https://www.faz.net/-gqz-7tdqj

Deutschlands Kino-Pionierinnen : Selbst filmt die Frau

  • -Aktualisiert am

Nur mit Gewalt passt diese Frau in einen alten Rahmen: Screenshot aus dem Film „Das Portrait“ von May Spils. Bild: Absolut Medien

Wo sind die Frauen, die den Jungen Deutschen Film mitgeprägt haben, geblieben? Ihre schillernden Experimente werden als Zeugnisse der Filmgeschichte immer noch ignoriert. Mit zwei Neuerscheinungen könnte sich das ändern.

          Als 2012 bei den Filmfestspielen in Cannes 22 Filme von 22 Männern im Wettbewerb liefen, fegte der Aufschrei seitens französischer Filmemacherinnen nicht nur im Nachbarland durch die Presse wie ein Orkan, er war auch in Deutschland deutlich vernehmbar. Der Festivalchef Thierry Frémaux wies jede Kritik zurück. Frauen seien nun mal beim Film unterrepräsentiert. Es reiche aber nicht, das Problem einmal im Jahr anzusprechen, dies müsse, so Frémaux in der französischen Tageszeitung „Le Monde“, das gesamte Jahr über geschehen.

          Claudia Lenssen und Bettina Schoeller-Bouju widmen sich dem Problem nun mitten im Jahr mit einem ambitionierten Unternehmen zur Würdigung deutscher Filmemacherinnen. Die Journalistin und die Filmemacherin haben auf zwei DVDs eine Kurzfilmanthologie mit vierundzwanzig Werken deutscher Regisseurinnen aus fünf Jahrzehnten vorgelegt („Wie haben Sie das gemacht?“. Filme von Frauen aus fünf Jahrzehnten“, Absolut Medien).

          Die Kompilation wird von einer Publikation begleitet, die voraussichtlich im September erscheinen wird („Aufzeichnungen zu Frauen und Filmen“, Schüren Verlag) und Texte von achtzig Frauen vereinigt, darunter biographische und künstlerische Selbstaussagen von Claudia von Alemann, Ute Aurand, Ula Stöckl oder Margarethe von Trotta nebst Regisseurinnen jüngerer Generationen wie Pia Marais, Schauspielerinnen wie Hannah Schygulla und Fritzi Haberlandt, aber auch von Produzentinnen, Kamerafrauen, Dozentinnen und Kritikerinnen. Als dritte Komponente des breitgefächerten Projekts stehen im Oktober Diskussionstage in der Berliner Akademie der Künste an.

          Das Label des Frauenfilms

          In Anbetracht dieser ausgedehnten Bemühungen um die Anerkennung deutscher Filmfrauen, könnte man zu bedenken geben, das Konzept, Filme und Filmemacherinnen unter dem Aspekt des Weiblichen zu versammeln, berge auch immer die Gefahr, ästhetische Vielfalt und unterschiedliche künstlerische Ansprüche und Verständnisse durch das geschlechtsspezifische Faktum einfach zu untergraben. Clauda Lenssen und Bettina Schoeller-Bouju retten sich davor durch ihren konzeptuellen Ansatz. Sie beobachten und zeichnen auf. Sie machen es sich zur Aufgabe, deutsche Filmgeschichte von Frauen zu dokumentieren und zu vertreiben.

          Das medienübergreifende Vorhaben mit seiner Website frauenmachenfilme.de schafft es, Vielfalt und Reichtum weiblichen Filmschaffens zu zeigen und sich dabei von Verallgemeinerungen und Festsetzungen, wie dem oft einschränkenden, mitunter sehr unscharfen und negativ belegten Label „Frauenfilm“ zu lösen. Die Ausgrenzung weiblicher Filmbeiträge durch die männlich dominierte Industrie kommt in der Buchveröffentlichung mehrfach zur Sprache.

          Ausschlaggebend für das multimediale Projekt war ein Filmfestivalerlebnis, jedoch nicht in Cannes, sondern bei den Berliner Filmfestspielen im Jahr 2010. Damals war Werner Herzog, nachdem er achtzehn Jahre lang die Berlinale gemieden hatte, zum sechzigsten Jubiläum Jury-Präsident und wurde sehr berechtigt als Held des Jungen Deutschen Films gefeiert.

          Der Beginn einer neuen Filmära

          Im Gespräch Lenssens und Schoeller-Boujus mit einer weitaus weniger bekannten Repräsentantin dieser zentralen Filmepoche kam die Frage auf, warum unter den Protagonistinnen von damals heute allenfalls Margarethe von Trotta ähnlich öffentliche Zustimmung und vergleichbaren Respekt erfährt.

          1962 war bei den Oberhausener Kurzfilmtagen der „Tod von Papas Kino“ ausgerufen worden. Das dort entstandene Manifest forderte die Alternative zu heilen Heimatfilmwelten und schalen Unterhaltungskomödien ein und markierte den Beginn einer neuen Filmära im Land. “Mamas Kino“ hatte es nie gegeben, eine erste Generation von Filmemacherinnen kämpfte ab jetzt - nicht zuletzt auch im Zuge der Frauenbewegung - für die Realisierung ihrer Projekte. Heute kennen nur noch interessierte Cinephile die Filmpionierinnen des Jungen Deutschen Films und deren Werke, obwohl sie im internationalen Vergleich in ihrer Gesamtheit als einmalig gelten müssen.

          Filmemacherin Jutta Brückner sprach von der „letzten Bastion eines Machismo“ im deutschen Film

          Das Verschwinden dieser ersten Riege deutscher Filmemacherinnen aus der öffentlichen Wahrnehmung beklagte jüngst Jutta Brückner auf der Website dieser Zeitung (FAZ.NET vom 4. Juni) in ihrem Nachruf auf die im Mai verstorbene Kollegin Helma Sanders-Brahms. Brückner, Filmemacherin und Direktorin für die Sektion Film- und Medienkunst der Berliner Akademie der Künste, mokierte sich unter anderem über den Umstand, dass die Regisseurin von „Deutschland, bleiche Mutter“ und „Geliebte Clara“ in zahlreichen postumen Artikeln als in Deutschland weniger bekannte Künstlerin registriert wurde - im Gegensatz zur Reputation, die sie im Ausland genieße.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der französische Präsident Emmanuel Macron während seiner Ansprache an die Nation.

          Protest der „Gelbwesten“ : Macrons Kehrtwende

          Er sei kein Weihnachtsmann, hatte der französische Präsident Emmanuel Macron zuvor gesagt. Doch fast ein Monat mit teils gewalttätigen Protesten zeigt jetzt Wirkung: Zum 1. Januar gibt es in Frankreich Geldgeschenke.

          Brexit-Chaos : Jetzt ist alles denkbar

          Nach der Verschiebung der Brexit-Abstimmung im Unterhaus erscheint alles denkbar: Theresa Mays Rücktritt, ihr Sturz, Neuwahlen – oder ein neu ausgehandelter Brexit-Vertrag.
          Jair Bolsonaro ist der zukünftige Präsident Brasiliens.

          Brasilien : Bolsonaro kündigt Rückzug aus Migrationspakt an

          Der designierte brasilianische Präsident Bolsonaro will die Zustimmung seines Landes zum Migrationspakt rückgängig machen. Sein künftiger Außenminister nennt die Vereinbarung ein „ungeeignetes Instrument“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.