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Denys Arcand-Film im Kino : Schuld ist die Gier

Hat als Escort-Dame zu tun, den Plot glaubwürdig zu machen: Die kanadische Fernsehmoderatorin Maripier Morin in ihrer ersten Kinorolle. Bild: © Cinémaginaire Inc. - FilmTDA I

Ein kapitalismuskritischer Philosoph ist plötzlich im Besitz mehrerer Millionen und hat die Polizei und Mafia auf dem Hals. Denys Arcand blickt in „Der unverhoffte Charme des Geldes“ darauf, was Geld mit Menschen macht.

          3 Min.

          Was passiert, wenn einem erklärten Kapitalismuskritiker plötzlich mehrere Millionen Dollar vor die Füße fallen? So beginnt kein Ökonomenwitz, sondern der neue Film von Denys Arcand „Der unverhoffte Charme des Geldes“. Kurierfahrer Pierre-Paul (Alexandre Landry) gerät in ebendieses Dilemma. Er hat seinen Doktor in Philosophie gemacht und zitiert, während er mit seiner Freundin Schluss macht, im Café schon mal Wittgenstein. Hinter der Fassade stetiger Ethikaphorismen aber ist er ein tapsiger Weltverbesserer, der sich irgendwie durchschlägt, ohne seine Moral zu kompromittieren. Als es auf seiner Kurierroute zu einem Raubüberfall mit Schießerei kommt, schnappt er sich kurzerhand zwei Geldsäcke. Nun sind Mafia, Ermittler und die Finanzbehörde hinter ihm her.

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Er ist schlau genug, sich Hilfe zu suchen. Die findet er bei einem ehemaligen Rocker (Rémy Girard), der im Gefängnis seinen Ökonomieabschluss gemacht hat, und einer Escort-Dame, der er verfällt, weil sie auf ihrer Website ein Gedicht von Racine zitiert. Gespielt wird diese blonde Femme Fatal von Maripier Morin, die dafür sorgen muss, dass der kitschige Plottwist (Escort-Dame verliebt sich in tolpatschigen Philosophen-Dieb) irgendwie gelingt. Morin, sonst im kanadischen Fernsehen als Moderatorin zu sehen, nutzt in ihrer Debütrolle jede Zeile, jeden Augenaufschlag, jede Handbewegung, um aus dem Filmklischee einen Charakter zu machen. Immerhin ist sie es, die durch Klugheit und Kontakte, darunter zu einem Offshore-Banker, der ihr noch einen Gefallen schuldet, den Schlüssel zum gemeinsamen Plan liefert. Der soll am Ende dafür sorgen, das System so zu überlisten, dass alle, die sonst auf der Verliererseite stehen, diesmal als Gewinner davonkommen.

          „Der unverhoffte Charme des Geldes“ trägt im Original den Titel „La chute de l’empire américain“. Nun mag dem deutschen Verleih die wörtliche Übersetzung „Der Fall des amerikanischen Imperiums“ zu sehr an einen Filmtitel erinnert haben, mit dem Arcand 1986 berühmt und unter anderem für den Oscar nominiert wurde. Damals nannte er seine Tragikkomödie „Der Untergang des amerikanischen Imperiums“ (Le déclin de l’empire américain) und sah acht kanadischen Intellektuellen dabei zu, wie sie in einem Wochenendhäuschen am See über Sex und Moral in der modernen Gesellschaft diskutierten.

          Wie verliebt sich eine Escort-Dame in einen tapsigen Philosophen? Maripier Morin und Alexandre Landry in „Der unverhoffte Charme des Geldes“

          Ausgangspunkt war die These, dass die fieberhafte Suche nach persönlichem Glück den Niedergang des amerikanischen Imperiums einleitet. Ein Gedankengang, den Arcand nun fortsetzt. Ist „le déclin“ (Niedergang) noch ein Prozess, der sich mit Blick auf die Geschichte langsam vollzieht (Arcand verwies 1986 auf den langsamen Niedergang des Römischen Reiches), ist es nur folgerichtig, dass der Regisseur dreißig Jahre später das drastischere Wort „la chute“ (den Fall) verwendet, um zu zeigen, wie die Zustände sich seither zugespitzt haben. Soll heißen, es geht rapide bergab, und Schuld daran ist die Gier.

          „Nur der Glaube an das Geld hat die Vereinigten Staaten zerstört“, sagt Pierre-Paul zu einem obdachlosen Freund in der Suppenküche, in der er als Freiwilliger aushilft. Als der ihn fragt, warum er sein Philosophiewissen nicht als Dozent an der Universität teilt, winkt Pierre-Paul ab. Damit verdiene er noch weniger als durch Paketeaustragen. Pierre-Paul kann zwar seinen Freunden und den Obdachlosen erklären, warum das Wirtschaftssystem sie in die Lage gebracht hat, in der sie jetzt stecken. Er kann mit ihnen aber keine wirkliche Diskussion mehr darüber führen.

          Die Personen in seiner Umgebung sind zu sehr mit dem alltäglichen Überlebenskampf beschäftigt, als dass sie sich mit intellektuellen Lösungsversuchen beschäftigen könnten. Wer im Niedriglohnbereich versucht, seine Familie zu versorgen, hat keine Zeit, Kant oder Hegel zu lesen. So ist der Intellektuelle im heutigen Montreal eine isolierte Figur. Die Zeiten, in denen Professoren, wie im Film von 1986, sozial abgesichert in der Behaglichkeit des Wochenendhauses ihre Affären und sexuellen Experimente diskutieren konnten, sind vorbei.

          Diese Sozialkritik verpackt Arcand in eine Krimikomödie, die die Struktur eines „Heist“-Films umdreht. Geht es sonst, wie in „Oceans 11“ oder „Baby Driver“, um den minutiös geplanten Geld- oder Juwelenraub, steht hier der Versuch im Mittelpunkt, das Geld so loszuwerden, dass es legal wieder verfügbar ist, ohne dass Polizei oder Finanzbehörde Zugriff darauf haben. Arcand inszeniert das mit Tempo, Witz und sarkastischen Lektionen in Ökonomie. Wenn der Offshore-Banker etwa erklärt, wie Geld ins Ausland geschafft werden kann, ohne dass die Steuerfahndung etwas zu beanstanden hat, dann schlägt er Pierre-Paul als Lösung genau das vor, was dieser am kapitalistischen System kritisiert.

          Und wenn man bei all dem Spaß über die Krimiwendungen vergessen will, worum es hier eigentlich geht, stellt Arcand dem seine letzten Bilder entgegen. Da stehen jene Obdachlosen auf, die während der gut zwei Stunden am Rande des Films blieben, unter Torbögen schliefen oder in U-Bahn-Stationen um Geld baten. Kanadische Ureinwohner, Inuit und die Wanderarbeiter, die beim Obstpflücken und auf Baustellen nicht mehr genug verdienen, um damit eine Wohnung bezahlen zu können. Sie zeigen ihre Gesichter der Kamera in Großaufnahme, die sonst den Stars vorbehalten ist, und schauen stolz durch die vierte Wand hindurch in den Zuschauerraum – eine letzte Mahnung Arcands, dass es ihm mit seiner Kritik bitterernst ist.

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