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Deutsches Kino : Ja wo laufen sie denn?

  • -Aktualisiert am

Zwischenstopp in Buenos Aires: Jessica Schwarz in „Das Lied in mir”, dem Eröffnungsfilm des Festivals Bild: teamWorx

Wer beim Filmfest in Hof seinen Film vorstellen darf, hat es geschafft. Oder nicht? Was mit den deutschen Filmen geschieht, wenn das Festival vorbei ist: Eine ernüchternde Bestandsaufnahme.

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          Am Dienstag ging es wieder los. Am Bratwurststand des deutschen Kinos, mitten in der kaum malerisch zu nennenden Fußgängerzone der Hofer Innenstadt vor dem Central-Kino stehen sie, die jungen Regisseure und noch jüngeren Produzenten, die älteren Fernsehredakteure, Förderfunktionäre und Verleiher und viele Schauspieler und Drehbuchautoren aller Generationen. Sie haben ihre erste Wurst gegessen und über den Eröffnungsfilm der Hofer-Filmtage diskutiert: „Das Lied in mir“ von Florian Cossen mit Jessica Schwarz und Michael Gwisdeck. Und bis Sonntag wird es sein wie immer. Es wird viele Begegnungen geben und ein paar schöne Partys, es wird viel Wohlwollen geben, und ein Zauber wird in der kalten Herbstluft sein, eine erwartungsgeschwängerte, geradezu romantische Stimmung: Das erste Mal.

          96 deutsche Filme (inklusive internationaler Koproduktionen) laufen in diesem Jahr in Hof, darunter allein rund 20 Langfilmdebüts und etwa 40 Kurzfilme. Ihre Macher werden alle hoffen, dass Hof der Anfang ist, wenn schon kein Durchbruch, so doch der Start einer anständigen Berufskarriere, dass sie hier die Aufmerksamkeit bekommen, die die viele Arbeit rechtfertigt, dass sich die Redakteure und Förderer ihren Namen merken und dass sie irgendwann von ihrer Arbeit werden leben können.

          Wenn man ehrlich ist: katastrophal

          Aber was bleibt wirklich, wenn in Hof die letzte Rostbratwurst gegessen ist? Dann bleibt das Festival Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken, danach kommen noch Ludwigshafen und Lünen und Biberach und diverse andere Filmfestivals in Deutschland und mit Glück auch im Ausland. Und irgendwann wird fast jeder Film - manchmal aber auch immer der gleiche - irgendwo einen Publikumspreis gewonnen, einen goldenen Biber, silbernen Kuckuck oder blechernen Ehrenteller überreicht bekommen haben und ein Kritikerlob, das sich gut aufs Plakat drucken lässt. Die meisten deutschen Filme werden irgendwann im Fernsehen gezeigt, schließlich wurden sie dort mitfinanziert, meistens aber erst zu später Stunde, denn unter der Hand heißt es bei den öffentlich-rechtlichen Sendern - die privaten finanzieren deutsches Kino nur in Ausnahmefällen -, dass man deutsche Filme nicht mehr zur Primetime zeigen wolle. Das gilt selbst für solch ein weißgott nicht sehr gewagtes Werk wie Doris Dörries „Kirschblüten - Hanami“, das mit Elmar Wepper auch noch einen Hauptdarsteller hat, der eigentlich als „Fernsehstar“ gilt.

          Die Gesamtbesucherzahlen fürs deutsche Kino sind mit einem Marktanteil von über zwanzig Prozent immer noch anständig, aber da rechnen sich die Funktionäre die Lage schön, denn den Löwenanteil an solchen Ergebnissen haben außer Kinderfilmen bekannte Namen wie Bully Herbig und Til Schweiger. Sobald etwas auch nur ein bisschen Neugier erfordert, ein bisschen abweicht vom kleinsten gemeinsamen Nenner, sind die Ergebnisse an der Kinokasse zur Zeit verheerend: Von „Wagnis“ muss man da gar nicht reden, und um Kunstanstrengung geht es da noch gar nicht.

          Die besten Debüts des vergangenen Jahres bekamen enttäuschende Zahlen wie Michel Drehers „Zwei Leben des Daniel Shore“, oder kamen gar nicht ins Kino wie Wolfgang Fischers „Was Du nicht siehst“. Und auch Stars helfen kaum etwas, das belegte etwa „Schwerkraft“, ein durchaus unterhaltsamer Bankräuberfilm mit Jürgen Vogel, der nur mit viel Glück über die Schwelle von 50.000 Zuschauern kam, mit der ein Film Referenzgelder bei der Filmförderung bekommt. „Wir stehen noch vergleichsweise gut da, aber wenn man ehrlich sei, ist diese Zahl natürlich katastrophal“ sagt der Berliner Produzent Alexander Bickenbach, dessen Firma Frisbee Films „Schwerkraft“ produzierte.

