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Die 60. Filmfestspiele in Cannes : Sex, Legenden und großes Kino

Ein unentwirrbare Mischung

Nur am Meer und am mediterranen Licht liegt es also nicht, dass Cannes immer noch die Königin unter den Filmfestivals ist, obwohl beides sicher hilft, wie Dieter Kosslick jeden Februar auf seinem Festival in Berlin erneut betont. Auch die Stars allein, die in Massen kommen, machen aus Cannes nicht, was es ist, denn das Festival ist eine Branchen-, keine Publikumsveranstaltung, da ist man Stars gegenüber ein wenig gelassener oder tut wenigstens so, während die Zaungäste ganze Tage am Straßenrand ausharren, um wenigstens das Auto von Brad Pitt oder den Arm von Angelina Jolie, die sich beide für dieses Jahr angesagt haben, zu Gesicht zu bekommen.

Vielleicht ist es tatsächlich so, wie Cari Beauchamp und Henri Béhar es in „Hollywood on the Riviera“ beschreiben: dass in dem Moment im Jahr 1954, als die französische Schauspielerin Simone Sylva am Strand vorm Festivalpalast ihr Bikini-Oberteil von sich warf und Robert Mitchum um den Hals fiel, das Festival seine Definition gefunden hatte - als unentwirrbare Mischung aus Sex, Legenden und großem Kino. Dass Sex für die Teilnehmer einmal ein wesentlicher Grund war, immer wieder an die Croisette zu kommen, hört sich heute allerdings wie ein Märchen an. Geblieben aber ist der Sex-Appeal, den das Kino hier hat - und das ist mehr, als jedes andere Filmfestival bisher fertigbringt.

Kunst, Kitsch und Kommerz

In diesem Jahr feiert Cannes sein sechzigstes Jubiläum. Das Programm feiert einerseits seine Geschichte mit 33 Kurzfilmen unter dem Titel „To Each His Own Cinema“, die von Cannes-Teilnehmern und -Preisträgern wie Theo Angelopoulos, Jane Campion und Michael Cimino bis zu Wim Wenders und Wong Kar-Wai für diese Gelegenheit gedreht wurden. Andererseits hat es viele ehemalige Gewinner der Goldenen Palme im und außerhalb des Wettbewerbs versammelt - mit dabei sind die Brüder Joel und Ethan Coen, Quentin Tarantino, Michael Moore, Steven Soderbergh, Gus van Sant, Alexander Sokurov, Emir Kusturica, Andrey Zvyagintsev. Sie treten gegen dreizehn Regisseure an, die zum ersten Mal in Cannes sein werden. 21 Titel konkurrieren um die Goldene Palme, darunter Fatih Akin mit „Auf der anderen Seite des Lebens“ und Ulrich Seidl aus Österreich mit „Import/Export“.

Gilles Jacob hat die Auswahl des offiziellen Programms einmal mit den Vorbereitungen zu einem großen Diner verglichen. Die Gästeliste ist entscheidend, die Sitzordnung und dann die Speisenfolge. Wann ein Film gezeigt wird, was davor lief und was danach kommt, kann für den Eindruck entscheidend sein. In diesem Jahr eröffnet das Fest mit dem ersten englischsprachigen Film von Wong Kar-Wai, „My Blueberry Nights“. Wenn es am 28. Mai mit „L'Âge des Ténèbres“ des Kanadiers Denys Arcand zu Ende geht und Jurypräsident Stephen Frears den Gewinner der Palme d'Or verkündet hat, wissen wir, ob die Balance zwischen Tradition und unerwartet Neuem, zwischen Kunst, Kitsch und Kommerz, zwischen wahnwitzig teuer und unsäglich billig wieder einmal gelungen ist und Cannes' Glamour unangreifbar bleibt wie sein Ruf als ordinärste, stolzeste, aufregendste, lauteste und immer wieder unvergleichliche Versammlung von Menschen, die von Filmen leben, von guten, schlechten und allen anderen mittendrin.

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