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Deutscher Filmpreis 2012: Eine Polemik : Es ist ein Fall von Unzurechnungsfähigkeit

Gewinner des Abends: Andreas Dresen, Alina Levshin und Milan Peschel (v. l.) präsentieren ihre „Lolas“ Bild: dpa

Roland Emmerichs „Anonymous“ und Andreas Dresen waren zwar die großen Gewinner beim Filmpreis. Generell jedoch ist der deutsche Film relevanzbeflissen, konsenswütig und geht einem wahnsinnig auf den Sehnerv.

          Wie praktisch, hatte ich arglos auf dem Weg zum Friedrichstadtpalast gedacht: Die größte Peinlichkeit hat sich die deutsche Filmakademie schon vorher geleistet, da kann sie dann bei der Gala ein bisschen Wiedergutmachung betreiben. Indem sie Nina Hoss für ihre Rolle in „Barbara“ nicht nominierte - ob nun aus Neid oder dem idiotischen Kalkül, Nina Hoss habe ja schon einen Filmpreis für „Yella“ - , zeigte die Mehrheit der Akademiemitglieder kapitale Ignoranz, ließ jedoch durch acht Nominierungen für „Barbara“ auf Besserung hoffen.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Doch das Drehbuch des Abends hatte eine ganz andere Dramaturgie vorgesehen, die sich mit dieser Konsequenz in deutschen Filmen eher selten findet: mit ein bisschen Ignoranz und Unberechenbarkeit beginnen, um dann langsam in der Unzurechnungsfähigkeit zu landen.

          Ich hatte ja angenommen, wenn alle im Saal gut gelaunt und fest entschlossen sind, mit dem deutschen Film auch sich selbst zu feiern, dass es da schwerer fiele, so einen Wutanfall gegen den deutschen Film zu bekommen, wie er den Regisseur Dominik Graf in der jüngsten „Zeit“ gepackt hat.

          Reflexe statt Reflexion

          Natürlich hat Graf Recht in nahezu allem, was er schreibt, natürlich gehen einem das Relevanzbeflissene, das Konsenswütige, die Themenfixierung, das Wohltemperierte wahnsinnig auf die Sehnerven - doch dass die Lola-Entscheidungen der Akademie, der ja mehr als tausend Filmbrancheninsassen angehören, Grafs Diagnosen noch überbieten würden, damit hatte ich kaum gerechnet.

          Es war ein Abend der bedingten Reflexe, was leider bloß so ähnlich klingt wie Reflexion. Voller Stolz, dass Roland Emmerich seinen Shakespeare-Film „Anonymus“ in Babelsberg gedreht und für Maske, Ausstattung oder Kostüme deutsche Filmschaffende verpflichtet hat, hatte man ihm gleich sieben Nominierungen spendiert, wobei jene in der Kategorie „bester Film“ wie eine humoristische Einlage wirkte angesichts der Vorstellung, Emmerich könne für sein nächstes Weltuntergangsszenario die mit der Nominierung verbundenen 250.000 Euro Referenzmittel dringend gebrauchen.

          Diese Nominierungsfreudigkeit ließ sich ja noch als Ausdruck von Gewerbestolz nachvollziehen - wir möchten halt auch ein bisschen Hollywood sein. Dass dann tatsächlich alle Preise in den technischen Kategorien an „Anonymus“ gingen, war jedoch von einer unfassbaren Naivität - oder Borniertheit, die sich von mehr Aufwand und Budget blenden lässt.

          Es war da schon Böses zu ahnen an diesem Abend, an dem, wie immer, der Minister sprach und die Akademiepräsidentin Iris Berben; an dem erst Josef Hader ein paar kleinere bösartige Spitzen plazierte und dann auch Christoph Maria Herbst; an dem goldene Worte zum „geistigen Eigentum“ fielen und die üblichen Sottisen gegen den Arthouse-Film, die in diesem Kontext immer etwas schrecklich Verklemmtes haben, weil die Akademie am Ende ja genau das prämiiert, was sie vorher ein wenig hat anpinkeln lassen.

          Syndrom statt Selbstironie

          Manche halten das wohl für Selbstironie; es ist aber eher ein Syndrom, das sich ja schon mal in einer Art kollektiver Schreitherapie entladen hatte, als die Akademie 2004 zur Veranstaltung „Was ich am deutschen Film hasse“ lud.

          Und es kam dann noch schlimmer an einem Abend, an dem die neuen Moderatoren zeigten, dass ein Moderatorenduo immer etwas Angestrengtes hat. Jessica Schwarz und Elyas M’Barek als Nachfolger von Barbara Schöneberger wirkten steif, sie kauten auf ihren Wörtern, als wüssten sie noch nicht, ob sie ihnen schmeckten; sie fremdelten mit ihren Sätzen, und wenn sie auch nicht völlig aus der Spur gerieten, so war die Kluft zwischen den Texten und den beiden, die sie aufsagten, dann selbst für ein beifallswilliges Publikum etwas zu groß.

