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Deutscher Regiepreis : Eine Hymne auf Wolfgang Petersen

  • -Aktualisiert am

Es hat den Anschein, als hätte Petersen immer enorme Geduld gehabt. Er hatte über zehn Jahre lang ein konstant höheres Niveau an „Tatorten“ und Fernsehfilmen erklommen. Er hatte einen kleineren Kinofilm gedreht, „Einer von uns beiden“ (der Aufsehen erregte, aber noch nicht der große Durchbruch wurde), und er hat danach weiter Fernsehen gedreht, bis schließlich diese Chance vom „Boot“ kam, die er mit beiden Händen ergriff. Und der Sprung über den Teich, sozusagen der Sprung durch den Spiegel ins Land der Halbgötter - das war dann auch wie ein langsamer Sprung auf Raten. Den ersten Hollywood-Film „Enemy mine“ drehte Petersen letztlich doch wieder in der Bavaria, dann wiederum Warten, dann den herrlichen „Tod im Spiegel“ - einen noch beinahe kleinen Thriller -, und erst dann kam letztlich das entscheidende Angebot: „In the Line of Fire“. Und ich frage mich auch angesichts dieses Wegs: Hatten wir nicht mehr zu bieten für solch einen Regisseur? Müssen wir es unserer eigenen Industrie nicht doch übelnehmen, dass sie solche Großtalente nicht halten kann? Und hätte es eine Chance gegeben zurückzukehren? Lauter Fragen, die wir Zurückgebliebenen uns gestellt haben - weil es halt auch ein Elend ist mit den Blockbuster-Versuchen bei uns, weil bei uns die nur selten durchbrochene goldene, aber grausame Regel gilt: „Je teurer ein Film ist, umso mauer wird er am Ende“ - und weil wir alle für dieses Problem seit dem „Boot“ eigentlich nie mehr eine rechte Lösung gefunden haben.

Stille vor dem Sturm

Es gibt die Augenblicke der Stille an den großen Sets, morgens früh beispielsweise, bevor die Arbeit losgeht. Diese Momente braucht man als Regisseur, um sich zu konzentrieren, an seinem eigenen Tatort, der noch gar nichts von dem weiß, was heute an ihm alles stattfinden und passieren soll - und wir wissen es ja manchmal auch selbst noch nicht, was auf uns dort wartet. (Man denke allein an die schwere Verletzung von Brad Pitt bei seinem ersten Kampf in „Troja“!) Aber wie auch immer, man kann sagen, es ist in solchen Momenten umso stiller, je größer der Set um einen herum ist.

An Petersens Sets seh ich natürlich im Geiste immer das Meer rauschen, mal ganz nah, mal weiter entfernt, manchmal nur im Headroom seiner Gedanken sozusagen. Ich stelle mir neben ihm das gigantische Trojanische Pferd vor, gemacht aus Schiffsplanken. So als sei dieses Pferd auch Störtebekers Barkasse gewesen, die er bislang immer noch nicht hat segeln lassen können. Vielleicht kommt das ja noch, wer weiß.

“Ich liebe die großen Geschichten“, hat er oft gesagt. Vielleicht sind es alles kinematographische Hymnen, die er kreiert hat, Hymnen an die Zweikämpfe zwischen Männern (“In the Line of fire“, „Einer von uns beiden“, „Enemy mine“, „Schwarz und Weiß wie Tage und Nächte“), Hymnen an die Naturgewalten. Und es ist wie in der Musik: Hymnen müssen eine eingängige Melodie haben, sonst singt keiner mit. Der Film, der die „großen Geschichten“ erzählt, wurde über die Jahre seiner Karriere hinweg zum modernen Blockbuster, und der ist ja eher so was wie ein Formel-1-Bolide, eine Konstruktion aus Schönheit und vibrierender Power-Spannung, in dessen Mitte - wenn alles gelingt - ein Herz schlägt. Und es ist nicht immer einfach, in diese Mitte ein Herz hineinzuoperieren, das schlägt. Alles an den Blockbustern ist bigger than life, auch das Adrenalin beim Drehen, inklusive des Kampfs mit den Naturmächten: Zweimal wurden Petersens Großsets von Unwettern zerstört, einmal beim „Boot“ vor La Rochelle, einmal bei „Troja“. Andere Regisseure lassen solche Katastrophen um Jahre altern, bei ihm hatte man das Gefühl, er wird immer unternehmungslustiger - und man sagt über ihn auch, dass er Auge in Auge mit den tosenden Elementen des Filmemachens immer ruhiger würde.

Aber gäbe es eigentlich einen Weg von den „großen“ Geschichten - wenn man sie mal so groß gemacht hat wie er und so erfolgreich - zurück zu den „kleinen“? „You are very young my love“, sagt Diane Krüger zu Orlando Bloom, der rührendste Satz in „Troja“. Und setzt hinzu: „You are younger than I ever was.“ Es gibt Generationen, die bleiben jung, und es gibt andere, die werden früh alt. Wir - ich nehme mich da jetzt mit hinein als Sohn eines Weltkriegssoldaten - hatten auf jeden Fall das Glück, länger jung bleiben zu dürfen als unsere Väter. Vielleicht so jung, dass wir jederzeit die Chance hätten, zu den Anfängen zurückzukehren? Ich als Fan kann Wolfgang Petersen sicherlich nicht dazu überreden, noch mal einen „Tatort“ zu machen. Aber schön wär’s ja schon. Vielleicht noch einmal mit Nastassja Kinski? Und in jedem Fall möglichst nah am Wasser.

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