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Deutscher Filmpreis : Warum ist es bloß nicht besser?

Unsere Besten: Für ihre Hauptrollen in „Westen“ und „Sein letztes Rennen“ sind Jördis Triebel und Dieter Hallervorden mit dem deutschen Filmpreis ausgezeichnet worden Bild: dpa

Kein Wille zum Aufbruch, kein Mut zur Kunst: Der deutsche Film feiert sich selbst und das vergangene Kinojahr ohne Grund. Und nur Helmut Dietl zu recht.

          Als das Tempodrom im milden Nachmittagslicht vor einem auftauchte, dieses seltsame Betonzeltgebäude hinter der Ruine des Anhalter Bahnhofs, da fragte man sich, was das wohl für eine Filmpreis-Gala werden sollte, mit sechs nominierten Filmen, von denen man für keinen einzigen mit Leidenschaft streiten würde, und mit einem Debütanten als Moderator. Dieser Debütant, Jan Josef Liefers, machte seine Sache gut, ohne den übertriebenen pathologischen Geltungsdrang seines „Tatort“-Gerichtsmediziners Karl-Friedrich Boerne – so wie eigentlich fast alle Paten und Präsentatoren, die auf der Bühne und in Einspielern zu sehen waren, sehr solide wirkten.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dass das Budget karg war, verlieh der Gala den familiären Hauch eines bunten Abends mit einigen gelungenen und manchen mäßig lustigen Sketchen. Nur im Stab der Kulturstaatsministerin, die auch ihr Filmpreis-Debüt gab, da müsste doch mehr Autorentalent zu finden sein, um das sympathische Auftreten von Monika Grütters auch rhetorisch abzurunden.

          Nein, an der Show lag es nicht, dass einem dieser Abend so aus der Zeit gefallen vorkam. Es hatte natürlich vor allem damit zu tun, dass Edgar Reitz’ „Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“ mit den Lolas für Drehbuch, Regie und bester Film zum großen Sieger wurde. Aber Preisvergaben sind nicht das einzige Gegenwartsproblem des deutschen Films. Wer sich in den Wochen vor dem Filmpreis mit Mitgliedern der Akademie unterhielt, konnte heraushören, dass längst nicht alle glücklich sind damit, wie es läuft. Da wird die übermäßige Präsenz der Schauspieler unter den Mitgliedern beklagt, die sich in den Voten niederschlage. Und so sehr die Akademie auch am Abstimmungsverfahren geschraubt hat, sie hat es noch immer nicht fertiggebracht, dass bei diesem höchstdotierten deutschen Kulturpreis Resultate herauskommen, die mehr als den kleinsten gemeinsamen Nenner bilden.

          Kein Wille zur Kunst

          Man muss weder Dietrich Brüggemanns „Kreuzweg“ noch Philip Grönings „Die Frau des Polizisten“ für die Rettung des deutschen Films halten, man kann bloß mal fragen, weshalb sie denn in die Wettbewerbe internationaler A-Festivals eingeladen werden, dort auch Preise bekommen, um es dann in den Augen der Akademie nicht mal unter die besten sechs Filme zu schaffen. So deutlich, wie sich beide in Formwillen und Erzählweise vom Rest des Feldes unterscheiden, hat ihre Nichtberücksichtigung etwas Demonstratives: Das wollen wir hier nicht!

          Was gewollt wird, ist dagegen schwerer zu fassen, weil es so amorph ist. Zwischen Edgar Reitz und Dieter Hallervorden mögen Welten liegen, beide zu nominieren ist nicht falsch, weil das Kino größer ist, als die meisten Mitglieder anzunehmen gewohnt sind. Aber dass Hallervorden dann für den greisen Marathonläufer in „Sein letztes Rennen“ die Lola für den besten Hauptdarsteller erhält und sich mit kalauernden Dankesworten revanchiert, die alle Vorurteile bestätigen, war leider keine Pointe der Showautoren, sondern Realität des deutschen Films, der in Gestalt seiner eintausendsechshundertköpfigen Akademie nicht weiß, was er will.

          So war es einerseits auch konsequent, „Fack ju Göhte“ zu nominieren, weil in den Jahren zuvor die Kassenerfolge ganz ausgesperrt blieben. Ihn aber dann mit einer Lola für den besucherstärksten Film abzuspeisen, zeigt nur, dass man sich nicht traut, entschlossen für das Populäre zu votieren und sich hinterher dann eben dem Vorwurf auszusetzen, dass diese Schulkomödie zwar ganz nett und gut gemacht, aber schon der durchschnittlichen amerikanischen High-School-Komödie in Timing und Inszenierung unterlegen ist.