          Nicht so ganz einfach: Volker Schlöndorff überreicht Andreas Dresen den Deutschen Filmpreis 2012 für die beste Regie Bilderstrecke

          Der Tiefpunkt war erreicht, als es an die Hauptkategorien ging. Nach der rituellen Selbstbeschimpfung für soziale Problemfilme ohne Musik, Glamour und Humor widmete sich die Akademie deren Auszeichnung mit einem Furor, der etwas Unheimliches hatte. Dass David Wnendt für „Kriegerin“ einen Drehbuchpreis bekam, ist beim Blick auf die hölzerne Konstruktion des Neonazi-Ein-und-Aussteigerszenarios schwer zu verstehen, wogegen, nach der Ausbootung von Nina Hoss, die Lola für Alina Levshin durchaus verdient ist, nachdem sie schon in Dominik Grafs Fernsehserie „Im Angesicht des Verbrechens“ geglänzt hatte.

          Wie sich die Majorität der Akademie das deutsche Kino vorstellt, das bekräftigte sie endgültig mit dem Preissegen für Andreas Dresens „Halt auf freier Strecke“. Das war mehr als nur die konkrete Zurückweisung von Christian Petzolds Film „Barbara“; es war Ausdruck einer grundsätzlichen Haltung. Ein Ja zum kruden Naturalismus, zum Fetisch des vermeintlich Authentischen, eine Bereitschaft, sich derart unter Betroffenheitsdruck setzen zu lassen, dass man vor lauter Menschelei gar nicht mehr genau hinschaut, wie reduktionistisch Dresens Blick ist, in der ostentativen Bescheidenheit seiner erzählerischen Mittel, vor allem aber im Porträt eines Menschen, der nicht nur für seine Angehörigen auf sein Sterben reduziert wird.

          Mit dem Sarkasmus, zu dem einen die Akademie nötigt, muss man geradezu erleichtert sein, dass Petzold nicht mehr als eine silberne Lola bekam; erleichtert, weil die Mehrheit der Akademie instinktsicher registriert hat, dass man einen Film wie „Barbara“ nicht komplett ignorieren kann; dass er zwar den Schlüsselreiz „DDR“ auslöst, dass er jedoch, wie alle Filme Petzolds, vor allem eine visuelle Idee, einen Begriff von Kino und eine erzählerische Haltung zu seinen Charakteren hat, die sich eben nicht auf einen thematischen Schlüsselreiz herunter brechen lassen; dass er also doch nicht jenem Bild entspricht, welches das deutsche Kino auf solchen Veranstaltungen am liebsten von sich entwirft.

          Weshalb es dann auch fast so etwas wie die Wahrheit war, als der Taxifahrer auf dem Heimweg fragte: „Und, hat der Richtige gewonnen?“ und ich ihm bloß antwortete: „Wenn man so will.“

          Die Gewinner des 62. Deutschen Filmpreises

          Bester Spielfilm, Filmpreis in Gold (500.000 Euro): „Halt auf freier Strecke“ von Andreas Dresen

          Filmpreis in Silber (425.000 Euro): „Barbara“ von Christian Petzold

          Filmpreis in Bronze (375.000 Euro): „Kriegerin“ von David Wnendt

          Bester Dokumentarfilm (200.000 Euro): „Gerhard Richter Painting“ von Corinna Belz

          Bester Kinderfilm (250.000 Euro): „Wintertochter“ von Johannes Schmid

          * * *

          Filmpreis in Gold (je 10.000 Euro):

          Beste weibliche Hauptrolle: Alina Levshin („Kriegerin“)

          Beste männliche Hauptrolle: Milan Peschel („Halt auf freier Strecke“)

          Beste weibliche Nebenrolle: Dagmar Manzel („Die Unsichtbare“)

          Beste männliche Nebenrolle: Otto Mellies („Halt auf freier Strecke“)

          Bestes Drehbuch: David Wnendt („Kriegerin“)

          Beste Regie: Andreas Dresen („Halt auf freier Strecke“)

          Beste Kamera / Bildgestaltung: Anna J. Foerster („Anonymus“)

          Bester Schnitt: Peter R. Adam („Anonymus“)

          Bestes Szenenbild: Sebastian Krawinkel („Anonymus“)

          Bestes Kostümbild: Lisy Christl („Anonymus“)

          Bestes Maskenbild: Björn Rehbein, Heike Merker („Anonymus“)

          Beste Filmmusik: Lorenz Dangel („Hell“)

          Beste Tongestaltung: Hubert Bartholomae, Manfred Banach („Anonymus“)

          * * *

          Ehrenpreis für das Lebenswerk: Michael Ballhaus

          Bernd Eichinger Preis: Michael „Bully“ Herbig
           

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