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Deutscher Filmpreis 2007 : Das Streben der anderen

Glückliche Gewinner: Hannah Herzsprung und Monica Bleibtreu Bild:

So war's beim deutschen Filmpreis: Tom Tykwer und „Das Parfum“ verlieren, Bayern gewinnt, „Vier Minuten“ sind kein Tag. Ein Lokaltermin mit Peter Körte und Claudius Seidl.

          7 Min.

          Wer etwas übrighat für den deutschen Film, sollte rote Teppiche möglichst weiträumig umgehen. Als wir nämlich am Freitag, weil draußen noch sonniger Nachmittag war, vor dem dunklen Palais am Funkturm, weit im Westen Berlins, erst einmal stehenblieben, ein bisschen Rauch und frische Luft schnappten und schauten, wer da über den Teppich schritt, stand, deutlicher sichtbar als jedes Abendkleid, jede kühne Frisur und so manches riskante Dekolletee, vor allem diese eine Frage im Raum: Wer sind diese Leute eigentlich? Wer sind die Frauen, die, wie wir aus den Rufen der Fotografen schlossen, Eva oder Claudine, Tanja oder Sonya heißen müssen und die sich weisungsgemäß einmal um sich selbst drehten, dabei tapfer lächelten und die Farben ihrer Kleider und ihrer Haut so lange vorzeigten, bis jedes Foto geschossen war?

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der Kollege vom Fachblatt „Bunte“, nach seiner Expertise befragt, konnte nur seine Ratlosigkeit bekennen - und so waren wir, die wir anscheinend zu oft ins Kino gehen und zu selten RTL 2 schauen, versucht, uns auf folgende vorläufige Deutung der Lage zu einigen: All diese Tanjas werden wohl Statistinnen sein, von der Deutschen Filmakademie eigens dafür engagiert, Fotografen und andere Zaungäste abzulenken, damit die echten Filmschauspielerinnen, Hannah Herzsprung oder Sabine Timoteo zum Beispiel, unbehelligt das Palais betreten können.

          Armin Mueller-Stahl bekam einen Preis für sein Lebenswerk

          Drinnen, in den düsteren Hallen, klärten sich trotzdem ziemlich schnell die Verhältnisse. Der Mann, der sich anscheinend noch immer bemüht, so auszusehen, als hätte er soeben die Arbeit am „Doktor Faustus“ abgeschlossen, musste jener Armin Mueller-Stahl sein, der einen Preis für sein Lebenswerk bekam; den Nobelpreis, das strahlte sein Auftritt aus, hat er ja schon seit 1929. Der Mann, der Mario Adorf so erstaunlich ähnlich sieht, ist ja fast immer tatsächlich Mario Adorf. Und der Mann, der, als endlich alle Gäste ihre Plätze eingenommen hatten und eine Lautsprecherstimme schon dreimal gewarnt hatte, es gehe jetzt aber wirklich los, der Mann, der genau in diesem Moment noch hereinstürmte, in einer Smokingjacke, die so weiß war, dass man erst einmal meinte, es werde jetzt schon der Champagner serviert, das war der Mann, an dem im Moment keine Kamera, keine Rede über den deutschen Film und auch sonst niemand vorbeikommt.

          Glückliche Gewinner: Hannah Herzsprung und Monica Bleibtreu Bilderstrecke

          Und es war dann doch erstaunlich, obwohl man es ja geahnt hatte, wie sehr der große Oscar die zierliche Lola verdeckte; wie präsent dieser Florian Henckel von Donnersmarck war, so dass man Momente lang glauben konnte, in einer Fernsehaufzeichnung vom Filmpreis 2006 gelandet zu sein, als „Das Leben der anderen“ mit sechs Lolas zum großen Sieger wurde. Donnersmarck war der erste Name, der in der Begrüßungsansprache der Akademiepräsidentin Senta Berger fiel, auch der Staatsminister schien mehr vom Vorjahr als von 2007 zu reden, und auch später, als die Lolas längst vergeben waren, schienen sich die Fotografen, mehr als für das Streben der anderen, für den Mann in der weißen Smokingjacke zu interessieren, der sehr vielen seiner Regiekollegen, wie sie einem unaufgefordert mitteilen, so langsam mächtig auf die Nerven geht.

          Ohnehin weiß die Akademie ja nie so recht, ob sie nun zurück oder nach vorn schauen soll, ob sie einen Erfolg dem Jahr 2006 oder 2007 gutschreiben soll oder gleich beiden, weil, was im Mai wie ein gutes Jahr aussieht, eigentlich das Vorjahr ist; und weil der Stolz auf die 25,8 Prozent Marktanteil für den deutschen Film im Jahr 2006 Ende 2007 schon in sich zusammengefallen sein kann.

          Ein Betriebsfest der Filmbranche

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