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Hundert beste Filme : Frauenwunder

Robert Young und Joan Crawford in Dorothy Arzners „Die Braut trug Rot“ aus dem Jahr 1937 Bild: Picture-Alliance

Die BBC hat Hunderte von Filmkritikern gebeten, die hundert besten von Frauen gedrehten Filme zu bestimmen. Es gibt Überraschungen auf der Liste – und überraschend Fehlendes.

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          Von den auf der Internetbewertungsplattform „Rotten Tomatoes“ aufgelisteten hundert besten Filmen aller Zeiten habe ich 93 gesehen, von den hundert besten von Frauen gedrehten Filmen, über die die BBC nun 369 Filmkritiker aus 84 Ländern hat abstimmen lassen, nur 47. Was sagt das aus? Erst einmal, dass Filme von Regisseurinnen es schwerer haben im Kino, denn ein Gutteil der anderen 53 Werke war mir nicht einmal namentlich bekannt. Ich könnte das mit Kurzzeitgedächtnis entschuldigen, denn im Gegensatz zur Rotten-Tomatoes-Liste, die bizarrerweise gleich 47 Filme aus den letzten zehn Jahren enthält (darunter die beiden ersten Plätze: „Black Panther“ und Greta Gerwigs „Lady Bird“, der bei der BBC auf Platz 24 rangiert), sind es in der Aufzählung der Frauen-Filme nur 28. Was angesichts von 124 Jahren Kinogeschichte immer noch ein groteskes Missverhältnis darstellt, aber Frauen hatten bis zu den sechziger Jahren kaum Wirkungsmöglichkeiten auf dem Regiestuhl, weshalb aus all den Jahren davor nur neun Werke gelistet sind, das älteste davon Lois Webers „Shoes“ von 1916.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Es ist aber doch nichts mit dem Kurzzeitgedächtnis, denn bei Rotten Tomatoes stammen immerhin 38 Filme aus den Jahren vor 1960, womit allerdings in dieser Liste just jene Zeit unterrepräsentiert ist, in der Regisseurinnen offenbar am besten gearbeitet haben: von 1960 bis 2010. Auch der Spitzenreiter der BBC, Jane Campions „Das Piano“, stammt aus dieser Epoche. Und die sechs Filme der meistgenannten Regisseurin: Agnès Varda. Wie überhaupt die Frauenliste viel internationaler besetzt ist. Bei Filmen aus Deutschland allerdings nur knapp: fünf zu vier für die BBC-Liste; dort stehen Maren Ades „Toni Erdmann“ (Platz 8), Lotte Reinigers Trickfilmklassiker „Prinz Achmed“ (42), Margarethe von Trottas „Die bleierne Zeit“ (67) und gleich zwei Filme von Leni Riefenstahl: „Olympia“ (37) und „Triumph des Willens“ (45) – Weiblichkeit schützt vor Verblendung nicht. Auch nicht vor Kassenerfolg, aber der hat im Falle von Patty Jenkins’ „Wonder Woman“ (Platz 14 bei Rotten Tomatoes) die wenig wundergläubigen Kritiker nicht gerührt. Dass stattdessen ein Film wie Nora Ephrons „Schlaflos in Seattle“ auf die Frauenliste gelangt ist, kann man noch verherzschmerzen. Nicht indes, dass Dorothy Arzner, die einzige erfolgreiche Regisseurin im Zwischenkriegs-Hollywood, fehlt.

          Der Macho Quentin Tarantino ließ in seinem eigenen „New Beverly“-Kino kürzlich gleich ein halbes Dutzend Filme von ihr laufen. Wäre Arzners Schaffen auch den frauenfilmbewegten Kritikern bekannt, wäre ich wohl zumindest auf mehr als die Hälfte der von ihnen gelisteten Werke gekommen.

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