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Deutscher Filmpreis : Warum ist es bloß nicht besser?

So war es einerseits auch konsequent, „Fack ju Göhte“ zu nominieren, weil in den Jahren zuvor die Kassenerfolge ganz ausgesperrt blieben. Ihn aber dann mit einer Lola für den besucherstärksten Film abzuspeisen, zeigt nur, dass man sich nicht traut, entschlossen für das Populäre zu votieren und sich hinterher dann eben dem Vorwurf auszusetzen, dass diese Schulkomödie zwar ganz nett und gut gemacht, aber schon der durchschnittlichen amerikanischen High-School-Komödie in Timing und Inszenierung unterlegen ist.

Kein Wille zum Aufbruch

Stattdessen setzt man aufs Gediegene und Bewährte, auf Edgar Reitz und seinen inzwischen vierten „Heimat“-Zyklus. Welches Signal davon ausgeht? Dass einer für sein Lebenswerk gewürdigt wird, ist schön; dass es mit dem deutschen Filmpreis des Jahres 2014 sein muss, ist schwer zu verstehen. Oder ist es Ausdruck einer tiefen Unsicherheit, eines Mangels an Willen zum Aufbruch, was mit den Zeiten und Verhältnissen zu tun hat, in denen wir leben?

Der Mangel an Konsequenz jedenfalls durchzog den Abend wie ein roter Faden. Er sorgte auch für eine nur auf den ersten Blick eigenartige Dramaturgie, in der Andreas Prochaskas favorisierter Alpen-Western „Das finstere Tal“ zunächst eine Lola nach der anderen erhielt. Sechs waren es in den technischen Kategorien, sieben mit der Lola für die beste Nebenrolle an Tobias Moretti, bevor die Serie riss und es statt der goldenen nur eine silberne Lola gab.

Und schließlich: Was muss man davon halten, wenn bei den Hauptrollennominierungen nur eine Schauspielerin und kein Schauspieler aus den sechs besten Filmen auftauchen? Dass das Gelingen dieser Filme nicht von den Darstellern abhing? Wobei es dann auch passieren kann, dass die Lola für Jördis Triebel und ihre Rolle in dem ansonsten völlig unberücksichtigten „Westen“ völlig angemessen erscheint. An Kuriosität wurde das lediglich übertroffen vom Auftritt des Schriftstellers und „Finsterworld“-Coautors Christian Kracht, der auf die Bühne kam, um anstelle Sandra Hüllers die Lola für die beste Nebendarstellerin entgegenzunehmen – und wortlos wieder abtrat.

Man kommt sich dann ein bisschen wie ein schlechter Mensch vor, wenn man hinterher auf der Party, in Gesprächen mit Verlierern, Enttäuschten oder Apologeten, den Filmen das Format abspricht, wenn man daran verzweifeln möchte, dass das wirklich alles gewesen sein soll, was Kreativität, Intelligenz und Fördermillionen im letzten Jahr zustande gebracht haben.

Warum, möchte man dann rufen, bei der Party sogar gegen den Lärm brüllen, warum ist es denn bloß nicht besser? Es reicht halt nicht, wenn man, wie gelähmt von der Permanenz des gutgemeinten Mittelmaßes, etwas für ganz ordentlich hält. Man würde sich lieber maßlos aufregen, statt mit den Achseln zu zucken.

Wenn es denn etwas gab, was einen bewegte an diesem Abend, dann war es die Rede des sehr kranken Helmut Dietl, dem Michael „Bully“ Herbig ein liebevoller Laudator war. Man zögert, wenn von Komödien die Rede ist, „Schtonk!“ oder „Rossini“ in einem Atemzug mit „Fack ju Göhte“ zu nennen. Die Kluft ist einfach zu groß. Aber etwas von der Lässigkeit und dem hinterhältigen Witz eines Helmut Dietl muss man dem deutschen Film schon wünschen. Nicht weil früher sowieso alles besser war – sondern damit morgen endlich mal was besser wird.

Die Preisträger

Spielfilm in Gold: „Die andere Heimat“ von Edgar Reitz
Spielfilm in Silber: „Das finstere Tal“ von Andreas Prochaska
Spielfilm in Bronze: „Zwei Leben“ von Georg Maas

Kinderfilm: „Ostwind“ von Katja von Garnier
Dokumentarfilm: „Beltracchi - Die Kunst der Fälschung“ von Arne Birkenstock

Beste Schauspielerin: Jördis Triebel in „Westen“
Bester Schauspieler: Dieter Hallervorden in „Sein letztes Rennen“

Beste Nebendarstellerin: Sandra Hüller in „Finsterworld“
Bester Nebendarsteller: Tobias Moretti in „Das finstere Tal“

Beste Regie: Edgar Reitz für „Die andere Heimat“
Bestes Drehbuch: Edgar Reitz, Gert Heidenreich für „Die andere Heimat“

Beste Kamera: Thomas W. Kiennast für „Das finstere Tal“
Bester Schnitt: Hansjörg Weißbrich für „Zwei Leben“
Bestes Szenenbild: Claus Rudolf Amler für „Das finstere Tal“
Bestes Kostümbild: Natascha Curtius-Noss für „Das finstere Tal“

Beste Filmmusik: Matthias Weber für „Das finstere Tal“
Beste Tongestaltung: Dietmar Zuson, Christof Ebhardt, Tschangis Chahrokh für „Das finstere Tal“

Bestes Maskenbild: Helene Lang, Roman Braunhofer für „Das finstere Tal“

Ehrenpreis: Helmut Dietl

Besucherstärkster Film: „Fack ju Göhte“

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