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Chris Cooper zum Siebzigsten : Kontrollierte Kerlfusion

Lotet Virilität neu aus: Schauspieler Chris Cooper Bild: AP

Was ist das denn eigentlich, ein Mann? Was Gutes, was Schlimmes, was Verrücktes: Chris Cooper ist einer der besten Charakterdarsteller Hollywoods und erforscht die verschiedenen Gesichter der Männlichkeit unermüdlich.

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          Wer ernsthaft glaubt, erst in jüngster Zeit wäre kapiert worden, dass an den meisten traditionellen Maskulinitätsattributen etwas Ätzendes (man sagt jetzt: Toxisches) klebt, sollte sich mal mit der Werkbiographie Humphrey Bogarts unterhalten. Dasselbe Gesicht, dieselbe fassgereifte Stimme desselben weltbekannten Schauspielers nämlich stehen einerseits in „African Queen“ (1951) für die heroische Bereitschaft des Menschenmännchens, zur Not im Dreckwasser zu waten, um eine Dame zu retten, und andererseits in „Der Schatz der Sierra Madre“ (1948) für den größten denkbaren Nachteil derartiger mannhafter Entschlossenheit, nämlich deren Nähe zum Verbohrten, zu Verrohung, zu Totschlag und schlecht rasierter Vollmeise.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Bogarts Kollege Chris Cooper hat vor rund zwanzig Jahren als Orchideenjäger John Laroche in „Adaption“ (2002) von Charlie Kaufman und Spike Jonze die beiden Extremwerte der Virilität dramatisch auseinanderentwickelt – seine Rolle in jenem Brackwasserdrama ist die Spannung zwischen den zwei Polen selbst, und sobald sie zusammenbricht, winselt und wimmert der Heldenschurke und wird sofort vom Wilden Watz gefressen.

          Im Drehbuch steht, er sei „a fun character“, und tatsächlich qualmt Cooper geradezu vor Spaß, während er ohne Vorderzähne und mit leicht zusammengekniffenen Augen, widersprüchlicherweise zugleich einerseits unzerstörbar zäh und andererseits von Anfang an zerrüttet, ins Verderben stapft.

          Das Mysterium hinter diesem Zusammenzwingen einander ausschließender Momente in lebendiger Fusion muss wohl „Kraft“ heißen. Von ihrem Übermaß bei Cooper verblüfft zeigt sich sogar der selbst ziemlich vitale und dabei noch deutlich jüngere James Franco in der Miniserie „11.22.63“ (2018). Cooper spielt da einen Todkranken, der Franco in die Geheimnisse von Zeit und Geschichte einweist sowie zu mehr Wagemut und Stehvermögen erziehen will. Und obwohl er das kurzatmig und hinfällig tut, dominiert er jede Szene, die er mit dem Schüler teilt.

          Wenn Cooper aufgegeben ist, Mitgefühl für die Typen zu wecken, die er verkörpert, dann leistet er das nie werbend, sondern mittels schierer Hingabe ans Müssen, Wollen, Sollen der jeweiligen Gestalt, etwa als kalter Knochen Colonel Frank Fitts in „American Beauty“ (1999) von Sam Mendes. Die Rolle ist monströs, aber man fühlt das mit ihr als tragische Unerlösbarkeit, vor der es selbst Kevin Spacey zu gruseln scheint.

          Der mahnende Satz überkommener Geschlechtererziehung „Sei ein Mann!“ impliziert, dass man’s auch lassen könnte, sonst wäre er als Aufforderung nicht formulierbar. Chris Cooper freilich hat diese Aufforderung nie als Befehl zur Verhärtung in platter Reproduktion biologisch verankerter Verhaltensmuster aufgefasst, sondern als gefährlich-verlockende Einladung zu einem lehrreichen Spiel, das herausfinden will, auf wie viele verschiedene gute, böse und seltsame Arten man ein Mann sein kann. An diesem Freitag wird er siebzig Jahre alt.

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