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„Die Akte Grant“ von Robert Redford : Früher waren wir Löwen

Die Reibereien zwischen Jim Grant, Ben Shepard (Shia LaBeouf) und ...
Die Reibereien zwischen Jim Grant, Ben Shepard (Shia LaBeouf) und ... : Bild: picture alliance / dpa

Stattdessen geht es darum, die Folgen vergangener Entscheidungen zu tragen, die unwiderruflich sind. Das Liebespaar von einst wird nicht mehr zusammenkommen, seine Begegnung ist ein Showdown, kein Happy End. Damit die Mordanklage gegen Grant fallengelassen wird, soll Mimi sich der Polizei stellen. Das ist mehr, als ein Ex-Geliebter verlangen kann, und doch am Ende gerade genug. Sechs Leben habe sie schon hinter sich gelassen, ihr eigenes nicht mitgerechnet, hat Julie Christie zuvor erklärt. Der Film zeigt, dass das auf Dauer nicht funktioniert.

Ein überzähliger Konflikt

Seit er in Sundance das Festival des Independent-Films gegründet hat, ist Robert Redford eine amerikanische Institution. Das gibt seinen Filmen Gewicht und lähmt sie zugleich. In „Von Löwen und Lämmern“, Redfords Kommentar zur Interventionspolitik der Bush-Regierung, war die Leitartikelmoral der Handlung den Figuren überdeutlich auf die Stirn geschrieben, in der „Lincoln Verschwörung“ ließ sie sich geschickt im historischen Rahmen verstecken. „Die Akte Grant“ wird nun dadurch beschwert, dass Redford die Geschichte auch noch als Generationenkonflikt anlegt. Ben Shepard (Shia LaBeouf), der junge Reporter, der die Tarnung des Weather-Manns auffliegen lässt, könnte Grants erwachsener Sohn sein, und so behandelt Grant ihn auch. „Der Journalismus ist tot“, kanzelt er Shepard ab, als der ihn ins Verhör nehmen will.

... dessen Vorgesetztem Ray Fuller (Stanley Tucci) baut Redfords Film etwas bemüht zum Generationenkonflikt auf
... dessen Vorgesetztem Ray Fuller (Stanley Tucci) baut Redfords Film etwas bemüht zum Generationenkonflikt auf : Bild: picture alliance / dpa

Selbstverständlich wird Shepard im Lauf des Films beweisen, dass das nicht stimmt, er wird wie Julie Christies Mimi den Weg vom Ich zum Wir gehen und seine Auftraggeber düpieren, die auf eine Enthüllungsstory hoffen. Das alles ist so nah an einer Sonntagspredigt gebaut, dass man schon die Entsetzensschreie der cineastischen Eiferer hört, die im Namen von Godard und Tarantino noch immer die politische Romantik des Autorenkinos mit seinen edlen Gemetzeln à la „Django Unchained“ gegen den Redfordschen Drehbuchrealismus verteidigen.

Aber so einfach wird man mit der „Akte Grant“ nicht fertig. Dieselbe tapfere Moralität, mit der sich der Film immer wieder selbst in die Zügel fällt, macht ihn auch stark. Man muss sich nur einmal vorstellen, wie die Geschichte aussehen würde, wenn nicht Redford in ihr die Hauptrolle spielen würde, um zu erkennen, wie restlos er in seiner Figur aufgeht. So gesehen, ist „Die Akte Grant“ auch ein Schlüsselfilm über den politischen Liberalen Redford, so wie „Der elektrische Reiter“ vor dreißig Jahren ein Film über den Hollywoodstar Robert Redford war. Und es tut gut, zu sehen, wie der Mann, der Jay Gatsby und Bob Woodward und Sundance Kid war, hier noch einmal alles riskiert, um als Jim Grant die Ehre des linksradikalen Untergrunds zu retten. Auch das ist Kino: Geschichtsschreibung in Bildern.

„The Company You Keep“ heißt der Film im Original, nach einem Spruch des Euripides: Ein Mensch ist immer so gut wie die Gesellschaft, mit der er sich umgibt. Redfords Gesellschaft in diesem Film besteht neben Julie Christie und Susan Sarandon aus Nick Nolte, Chris Cooper, Brandon Gleeson, Stanley Tucci und Richard Jenkins. Keiner von ihnen hat bei ihm einen schwachen Augenblick. Die Geschichte ist also in den besten Händen, man kann sich ihr überlassen wie einem Schiff, das unbeirrt seinen Kurs hält. Bis auf jenes eine Mal.

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