          Kein Wille zum Aufbruch

          Stattdessen setzt man aufs Gediegene und Bewährte, auf Edgar Reitz und seinen inzwischen vierten „Heimat“-Zyklus. Welches Signal davon ausgeht? Dass einer für sein Lebenswerk gewürdigt wird, ist schön; dass es mit dem deutschen Filmpreis des Jahres 2014 sein muss, ist schwer zu verstehen. Oder ist es Ausdruck einer tiefen Unsicherheit, eines Mangels an Willen zum Aufbruch, was mit den Zeiten und Verhältnissen zu tun hat, in denen wir leben?

          Der Mangel an Konsequenz jedenfalls durchzog den Abend wie ein roter Faden. Er sorgte auch für eine nur auf den ersten Blick eigenartige Dramaturgie, in der Andreas Prochaskas favorisierter Alpen-Western „Das finstere Tal“ zunächst eine Lola nach der anderen erhielt. Sechs waren es in den technischen Kategorien, sieben mit der Lola für die beste Nebenrolle an Tobias Moretti, bevor die Serie riss und es statt der goldenen nur eine silberne Lola gab.

          Und schließlich: Was muss man davon halten, wenn bei den Hauptrollennominierungen nur eine Schauspielerin und kein Schauspieler aus den sechs besten Filmen auftauchen? Dass das Gelingen dieser Filme nicht von den Darstellern abhing? Wobei es dann auch passieren kann, dass die Lola für Jördis Triebel und ihre Rolle in dem ansonsten völlig unberücksichtigten „Westen“ völlig angemessen erscheint. An Kuriosität wurde das lediglich übertroffen vom Auftritt des Schriftstellers und „Finsterworld“-Coautors Christian Kracht, der auf die Bühne kam, um anstelle Sandra Hüllers die Lola für die beste Nebendarstellerin entgegenzunehmen – und wortlos wieder abtrat.

          Man kommt sich dann ein bisschen wie ein schlechter Mensch vor, wenn man hinterher auf der Party, in Gesprächen mit Verlierern, Enttäuschten oder Apologeten, den Filmen das Format abspricht, wenn man daran verzweifeln möchte, dass das wirklich alles gewesen sein soll, was Kreativität, Intelligenz und Fördermillionen im letzten Jahr zustande gebracht haben.

          Warum, möchte man dann rufen, bei der Party sogar gegen den Lärm brüllen, warum ist es denn bloß nicht besser? Es reicht halt nicht, wenn man, wie gelähmt von der Permanenz des gutgemeinten Mittelmaßes, etwas für ganz ordentlich hält. Man würde sich lieber maßlos aufregen, statt mit den Achseln zu zucken.

          Wenn es denn etwas gab, was einen bewegte an diesem Abend, dann war es die Rede des sehr kranken Helmut Dietl, dem Michael „Bully“ Herbig ein liebevoller Laudator war. Man zögert, wenn von Komödien die Rede ist, „Schtonk!“ oder „Rossini“ in einem Atemzug mit „Fack ju Göhte“ zu nennen. Die Kluft ist einfach zu groß. Aber etwas von der Lässigkeit und dem hinterhältigen Witz eines Helmut Dietl muss man dem deutschen Film schon wünschen. Nicht weil früher sowieso alles besser war – sondern damit morgen endlich mal was besser wird.

          Die Preisträger

          Spielfilm in Gold: „Die andere Heimat“ von Edgar Reitz
          Spielfilm in Silber: „Das finstere Tal“ von Andreas Prochaska
          Spielfilm in Bronze: „Zwei Leben“ von Georg Maas

          Kinderfilm: „Ostwind“ von Katja von Garnier
          Dokumentarfilm: „Beltracchi - Die Kunst der Fälschung“ von Arne Birkenstock

          Beste Schauspielerin: Jördis Triebel in „Westen“
          Bester Schauspieler: Dieter Hallervorden in „Sein letztes Rennen“

          Beste Nebendarstellerin: Sandra Hüller in „Finsterworld“
          Bester Nebendarsteller: Tobias Moretti in „Das finstere Tal“

          Beste Regie: Edgar Reitz für „Die andere Heimat“
          Bestes Drehbuch: Edgar Reitz, Gert Heidenreich für „Die andere Heimat“

          Beste Kamera: Thomas W. Kiennast für „Das finstere Tal“
          Bester Schnitt: Hansjörg Weißbrich für „Zwei Leben“
          Bestes Szenenbild: Claus Rudolf Amler für „Das finstere Tal“
          Bestes Kostümbild: Natascha Curtius-Noss für „Das finstere Tal“

          Beste Filmmusik: Matthias Weber für „Das finstere Tal“
          Beste Tongestaltung: Dietmar Zuson, Christof Ebhardt, Tschangis Chahrokh für „Das finstere Tal“

          Bestes Maskenbild: Helene Lang, Roman Braunhofer für „Das finstere Tal“

          Ehrenpreis: Helmut Dietl

          Besucherstärkster Film: „Fack ju Göhte“

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