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Die 60. Filmfestspiele in Cannes : Sex, Legenden und großes Kino

Neu in Cannes: Norah Jones in Wong Kar-Wais Eröffnungsfilm „My Blueberry Nights” Bild: Prokino (Fox)

Cannes ist nicht einfach nur sehr viel teurer, ansonsten aber doch so wie Berlin, Venedig oder Toronto. Cannes ist anders: das einzige Filmfestival mit eigener Mythologie und Geschichtsschreibung, die eine konkurrenzlose Anekdotensammlung ist.

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          Wer jemals beim Filmfestival in Cannes war und behauptet, es sei halt ein großes Festival, das mehr Arbeit mache und sehr viel teurer sei, ansonsten aber nicht anders als Berlin, Venedig oder Toronto, ist wahrscheinlich immer schlecht gelaunt. Cannes ist anders - das einzige Festival mit einer eigenen Mythologie und Geschichtsschreibung, die eine konkurrenzlose Anekdotensammlung ist.

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Hier liefen am Eröffnungsabend 1949 Errol Flynn mit Rita Hayworth neben Tyrone Power, Yves Montand und Pablo Picasso über den roten Teppich; hier traf Richard Gere auf Rainer Werner Fassbinder, und die beiden planten einen gemeinsamen Film; hier lernte der Kameramann Nestor Almendros seinen Regisseur François Truffaut kennen; hier gab Sterling Hayden vor, einen Dokumentarfilm zu drehen, und stolzierte mit einer leeren Kamera umher, um sich auf den Partys der Produzenten Zutritt zu verschaffen, bei denen er nicht mehr wohlgelitten war - und gab seiner Karriere einen neuen Schub; hier saß Tennessee Williams der Jury vor, und hier wurde Ingrid Bergman 1973 als Jurypräsidentin allabendlich mit stehenden Ovationen gefeiert; zehn Jahre später fiel Catherine Deneuve in die Menge der Fotografen, weil die damals neue Freitreppe mit dem roten Teppich noch kein Geländer hatte.

          Die frühen Filme von Bernardo Bertolucci etwa, von Bob Rafelson, Werner Herzog, Andrzej Wajda, Martin Scorsese und Roger Corman erlebten ihre Premiere in Cannes, und auch „The Texas Chainsaw Massacre“ lief zum ersten Mal an der Croisette.

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          Die 60. Filmfestspiele in Cannes : Sex, Legenden und großes Kino

          Herzklopfen und Geplärr

          Es werden also auch hier vor allem Filme gezeigt. Im vergangenen Jahr waren es knapp tausend im offiziellen Programm und im Filmmarkt, in diesem Jahr werden es noch ein paar mehr sein. Natürlich ist von diesen Filmen die überwiegende Mehrzahl keine große oder wenigstens kleine Kunst, natürlich sehen die meisten niemals das Licht der Kinoleinwand jenseits dieses oder weiterer Festivals, und natürlich gibt es auch in Cannes die großen Enttäuschungen neben ein paar wenigen Triumphen. Doch es sieht nur so aus, als sei all dies genauso wie überall sonst auch.

          In Wahrheit ist es immer noch ein besonderes Fest - weil man selbst heute noch, wo das Geschäft mit den Filmen einen beim Blick aufs Meer hinaus und auf jedem Zentimeter des Festivalpalasts anplärrt, das eigene Herz klopfen hört in Erwartung einer Entdeckung, auch wenn sie niemals kommt. Weil man selbst heute noch in all dem Marktgeschrei zwölf Tage in dem Gefühl lebt, das Kino sei eines der wichtigsten Dinge der Welt. Weil man die abseitigsten Filme aus den abgelegensten Gegenden der Welt sehen kann und die verrücktesten Leute, die für sie Reklame machen. Weil immer noch junge Frauen mit wenig an versuchen, am Strand die Aufmerksamkeit der Fotografen auf sich zu lenken, als seien wir noch in den Fünfzigern, weil die Leinwand im Grand Auditorium Louis Lumière größer wirkt als ein Fußballfeld, weil Cannes über die Maßen vulgär ist, augenblicksweise aber eben doch auch erhaben, und weil es in dieser Mischung unwiderstehlich bleibt.