          Vernichtend für die Kinokultur

          Für Bickenbach ist der Anteil der Kinobetreiber am Erfolg eines Films extrem wichtig. Im Hamburger Abaton-Kino zum Beispiel sei „Schwerkraft“ fünf Wochen lang ausverkauft gewesen. „Wo kommt das her? Wieso weiß der eine Kinobetreiber, wie er sein Publikum ansprechen muss, und andere nicht?“ Das Kino stehe immer weniger für Entdeckungslust und Neugier, meint Bickenbach. „Ich glaube zu spüren, dass der Kinogeschmack des Publikums immer enger wird“, sagt auch der Münchner Produzent Peter Heilrath, dessen Film „Der Räuber“ zwar im Berlinale-Wettbewerb lief und großartige Kritiken bekam, aber nur knapp über 10.000 Zuschauer im Kino: „Das hat mit Sehgewohnheiten zu tun, die vom Fernsehen kommen. Was die Privatsender mit der Erzählkultur und dem Geschmack angerichtet haben, ist vernichtend für die deutsche Kinokultur.“

          Die Frustration junger Filmemacher ist gegenwärtig allenthalben zu spüren: „Ich habe mir längst angewöhnt, innerlich einen sehr großen Unterschied zwischen dem Prozess der Arbeit an einem Film und seiner Herausbringung zu machen“, sagt etwa Lars Kraume, dessen vierter Spielfilm „Die kommenden Tage“ nächste Woche startet. Immerhin kann Kraume, der auch Autor und Produzent des Films ist, mit Johanna Wokalek, August Diehl, Daniel Brühl, Bernadette Heerwagen und Susanne Lothar mit einer beachtlichen Star-Riege aufwarten. Trotzdem ist der Erfolg seines Films unsicher, nicht nur weil es Genrestücke im Kino immer schwer haben, sondern auch weil am gleichen Tag noch ein Dutzend weiterer Filme ins Kino kommt.

          Permanente Überproduktion

          Diese Film-Schwemme machen viele für die schwachen Zahlen auch guter Werke verantwortlich. Am Überangebot ist die deutsche Förderung nicht unschuldig: Von mehr als 500 Filmen, die 2009 in Deutschland starteten, kamen 100 aus Deutschland, 2010 werden es rund 120 sein. Der Filmförder-Fonds wird zwar öffentlich allerorten viel gelobt, hinter den Kulissen aber viel kritisiert, weil er den Kinostart von Filmen bereits erzwingt, bevor das Ergebnis fertig ist.

          Blickt man auf das Programm, das vor zehn Jahren in Hof lief, entdeckt man hier neben ein paar schon damals Etablierten nur wenige Namen, die heute noch bekannt sind: Was machen etwa Esther Gronenborn und Jobst Oetzmann, deren Filme man damals so interessant fand? Sechzig „Regisseure“ verlassen jedes Jahr die deutschen Filmhochschulen, ihre Abschlussfilme laufen oft in Hof, aber die wenigsten von ihnen werden ihren zweiten Spielfilm machen und später von der Arbeit als Regisseur leben können. Das deutsche Kino will Industrie sein, macht aber etwas, was sich keine echte Industrie erlauben könnte: Sie schafft permanente Überproduktion.

          Es grummelt in der Branche

          Stattdessen geht es um ehrliche Offenlegung der Verhältnisse, um klarere Trennung zwischen den verschiedenen Aufgaben der Filmförderung, zwischen Kulturförderung und Standortpolitik. Und es geht um mehr Aufmerksamkeit für den einzelnen Filmemacher. Denn auch hier werden Ressourcen und Begabungen verschwendet. Es grummelt schon lange in der Branche, die ersten Stimmen werden lauter, die einer echten kulturellen Förderung und deutlicherer Trennung zwischen Fernsehen und Kino das Wort reden - so vergangene Woche auf einer Veranstaltung des Produzentenverbandes „AG Dok“ in Leipzig, wo etwa Martin Hagemann, der auch Spielfilme produziert, eine „Revolution der deutschen Filmförderung“ propagierte und dafür sehr abgewogene, kluge und gut begründete Vorschläge machte.

          Für die meisten der Filmemacher, die einen Film fertigstellen konnten, dienen Festivals wie Hof und Saarbrücken einstweilen als Durchlauferhitzer, durch die sie das Fernsehen, das nicht ausbildet, jagt, um die besten zu bekommen. Die dürfen dann einen „Tatort“ oder Fernsehfilm drehen, der Rest verschwindet im Betrieb, macht Werbung oder wechselt den Beruf.

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