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Deutsches Filmmuseum : Die Wunderkammer der bewegten Bilder

Ein Bild aus dem Dunkel: So sieht eine Schienenstrecke in einem Polyorama panoptique im Frankfurter Filmmuseum aus Bild: Hannes Jung

Wozu das Kino ein Museum braucht und ein Museum unbedingt ein Kino: Das neugestaltete Deutsche Filmmuseum in Frankfurt beschwört zu seiner Wiedereröffnung Geschichte und Gegenwart des Kinos.

          Der Flughafen Berlin Tempelhof liegt im Nebel. „Nicht mal die Russen würden jetzt starten“, sagt ein Angestellter von PanAm. Die Passagiere sitzen fest. Es ist das Jahr 1963, die Mauer steht, West-Berlin ist für die Münchener, die auf ihren Heimflug warten, und für die Geschäftsleute, die nach Düsseldorf wollen und nicht können, tiefste Provinz. Was sollen sie tun mit dieser Nacht, in der sie ganz woanders sein wollten?

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Will Tremper hat aus der Beobachtung dieser Situation einen der schönsten, jazzigsten, träumerischsten, ironischsten Filme des deutschen Kinos der sechziger Jahre gemacht. Will Tremper? Kaum jemand kennt ihn mehr, kaum jemand kennt seinen Film „Die endlose Nacht“. Es gibt keine VHS und keine DVD, es gibt vermutlich überhaupt nur noch zwei Kopien. Eine war (auf Wunsch der damals sehr jungen Hannelore Elsner, die in dem Film ein in Tempelhof gestrandetes Starlett spielt) im Eröffnungsprogramm des Kinos im Frankfurter Filmmuseum zu sehen, das am Wochenende zu einem dreitägigen Fest nach einem zweiundzwanzigmonatigen Umbau eingeladen hatte.

          Was Film ist, erlebt man nur im Kino

          Und man fragte sich, wo eigentlich in den zehn Jahren, die zwischen diesem Film und dem Beginn des Neuen deutschen Films lagen, diese wundervollen Darsteller geblieben waren. Harald Leipnitz, der aussieht wie Marcello Mastroianni und ebenso spielt, wurde „Der Ölprinz“ und begleitete die „Liselotte von der Pfalz“, Karin Hübner, bei Tremper die Geliebte eines Spekulanten, der ihr den Schmuck seiner Frau und deren Nerzmantel umlegt und sie animiert, einem Millionär zu Diensten zu sein, von dem er sich ein Darlehen erhofft, Trempers vielschichtige Karin Hübner also verschwand im Fernsehen. Paul Esser, bei Tremper einer der Wirtschaftswundergewinner, erlebte „Herrliche Zeiten im Spessart“, und so weiter. Dabei sieht „Die endlose Nacht“ genauso aus, wie sich viele, die damals jung waren, das ideale Kino vorstellten - stilisiert und wahr, attraktiv und komisch, mit Menschen im Wartesaal, Bonzen und Verlorenen, umfangen von Sehnsüchten, die bei manchen einfach Gier waren, und unbedingt modern vor allem, wie es Antonioni vorgemacht hatte. Dass Trempers Film jetzt wieder einmal gesehen werden konnte - das war einer der Höhepunkte des Wochenendes, an dem das runderneuerte Filmmuseum feierte.

          Filme der Lumiéres lassen sich in einem kleinen Kino bestaunen

          Was Film ist, erlebt man nur im Kino. Deshalb gehört zu jedem Filmmuseum ein Kinosaal, und der Frankfurter wurde beim Umbau ebenfalls auf den neuesten Stand der Technik gebracht. Was aber zeigt das Museum? Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als auszustellen, womit Filme gemacht werden und vielleicht noch, wie - und zu hoffen, dass irgendetwas von dem, was das Kino ausmacht, dabei berührt wird. Dass also die Gerätschaften und Demonstrationsschnipsel eine Sehnsucht erzeugen, von der die Leute dann dorthin getrieben werden, wo sie erleben können, was das Kino ist (oder einmal war).

          Guckkästen und Daumenkino

          Filmmuseen zeigen also erst mal Apparaturen, alte zumeist, und umso stolzer, je älter sie sind. Es gibt ja eine Vor- und Frühgeschichte des Films, die nur insofern mit unserer Kinoerfahrung etwas zu hat, als sie angefüllt ist mit Bildern, in denen etwas geschieht, nämlich Bewegung oder die Illusion von ihr. Das sollte man schon zeigen - immerhin ist die Filmgeschichte jung genug, sie über ihre Epochen hinweg in wenigstens groben Umrissen dokumentieren zu können.

          Im Filmmuseum in Frankfurt ist das älteste Objekt 340 Jahre alt: eine gedruckte Illustration einer Laterna magica. Es sind aber auch Guckkästen zu sehen und Anamorphosen, also Zerrbilder (wie sie etwa William Kentridge für seine Kunst wiederentdeckt hat, was dann nicht in einem Film-, sondern im Kunstmuseum ausgestellt wird). Hinzu kommen eine Wundertrommel, Daumenkino oder ein Lebensrad, mit dem weit vor Erfindung des Films Bewegung als Folge von starren Einzelbildern erzeugt wurde. Gerne Explosionen übrigens. Auch eine Camera obscura, begehbar, damit man sehen kann, wie sie funktioniert, ist aufgebaut. Das ist, könnte man sagen, in etwa das, was man von einem anständigen Filmmuseum erwarten kann. Wenn die Apparate so unverstaubt präsentiert werden wie in den luftigen Ausstellungsräumen in Frankfurt, umso besser.

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