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Deutsches Filmmuseum : In weiter Ferne, so nah

Anderthalb Jahre dauerte der Umbau des Deutschen Filmmuseums in Frankfurt. Zur Wiedereröffnung am kommenden Wochenende hat der Fotograf Jim Rakete dem Haus eine Porträtgalerie des Kinos geschenkt.

          Es ist kaum zu hören, wenn das Patronenmagazin aus dem Griff einer Beretta gleitet, wenn polierter Stahl an poliertem Stahl entlangrutscht, nur durch einen hauchdünnen Luftfilm getrennt, so dass es für die Dauer eines Wimpernschlags zu einem Vakuum kommen mag und man sich einreden könnte, der freie Fall des leeren Magazins beginne zögerlich, fast wie in Zeitlupe. Die Patronen sind verschossen. Der Auftrag ist erledigt. Der Tod hat seine Schuldigkeit getan. Wer das Magazin aus dem Griff fallen lässt, sollte alles abgeschlossen haben, was er sich vorgenommen hat. Sonst schießt der andere. Zum Beispiel Jim Rakete. Und der ist schnell. Anders kann man ein Duell nicht überleben. Klick macht der Auslöser seiner Kamera, während das leere Patronenmagazin in seinem Sturzflug an Tempo gewinnt. Aber weil die Fotografie die Zeit anhält, wird das Magazin nie mehr in der Hand landen, auf die es zusteuert, sondern für immer vor der Brust des Killers in der Luft feststecken. Vor der Brust von Moritz Bleibtreu.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Es war die Idee von Moritz Bleibtreu, eine Pistole zu halten. Und es war die Idee von Jim Rakete, den Schauspieler ohne jeglichen inszenatorischen Aufwand mit dem Rücken an die grafitgraue Wand seines Ateliers zu schieben. Licht von oben. Blick von vorne, auf Augenhöhe. Mehr ist es nicht - sagt Jim Rakete und widerspricht vehement den Interpretationen, wonach die Fotografie ein Duell sei zwischen dem Modell und dem Fotografen. Und erst recht widerspricht er jeglichen Anspielungen an eine Exekution. Nein, nein. Beim Fotografieren kämen zwei Menschen zusammen, und daraus entwickele sich dann etwas, sagt er.

          Man möchte niemanden missen

          Wenn es so einfach wäre. Wie diese Aufnahme vor Leben übersprudelt, wie man so leise wie einen Windhauch ein Geräusch zu hören glaubt, und wie neben ebendieser Tonspur ein Film abzulaufen beginnt - das alles zeichnet Jim Rakete als großartigen Künstler aus. Wie er dies bewerkstelligt, ist sein Geheimnis. Aber nicht weniger hat Jim Rakete von seiner Fotoserie „Stand der Dinge“ verlangt. Und von sich selbst. Geschichten zu erzählen, Erinnerungsspuren zu legen. Dabei begann die Arbeit eher bescheiden, übersichtlich - und nicht einmal sonderlich originell. Für das Foyer des Deutschen Filmmuseums sollte er die Großen des deutschen Films porträtieren. Und jeder sollte auf dem Bild ein Requisit in den Händen tragen, das mit ihm zu tun hat und zur Sammlung des Hauses gehört.

          Nicht auszudenken, was uns verlorengegangen wäre - wäre es dabei geblieben. Es hätte Wim Wenders gegeben, bei seinem Wiedersehen nach vielen Jahren mit dem Michelin-Männchen, das am Möbelwagen aus „Im Lauf der Zeit“ montiert gewesen war. Und Volker Schlöndorff, die Blechtrommel aus seiner Günter-Grass-Verfilmung im Arm, während er mit den Fingerspitzen einen leisen Rhythmus schlägt. Edgar Reitz vermutlich, mit dem Projektor, den ihm sein Vater am Ende des Kriegs geschenkt hat. Und ein paar Personen mehr. Jeder Besucher hätte in dieser überschaubar kleinen Ruhmeshalle gesagt: Ja, ja, das sind sie, die Säulen des deutschen Kinos. Aber dann konnten Jim Rakete und das Deutsche Filmmuseum keinen Schlussstrich ziehen, und die Liste mit Namen wurde lang und länger. Als klar war, dass der Platz im Eingang ohnedies nicht reichen würde, wuchs die Liste hemmungslos auf mehr als hundert Personen an, von denen man niemanden mehr missen möchte.

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