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Filmkritik „Leviathan“ : Ein schwarzer Wal steigt aus den Fluten

Ein Schiff wird nicht mehr kommen: Szene aus „Leviathan“ Bild: Wild Bunch Germany

Ein Film, wie er in keinem westlichen Land gedreht werden könnte: Andrej Swjaginzews Film „Leviathan“ zeigt das heutige Russland mit all seinen staatlichen und zwischenmenschlichen Abgründen.

          4 Min.

          Der Junge läuft vom Haus weg, weinend. Er rennt über die öden, felsigen Wiesen, quert die leere Straße und erreicht den Strand. Dort setzt er sich mit angezogenen Knien auf einen Stein und starrt aufs Meer hinaus. Zu seinen Füßen, weiß schimmernd im schwindenden Licht, erstreckt sich das Skelett eines Wals: die gebogene Wirbelsäule, die mächtigen Kiefer. Dämmerung senkt sich über die Bucht. Man hört nichts als den Wind.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Es ist das zentrale Bild in Andrej Swjaginzews Film „Leviathan“. Ein Bild der Hoffnungslosigkeit. Dass die Natur seinen Helden keinen Trost bietet, weiß man aus anderen Filmen von Swjaginzew, aber nie war sie in ihrer Ruhe und Erhabenheit so gnadenlos wie in dieser Geschichte, die in einem Städtchen am Polarkreis in der Nähe von Murmansk spielt. Die Gegend hat bessere Zeiten erlebt, das sieht man auf alten braunstichigen Fotografien, die in den Holzhäusern hängen. Aber das ist Jahrzehnte her. Jetzt sind die Wohnblocks an der Schotterstraße Ruinen, in einer eingestürzten Kirche sitzt die örtliche Jugend am Lagerfeuer. Reste von Booten dümpeln im flachen Wasser. Ein Schiff ist nirgends in Sicht.

          Auf dem Weg alles zu verlieren

          Auf einem flachen Hügel in der Nähe einer Brücke, die über einen Meereszufluss führt, steht das Haus des Automechanikers Kolja. Er soll es verlieren. Der Bürgermeister und seine Clique wollen hier ein Gemeindezentrum errichten, ein Projekt in Public-private-Partnership, bei dem sich Politiker und Baulöwen gegenseitig die Taschen füllen werden. Die Klage, die Kolja gegen seine Enteignung angestrengt hat, ist in den ersten beiden Instanzen abgewiesen worden. Deshalb hat der Mechaniker den Anwalt Dmitri aus Moskau hergerufen, einen Freund aus Armeezeiten, der, wie es scheint, sein Handwerk versteht. Dmitri zieht eine Aktenmappe aus der Tasche, als er bei Kolja am Tisch sitzt: belastendes Material über den Bürgermeister. Damit will der Anwalt das Haus retten - oder wenigstens den Preis dafür in die Höhe treiben.

          Kinotrailer : „Leviathan“

          Der Leviathan ist ein Seeungeheuer aus dem Alten Testament, das die Züge eines Krokodils, einer Schlange und eines Wals trägt. Im Buch Hiob steht es für die Macht des Schicksals, dem der Mann aus dem Volk nicht entrinnen kann. „Kannst du Leviathan ziehen mit dem Haken und seine Zunge mit einer Schnur fassen?“, heißt es in der Lutherbibel. „Wer darf es wagen, ihm zwischen die Zähne zu greifen?“ Im Film ist es ein Priester, der Kolja diese Fragen stellt. Da hat der Automechaniker schon fast alles verloren, seine Frau, seinen Freund, sein Haus; am Ende wird er auch seinen Sohn und seine Freiheit verlieren. „Leviathan“, der Film, beschreibt den Weg dorthin: nicht als Opfergang, sondern als freies Spiel der Kräfte von Neid und Gier, Liebe und Hass.

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