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Andrzej Wajda zum Neunzigsten : Symbolfigur des polnischen Kinos

Geboren am 6. März 1929: der polnische Regisseur Andrzej Wajda wenige Tage vor seinem neunzigsten Geburtstag Bild: AP

Sein Film „Asche und Diamant“ machte ihn groß. Als moralische, ästhetische und politische Instanz sucht er in der Filmgeschichte seinesgleichen: Dem polnischen Regisseur Andrzej Wajda zum Neunzigsten.

          2 Min.

          Der Realismus im europäischen Kino hat viele Väter. In Frankreich wurde er von Renoir und Carné erfunden, in Italien von Visconti und Rossellini, in Schweden von Ingmar Bergman. In Polen dagegen hat Andrzej Wajda den realistischen Stil nicht nur auf die Leinwand gebracht, er hat ihn auch sechzig Jahre lang in einzigartiger Weise verkörpert. Sein 2013 entstandener und vermutlich letzter Film „Wałęsa - Der Mann aus Hoffnung“ sucht mit dem gleichen Ernst nach der bildlichen Wahrheit hinter den verwirrenden Erscheinungen der Wirklichkeit, der schon sein Regiedebüt „Generation“ von 1955 prägt. Mit dieser Haltung ist Wajda zur Symbolfigur des polnischen Kinos geworden, zu einer moralischen, ästhetischen und politischen Instanz, die in der Filmgeschichte ihresgleichen sucht. Achtunddreißig Spielfilme hat er in seiner langen Karriere gedreht, und es ist nicht nur Koketterie, wenn er in einem Filmporträt des Bayerischen Rundfunks erklärt, er habe keine Zeit gehabt, sich mit den großen Ereignissen seiner Zeit zu befassen, da er immer bei der Arbeit gewesen sei. Andrzej Wajda hat Weltgeschichte mit der Kamera geschrieben.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Dabei bedeutet Realismus bei Wajda so wenig wie bei Visconti, Renoir und all den anderen bloß blindes Nachäffen der Wirklichkeit. Nein, er ist eine Form, das Wesentliche zu zeigen, so klar und unverbrämt, dass es ohne Erläuterungen für sich selbst stehen kann. Wajdas Filmanfänge sind berühmt dafür, wie sie in wenigen Bildern die Essenz der Geschichte auf den Punkt bringen. Etwa „Danton“, das Drama vom Ende der Französischen Revolution, das mit einem Blick auf die Guillotine beginnt. Dann sieht man einen kleinen Jungen, der seiner Mutter beim Baden den Katechismus revolutionärer Werte aufsagen muss, und Frauen, die im Regen um Brot anstehen. Oder „Der Mann aus Marmor“, der Film, der die Trilogie zur polnischen Gegenwart eröffnet, die Wajda mit dem Wałęsa-Epos abgeschlossen hat: Zuerst gibt es Archivaufnahmen aus Nowa Huta in den Fünfzigern, dann verhandelt Krystyna Janda mit einem Fernsehredakteur über ihr Projekt, einen Dokumentarfilm über einen der „Helden der Arbeit“ zu drehen, und während noch der Vorspann läuft, gräbt sie schon im Warschauer Nationalmuseum die im Keller versteckte und verdrängte Monumentalkunst der stalinistischen Aufbaujahre aus. Das ist mehr als Handwerk; es ist eine Passion des Schauens und Zeigens, die man bei allen wirklich großen Regisseuren findet.

          Auch „Asche und Diamant“, der Film, mit dem Wajda zur internationalen Größe wurde, macht schon am Anfang alles klar. Kurz vor Kriegsende werden zwei Kommunisten von Kämpfern der polnischen Heimatarmee erschossen, aber es sind die falschen Opfer, und ihr Blut wird an den Händen von Zbigniew Cybulski, dem Helden, kleben, bis er zuletzt selbst auf einer Müllkippe verblutet. Der Tod hält reichlich Ernte in Wajdas Filmen, in „Lotna“, dem Abgesang auf die polnische Kavallerie, ebenso wie in seinen Kinoerzählungen aus dem sozialistischen Alltag („Fliegenjagd“, „Ohne Betäubung“), zugleich hängen seine Figuren aber mit allen Fasern am Leben, dem schönen, kurzen, vergeudeten. Man muss nur an die vielen Frauen denken, mit denen er gedreht hat, von Teresa Iżewska in „Der Kanal“ bis zu Krystyna Janda, Maja Ostaszweska („Katyń“) und Grażyna Szapołowska („Pan Tadeusz“), um zu wissen, dass Wajda nichts Menschliches fremd ist, dass er aus dem Vollen schöpfte, wenn er vor der Kamera das Leben außerhalb des Studios nachstellte.

          An diesem Sonntag wird er neunzig Jahre alt. Es gäbe noch viel zu sagen. Seine Filme sagen es besser.

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