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Deutscher Regiepreis : Eine Hymne auf Wolfgang Petersen

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Der Punk mit dem Ghettoblaster

Zeitsprung. Herbst 1981. „Das Boot“ lief seit September im Kino und war ein Hit. In Kreuzberg stand nachts unter einer Laterne ein Punk-Junge an der Ecke Sorauer/Görlitzer Straße, neben einem leeren Kinderspielplatz, in einer Hand lachend einen Ast, in der anderen schaukelte er im Kreis tanzend einen Ghettoblaster. Und der Junge, jeglichen Nationalismus unverdächtig, schlug mit dem schmalen Ast den West-Berliner Novemberstaub aus dem Asphalt, im Rhythmus des Titelthemas von Klaus Doldinger, das er von Kassette ohrenbetäubend abspielte. Ich erinnere mich an diesen Anblick, der Junge war vielleicht dreizehn, er sah aus wie die Miniaturausgabe dieser beiden tolldreisten Musiker von DAF - Sie wissen schon, diese grandiosen Avantgardisten mit ihrem provokanten „Tanz den Adolf Hitler“ damals. Er war ein postmoderner New-Wave-Freak, und über ihm konnte man damals noch die Einschüsse an den Kreuzberger Häusern aus dem Zweiten Weltkrieg sehen. „Das Boot“ hatte sich über alle deutschen Abgründe und Ambivalenzen hinweggesetzt, es hatte trotz des empörten Geschreis rundherum alle Gefahren umschifft. Der Film ist später in keiner Fassung wirklich komplett politisch korrekt geworden, und die bundesdeutsche Kino-Industrie träumte sich selbst vom Premierentag dieses Films an anders als jemals zuvor. Das westdeutsche Kino träumte von nun via Hollywood. Klar, mit Recht nach diesem Kometeneinschlag. Diese Träume sind uns seitdem wahrhaftig auch oft zum Ballast geworden, so manche Regisseure haben sich in Petersens Fußabdrücken versucht, die er in unserem Branchen-Wüstensand hinterlassen hat, und haben merken müssen, dass sie doch die eine oder andere Nummer zu groß waren. Vielleicht war das „Boot“ auch das Ende einer seligen, unschuldigen BRD-Film-Provinzialität, aus der der Autorenfilm ja wahrhaftig alles Kapital geschlagen hatte, das möglich war (seine Protagonisten saßen zur selben Zeit bei Coppolas zu Hause auf der Veranda und träumten ja auch ihren legitimen Traum).

Aber das „Boot“ war anders, denn es war nicht im eigentlichen Sinn ein Autorenfilm - auch wenn die Regie-Handschrift inzwischen unverwechselbar war -, und es war ein unglaublicher kommerzieller Hit. Es war „neue deutsche Welle“ einerseits und entfaltete andererseits eine historische Dynamik wie sonst kein deutscher Film nach dem Krieg.

Und so war der Junge mit dem Ghettoblaster auch gar kein martialisches Bild, sondern er war das Bild einer neuen Denkfreiheit. Doldingers Thema, das über die Straßen schallte, war ein Wegweiser dafür, dass die ganze verfluchte Widersprüchlichkeit unserer Geschichte im zwanzigsten Jahrhundert allmählich doch wieder uns zu gehören begann, dass jetzt eine Generation den Schuldbegriff anders fasste, sich vor der Kollektivschuld natürlich nicht drücken wollte, aber dass diese Generation die Interpretationsmöglichkeiten für die verbrecherische - ebenso wie für die von den Vorfahren erlittene - Vergangenheit nun für sich beanspruchte. Und dies auch noch ausgerechnet in der sowieso bei uns immer so schief angesehenen Währung der Populärkultur! Was für ein Ball nach vorne, in die Zukunft war das! Ich habe lange Zeit von diesem Grundvertrauen gezehrt, das Petersen uns beigebracht hat, dass auch in Deutschland große Actionfilme entstehen könnten. Er hat damals in einem tollen Mix von geradezu ingenieurshaftem Erfindungsgeist aus dem Hobbykeller und von zur Meisterschaft gereiftem Regiekönnen ein mögliches Genre-Kino für uns definiert.

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