          Die Türsteher sind blasierter als die Kellner in Robert de Niros Restaurants, die Zuschauer aufgeregter, die Presse nervöser, die Fotografen am roten Teppich unverschämter, aber besser gekleidet als bei jedem anderen Festival, wie überhaupt die meisten, die hier unterwegs sind. Selbst Hollywood hat Respekt vor der Goldenen Palme, „die Oscars sind dagegen ein Kindergarten“, sagte kürzlich ein Regisseur, und noch die abgebrühtesten Produzenten wischen sich in Cannes verstohlen die Handflächen am Jackett trocken, bevor ihr Film zur Aufführung kommt.

          Ein unentwirrbare Mischung

          Nur am Meer und am mediterranen Licht liegt es also nicht, dass Cannes immer noch die Königin unter den Filmfestivals ist, obwohl beides sicher hilft, wie Dieter Kosslick jeden Februar auf seinem Festival in Berlin erneut betont. Auch die Stars allein, die in Massen kommen, machen aus Cannes nicht, was es ist, denn das Festival ist eine Branchen-, keine Publikumsveranstaltung, da ist man Stars gegenüber ein wenig gelassener oder tut wenigstens so, während die Zaungäste ganze Tage am Straßenrand ausharren, um wenigstens das Auto von Brad Pitt oder den Arm von Angelina Jolie, die sich beide für dieses Jahr angesagt haben, zu Gesicht zu bekommen.

          Vielleicht ist es tatsächlich so, wie Cari Beauchamp und Henri Béhar es in „Hollywood on the Riviera“ beschreiben: dass in dem Moment im Jahr 1954, als die französische Schauspielerin Simone Sylva am Strand vorm Festivalpalast ihr Bikini-Oberteil von sich warf und Robert Mitchum um den Hals fiel, das Festival seine Definition gefunden hatte - als unentwirrbare Mischung aus Sex, Legenden und großem Kino. Dass Sex für die Teilnehmer einmal ein wesentlicher Grund war, immer wieder an die Croisette zu kommen, hört sich heute allerdings wie ein Märchen an. Geblieben aber ist der Sex-Appeal, den das Kino hier hat - und das ist mehr, als jedes andere Filmfestival bisher fertigbringt.

          Kunst, Kitsch und Kommerz

          In diesem Jahr feiert Cannes sein sechzigstes Jubiläum. Das Programm feiert einerseits seine Geschichte mit 33 Kurzfilmen unter dem Titel „To Each His Own Cinema“, die von Cannes-Teilnehmern und -Preisträgern wie Theo Angelopoulos, Jane Campion und Michael Cimino bis zu Wim Wenders und Wong Kar-Wai für diese Gelegenheit gedreht wurden. Andererseits hat es viele ehemalige Gewinner der Goldenen Palme im und außerhalb des Wettbewerbs versammelt - mit dabei sind die Brüder Joel und Ethan Coen, Quentin Tarantino, Michael Moore, Steven Soderbergh, Gus van Sant, Alexander Sokurov, Emir Kusturica, Andrey Zvyagintsev. Sie treten gegen dreizehn Regisseure an, die zum ersten Mal in Cannes sein werden. 21 Titel konkurrieren um die Goldene Palme, darunter Fatih Akin mit „Auf der anderen Seite des Lebens“ und Ulrich Seidl aus Österreich mit „Import/Export“.

          Gilles Jacob hat die Auswahl des offiziellen Programms einmal mit den Vorbereitungen zu einem großen Diner verglichen. Die Gästeliste ist entscheidend, die Sitzordnung und dann die Speisenfolge. Wann ein Film gezeigt wird, was davor lief und was danach kommt, kann für den Eindruck entscheidend sein. In diesem Jahr eröffnet das Fest mit dem ersten englischsprachigen Film von Wong Kar-Wai, „My Blueberry Nights“. Wenn es am 28. Mai mit „L'Âge des Ténèbres“ des Kanadiers Denys Arcand zu Ende geht und Jurypräsident Stephen Frears den Gewinner der Palme d'Or verkündet hat, wissen wir, ob die Balance zwischen Tradition und unerwartet Neuem, zwischen Kunst, Kitsch und Kommerz, zwischen wahnwitzig teuer und unsäglich billig wieder einmal gelungen ist und Cannes' Glamour unangreifbar bleibt wie sein Ruf als ordinärste, stolzeste, aufregendste, lauteste und immer wieder unvergleichliche Versammlung von Menschen, die von Filmen leben, von guten, schlechten und allen anderen mittendrin.

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