schönes Schlussbild, ist ein schönes Schlussbild, und zwar aus „Elisa & Marcela“ von Isabel Croixet im Wettbewerb der Berlinale. Bild: EPA

Gegen „Elisa & Marcela“ im Berlinale-Wettbewerb gab es Proteste, weil es eine Netflix-Produktion ist. Dabei gibt es ganz andere Einwände gegen den Film. Das wahre Ereignis ist ein Selbstporträt von Agnès Varda.

          Agnès Varda geht in keinen Wettbewerb mehr. Als Filmemacherin ist sie konkurrenzlos in ihrem Eigensinn, ihrer Kreativität und in dem, was sie selbst die „subjektiv dokumentarische“ Qualität ihrer Filme nennt. Ihre Kunst verändert, was sie vorfindet. Konkurrenzlos ist Agnès Varda auch als Erzählerin ihres Werks und Philosophin des Kinos überhaupt, konkurrenzlos selbst als bildende Künstlerin, die ihr Leben lang mit dem fotografischen Abbild der Wirklichkeit gearbeitet hat und das nun außerhalb des Kinos fortsetzt. Sie ist neunzig, und es gibt niemanden, der es mit ihr aufnehmen kann, wie sie schlagfertig und überlegt in der Pressekonferenz in Berlin bewies. Ihr Film „Varda par Agnès“ lief konsequenterweise im Wettbewerbsprogramm außer Konkurrenz.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Ein Glück für dieses Festival und seinen fahlen Wettbewerb, dass es einen aktuellen Film von ihr gibt. Und mit ihr. „Varda par Agnès“ ist, der Titel deutet es an, eine Art ausgedehnter Masterclass, ausgedehnt über viele Meisterklassen, die sie über die Jahre gehalten hat, in der Pariser Oper, in einem halbvollen Kino oder im Freien. Immer hatte sie Filmbeispiele dabei, immer Ausschnitte aus ihrem Werk und Bilder von Dreharbeiten, die ihr neuer, vielleicht letzter Film nun zusammenmontiert. Möglicherweise hat sie von ihrem ersten Film, „Cléo 5 à 7“, in Paris erzählt, von „Vogelfrei“ in einem Dorfkino, von „Le Bonheur“ in einem Garten und von „Black Panther“ in einem Vorlesungssaal. Für ihren Film spielt es keine Rolle. Sie trägt immer Lila in Lagen, und da sie seit vielen Jahren einen dreifarbigen Pilzkopf aufhat, merkt man nicht immer, wie viel Zeit zwischen ihren Auftritten liegen mag. Auch das spielt keine Rolle. Denn sie wiederholt sich nicht.

          Bauwerk aus hunderten Filmdosen

          Nicht jeder Künstler hat zu seiner Kunst Substantielles zu sagen. Agnès Varda aber weiß sehr genau, was sie tut, und erzählt darüber, als säße sie mit Freunden am Kamin. „Inspiration, création, partage“, das seien die drei Komponenten, wobei sie mit création „Arbeit“ meint und mit partage die Teilhabe des Zuschauers, ohne dessen Auge, dessen Reaktion ihre Filme nicht zu den kleinen Wunderwerken werden, die sie meistens sind.

          Der autobiografische Film von Agnès Varda gehört zu den Wettbewerbsfilmen der Berlinale 2019 und läuft außer Konkurrenz.

          Doch auch wenn es nicht funktioniert, wie zum Beispiel bei ihrem Film zum hundertsten Geburtstag des Kinos, „Les Cent et Une Nuits de Simon Cinéma“, wirft der Fehlschlag noch lustige und vielsagende Anekdoten ab, zum Beispiel darüber, wie ein Ententeich zum Meer wurde, über das Catherine Deneuve in den Armen von Robert de Niro gleitet, während das Kamera- und Tonteam in Anglerhosen nebenher watet und de Niro fehlerfrei einen französischen Text aufsagt, den er phonetisch auswendig gelernt hat.

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