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Deutsche Filmregisseure : Unsere schönsten Kinomomente 2003

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Die Welt wankt: „Irreversible”-Regisseur Noe mit Monica Bellucci Bild: AFP

Morlocks langes Bein, drei Mann in einem Boot und ein Telefonanruf morgens um vier: Neun deutsche Filmregisseure schildern ihre schönsten Kinomomente 2003 - vor der Leinwand, bei der Arbeit oder zu Hause.

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          Morlocks langes Bein, drei Mann in einem Boot und ein Telefonanruf morgens um vier: Neun deutsche Filmregisseure schildern ihre schönsten Kinomomente 2003 - vor der Leinwand, bei der Arbeit oder zu Hause.

          Elmar Fischer

          Es muß Haß sein, denke ich zunächst. Fast sechs Minuten steht Edward Norton als Monty in Spike Lees "25th Hour" vor dem Toilettenspiegel und kotzt seine Wut, seinen Ekel, seine Verachtung auf die Leinwand. Und niemand soll sich sicher wähnen: ob farbig, Bulle oder schwul. "Fuck this whole city and anyone in it!"

          Nur ein Bein: „Das Wunder von Bern”, hier das 3:2
          Nur ein Bein: „Das Wunder von Bern”, hier das 3:2 : Bild: AP

          Eine persönliche Szene. Radikal, subjektiv, mit Seele, Spike Lee. Vielleicht hat er den Film nur für diese Sequenz gedreht? Nein, es war wohl das Gefühl dahinter, die Abneigung gegen dieses Leben, diese Zeit, diese Gesellschaft.

          Monty wird später für viele Jahre in den Knast gehen, der Film erzählt vom Abschied von seiner bisherigen Existenz. Haß kann da nur helfen. Vielleicht ist es aber auch Liebe. Auf jeden Fall ist es das Leben. Über vierzig Jahre hat Spike Lee in New York gelebt, und alles, was er aus dieser Stadt gemacht hat und diese Stadt aus ihm gemacht hat, zeigt er in diesen großartigen sechs Minuten.

          Elmar Fischers Film "Fremder Freund" wurde mit dem First Steps Award 2003 ausgezeichnet.


          Dominik Graf

          Das Endspiel von 1954 zu erleben, so als würde man mitten in einem Playstation-Game stehen, das ist schon was. Ich bin in den Fünfzigern aufgewachsen, da gab es Bücher mit dem Endspielkommentar von Herbert Zimmermann. Den konnte ich bald auswendig. Zig Male habe ich mich in das Spiel hineingeträumt, als wäre ich Teil davon. Grundlage für mein "Wunder von Bern" war immer der Kommentar. Nun quasi diesen Traum von Sönke Wortmann verfilmt zu sehen war sehr überraschend. Fast schon eine Indiskretion. Aber das Größte ist, daß vom Anschlußtreffer zum 2:1 nur Max Morlocks Bein zu sehen ist. Aus was für Gründen auch immer wird Morlocks langes Bein nur aus einer Perspektive gezeigt. Mitten aus dem Spiel heraus. Ist es die Perspektive des Nebenmannes? Eines Ungarn? Ganz unmittelbar wird dieser Treffer gezeigt, ohne Morlocks Gesicht, wie nebenbei und mittendrin zugleich. Toll. Das war der verblüffendste Moment im Kino 2003.

          Dominik Graf bekam in diesem Jahr den Filmpreis der Stadt Hof verliehen.

          Leander Haußmann

          Vor fünf Jahren stürmte ich wie fast jeden Tag Claus Boje ins Produktionsbüro und rief ihm zu: "Tolle Drehbuchidee!" Titel des Films: "NVA". Dabei beschrieben meine Hände gleichzeitig ein riesiges Plakat und die erste Szene mit einer Kamerafahrt in Cinemascope. Fünf Jahre sind eine lange Zeit, und das Schreiben ist mühsam. Bis der Durchbruch kommt, dem dann wieder der Einbruch folgt. Nach drei Jahren der totale Einbruch. Man trifft sich und stellt sich die Frage: Weitermachen? Ein Jahr später sitzen Brussig, der Autor, und ich wieder in Klausur, halten den Schlamassel der letzten vier Jahre in Händen und streiten und schreiben zwölf Stunden am Tag. Nach zehn Tagen ist das Drehbuch fertig (die 25. Fassung). Wir lesen es zusammen - und es funktioniert. Brussig und ich liegen uns in den Armen. Das Drehbuch ist fertig. Wirklich? Claus Boje meldet sich nicht, Detlev Buck meldet sich nicht. Nach drei Tagen klingelt das Telefon. Ist ja jetzt ganz anders, sagt Herr Boje. Weiter kommt er nicht. Ich explodiere auf der Stelle. Schnitt. Ein Boot schaukelt in der Mitte des Müggelsees. Die Sicht ist gut. Das Wetter klar und kalt. Claus Boje und ich trinken Rotwein. Wir sprechen nicht viel. In der Ferne kann man einen Schwimmer sehen. Er bewegt sich auf uns zu. Nach einer halben Stunde ist er bei uns. Detlev Buck, hievt seinen nassen Körper an Bord. Die Sonne geht auf überm See. Drei Männer in einem Boot. Wenn das kein großer Moment ist.

          Leander Haußmanns "Herr Lehmann" kam im Herbst in die deutschen Kinos.

          Romuald Karmakar

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