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„Der Schaum der Tage“ im Kino : So überschäumend muss es sein

Im Sommer mit Schlittschuhen: Omar Sy, Audrey Tautou und Romain Duris Bild: dpa

Nach einem missglückten Hollywood-Abenteuer kehrt Michel Gondry zu seinen technischen Anfängen zurück. Mit „Der Schaum der Tage“ gelingt dem Regisseur eine phantastische Bilder- und Ideenflut.

          Vor fünf Jahren wählte Michel Gondry, einer der erfolgreichsten Musikvideoregisseure, seine 25 Lieblingsvideos aus, und natürlich war eines davon das zu Peter Gabriels Lied „Sledgehammer“, bei dem 1986 der vergessene Stephen R. Johnson Regie geführt hatte. Wichtig war aber auch gar nicht die Regie, sondern die Tricktechnik, mit der „Sledgehammer“ in Szene gesetzt wurde: als Stop-Motion-Animation. Laut Gondry war das der Moment, wo ihm klarwurde, wie großartig man mit Puppen filmen kann.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Längst ist Gondry kein Musikfilmregisseur mehr. Seit er 2004 „Vergiss mein nicht“ drehte, ist er auch ein Star im Kino, und mit „Anleitung zum Träumen“ und „Abgedreht“ festigte er diese Position, ehe er mit „Green Hornet“ vor zwei Jahren einen furchtbaren Flop produzierte. Wobei auch dieser Film eine optisch eindrucksvolle Probe darauf war, was Gondry sich auf die Fahne geschrieben hat: radikal seine eigenen ästhetischen Vorlieben zu pflegen, und dazu gehört besonders die Stop-Motion-Technik.

          Sie spielt denn auch im neuen Spielfilm des Regisseurs eine immens wichtige Rolle. Nach dem Hollywood-Debakel von 2011 hat Gondry sich wieder in die französische Heimat zurückgezogen und eine literarische Legende verfilmt: Boris Vians 1947 erschienenen Roman „Der Schaum der Tage“. In dessen Vorrede proklamierte Vian: „Es hat tatsächlich den Anschein, dass die Massen im Unrecht sind und die Einzelnen immer recht haben.“ Das muss Gondry gefallen haben. Allerdings fuhr Vian fort: „Man muss sich hüten, daraus Verhaltensregeln abzuleiten. . . Es gibt nur zwei Dinge: die Liebe, in allen Spielarten, mit schönen Mädchen und die Musik von New Orleans oder Duke Ellington. Alles übrige mag verschwinden.“

          Eine Hommage an 120 Jahre Kino

          Und so ist es denn auch in Gondrys Verfilmung. Mit Ellingtons „Take the A Train“ geht es los, zu dessen Klängen werden wir in die phantastische Wohnung des jungen Lebemanns Colin hoch über den Dächern von Paris geführt. Der Weg durch die Zimmer ist ein Stop-Motion-Fest, das dem „Sledgehammer“-Vorbild unendlich viel verdankt, und wer sich hier schon übersättigt mit Kleinigkeiten und Überschwang der Inszenierung fühlt, der sollte das Kino verlassen. Denn sein Tempo und die Verspieltheit verliert der Film erst spät.

          Dann allerdings dramaturgisch höchst durchdacht, wenn die große Liebe dieses Buchs und dieses Films, die von Colin zu Chloe, ihrem Ende zugeht. Da bleichen die Szenen aus, und die Leinwand wird immer enger, bis Gondry sein farbenfrohes Spektakel in strenge Schwarzweißeinstellungen übergehen lässt. Damit setzt er gegen die bis zuletzt ungebrochene Phantastik in Vians Roman ein bitteres Finale, ehe eine Coda folgt, die aus einem animierten Daumenkino besteht, in der noch einmal in Sekunden gezeigt wird, was in den letzten hundert Minuten geschehen ist. Ein herrlicher Kunstgriff zurück aufs früheste Kino in einem Film, der mit allen Mitteln arbeitet, die sich dieses Medium in hundertzwanzig Jahren erarbeitet hat.

          Das Daumenkino ist die Erbschaft von Chloe, und tatsächlich hat deren Darstellerin, Audrey Tautou, die Bildchen gezeichnet. Das beliebteste Mädchengesicht des französischen Kinos ist natürlich genau richtig in dieser Rolle; aber genau deshalb wird ihr auch nichts abverlangt. Da haben Romain Duris als Colin in seiner permanenten Überdrehtheit und auch Gad Elmaleh als dessen bester Freund Chick ganz andere Herausforderungen zu meistern.

          Charakterzeichnung ist nicht Gondrys Stärke

          Aber Tautou ist nicht die Einzige, die hier unter Niveau beschäftigt wird. Auch Omar Sy, seit „Ziemlich beste Freunde“ ein französischer Superstar, darf nur eine Rolle einnehmen, die man in ihrer Devotheit geradezu rassistisch nennen könnte - wäre sie bei Vian nicht schon genau so angelegt. Aber da reden wir ja auch von einem Buch des Jahres 1947. Nein, Figurenzeichnungen ist Gondrys Stärke nicht.

          Doch was verschlägt’s? „Der Schaum der Tage“ ist eine gerade in der überschäumenden Freude am Spiel kongeniale Romanverfilmung. Selbst für die im Buch immer wieder auftauchende Maus hat Gondry eine tricktechnisch überzeugende Lösung gefunden - und dass man solchen Kunstgriffen das Künstliche immer ansieht, ist gewollt. Damit muss man zurechtkommen in einer Zeit der makellosen Computerbilder, und es wird Gondrys Film gewiss nicht leichtfallen, ein Publikum zu finden. Aber er hätte es verdient.

          Selbst die allerletzten Bilder des Films sind eine Hommage an die Hommage, die Boris Vian in seine Vorrede eingebaut hat. Die letzten flackernden und dunklen Bilder gehören Duke Ellington. Und sie wirken, als bildeten sie ab, was Vian am Schluss der Vorrede über seine Geschichte sagt: „Ihre Sichtbarmachung geschah im wesentlichen dadurch, dass eine Realität bei feuchtwarmer Atmosphäre auf eine unregelmäßig gewellte, Verzerrungen erzeugende Fläche projiziert wurde.“ Boris Vian sah sein Buch als Film. Nun gibt es ihn.

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