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Milo Raus „Neues Evangelium“ : Was würde Jesus heute tun?

Das letzte Abendmahl: Eine Szene aus „Das Neue Evangelium“ von Milo Rau Bild: Armin Smailovic

Zwischen Kunst, Dokumentation und Aktivismus: Der Schweizer Regisseur Milo Rau hat im süditalienischen Matera seinen Film „Das Neue Evangelium“ gedreht. Mit einem schwarzen Jesus, Feldarbeitern und Stadtbewohnern.

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          Die meisten Leute wissen, dass die Kleider, die sie kaufen, häufig von Menschen gefertigt werden, deren Lebensbedingungen ihrer unwürdig sind. Man kann das aber gut verdrängen, denn das ist ja meist weit weg, in Asien zum Beispiel. Erstaunlich wenige Leute wissen dagegen – vielleicht wollen sie es nicht wissen –, dass auch ihr Essen, die Dosentomaten, die das ganze Jahr über verfügbar sind, die Zitronen und Orangen, das Produkt von Sklavenarbeit ist. Ein anderes Wort trifft es nicht, wenn Menschen, ganz in unserer Nähe, in Süditalien zum Beispiel, ohne Arbeitserlaubnis und Aufenthaltsgenehmigung für uns schuften, von den paar Euro, die sie am Tag verdienen, auch noch den Bus bezahlen müssen, der sie auf die Felder bringt, das Wasser, das sie in der brütenden Hitze trinken; Menschen, die zu Hunderten in Lagern leben und keine angemessene medizinische Versorgung haben. Es gibt diese Lager, sehr viele davon, und sie sind riesig.

          Der Schweizer Regisseur Milo Rau hat einen Film über diese und mit den Menschen gemacht, die dort leben. „Das Neue Evangelium“ ist, wie der Titel schon sagt, einerseits die Neuverfilmung des Evangeliums, gedreht wie schon „Das erste Evangelium – Matthäus“ von Pier Paolo Pasolini und Mel Gibsons „Passion Christi“ im süditalienischen Matera. Und es ist, andererseits, eine Dokumentation über die Dreharbeiten zu diesem Film, die Suche nach Protagonisten und die Geschichte der „Rivolta della dignità“, der Revolution der Würde, die diese Protagonisten zeitgleich mit den Dreharbeiten beginnen. Wie in vielen Projekten des Schweizer Regisseurs sind die Grenzen von Kunst und Aktivismus fließend.

          Heilsversprechen und Ghetto

          Als Matera den Zuschlag als Kulturhauptstadt 2019 bekam, beauftragte die Stadt Milo Rau, zu diesem Anlass ein Projekt zu entwickeln. Das konnte nur das Evangelium sein, dachte Rau, wie schon Pasolini und Gibson, auf die er sich explizit bezieht. In der ersten Szene des Films sieht man den Regisseur und seinen Hauptdarsteller Yvan Sagnet, die im Dämmerlicht über die Stadt blicken: „Dahinten“, sagt Rau, „ist Golgota“. Der Hügel, auf dem Jesus gekreuzigt wurde. Und Sagnet schaut und sagt: „Unglaublich, wie schön es hier ist.“

          Schnitt. Eine Ansammlung von Wellblechhütten, zwischen denen ein paar Straßenhunde streunen. Es ist der Ort, an dem sich Rau und Sagnet, der den ersten schwarzen Jesus der Filmgeschichte spielt, auf die Suche nach den weiteren Hauptdarstellern, den Aposteln, machen werden. Es ist die Unterkunft derjenigen, die täglich auf den Feldern schuften. Diese beiden Bilder sind für den Einstieg gut gewählt, umreißen sie doch genau, was Italien, ja ganz Europa ist: ein Ort von großer Schönheit und Geschichte, ein Heilsversprechen für viele, das sich aber häufig als etwas ganz anderes herausstellt, als Ghetto aus Wellblechhütten zum Beispiel, in dem Menschen andere Menschen wie Tiere behandeln.

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