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Film „Weitermachen Sanssouci“ : Die Umerziehung der Akademiker

  • -Aktualisiert am

Wenn es in Zukunft so wie in diesem blauen Blödsinn schon an der Uni zugeht, wie sieht es dann erst im Kindergarten aus? Bild: Amerikafilm & Filmgalerie 451

Der Film „Weitermachen Sanssouci“ zeigt die akademische Forschung vor der Aus- und Abschlachtung. Er erzählt, wie die profitorientierte Technik-Welle auf die Universitäten zurollt – und welchen Schaden sie an und in uns anrichtet.

          3 Min.

          Jetzt soll also der Ernst-Reuter-Platz in Berlin das nächste Silicon Valley werden. Diese Vorstellung geistert jedenfalls durch die Köpfe so einiger Wissenschaftler und Wissenschaftspolitiker und Wissenschaftskarrieristen, die es kaum mehr erwarten können, dass die Bundeshauptstadt auch endlich so richtig in die Welt von Big Data einsteigt. Das geht, wenn überhaupt, dann nur durch Zusammenarbeit von Forschung und Wirtschaft. „Die wollen bei uns unbedingt rein“, sagt eine Professorin namens Brenda Berger, deren Büro vollgestellt ist mit Scheinwerfern, von denen angeblich eine höchst stabilisierende, vielleicht sogar verjüngende oder wenigstens Alterungsprozesse verlangsamende Wirkung ausgeht.

          Die Lichtinstallation konkurriert nun mit einem Plastikkaktus, von dem nicht ganz klar ist, ob er zum früheren Inventar des Büros von Frau Berger gehört oder ob ihn die Firma Zeuss Elektrik als ideales Bestrahlungsobjekt gleich mitgeliefert hat. Man könnte von invasiver Promotion sprechen, in dem Sinn des Wortes, der mit dem wichtigsten akademischen Qualifizierungsschritt nichts zu tun hat.

          Max Linz erzählt in „Weitermachen Sanssouci“ von der Universität, wie sie sich seit den Tagen der Bildungsexpansion im späten zwanzigsten Jahrhundert vielfach neu formiert hat: als latent absurde Veranstaltung, hinter deren Ritualen sich nichts als nacktes Profitinteresse verbirgt. Die junge Forscherin Phoebe Phaidon (gespielt von Sarah Ralfs, im richtigen Leben auch Wissenschaftlerin, vor allem Schlingensief-Expertin), kommt an ein Institut. Eigentlich sollte sie sich über ihre Perspektiven keine Illusionen machen: sie ist – auf einer 28%-Stelle! – nur da, „um den Betrieb am Laufen zu halten“.

          Der besteht vor allem aus der Organisation des Betriebs selbst. Für Fragen, gar für das Zu-Ende-Denken eines Gedankens ist keine Zeit mehr, es müssen dauernd Anträge geschrieben und Begehungen oder Evaluationen vorbereitet werden. Eventuell wäre sogar daran zu denken, mit eine Imagefilm Stimmung für das Institut zu machen. Wo früher das wissenschaftliche Ideal darin lag, neue Erkenntnisse zu finden und zu beweisen, geht es nun in erster Linie darum, „zu beweisen, dass wir die Besten sind“.

          Man wird immer kindlicher

          Max Linz, ausgebildet in Berlin an der DFFB, hat sich schon 2014 mit „Ich will mich nicht künstlich aufregen“ als scharfsinniger Beobachter des Kulturbetriebs erwiesen. Dass er sich nun mit dem System der akademischen Bildung beschäftigt, ist nur zu berechtigt: denn an der Verteilung des Wissens wird künftig sehr viel liegen, und derzeit wirken auch die Unis (und bald wohl auch die Schulen) schon intensiv an der großen Datenabschöpfung von den Einzelnen zu tendenziell monopolistischen Unternehmen mit.

          In „Weitermachen Sanssouci“ spielt Sophie Rois also Brenda Berger, die Chefin eines Instituts, die mit kühler Distanz verfolgt, wie sich die Verteilungskämpfe in ihrem Reich entwickeln. Da ist der typische Apparatschik Alfons Abstract-Wege, der an einem großen Projekt arbeitet, das sich mit „nudging“ („knuffen“) beschäftigt. Der Begriff zielt wohl auch auf die Infantilisierung ab, mit der die Datengiganten ihre Kundschaft gleichsam an den Schnuller gewöhnen. Eigentlich sollte es am Institut ja um Klimaentwicklungssimulationen gehen, aber niemand wehrt sich so richtig dagegen, dass sich ganz andere Projekte durchsetzen. Frau Berger sagt dazu: „Mich nudgt der Affe.“

          Von diesen Prozessen erzählt Linz auf leicht satirische Weise, aber groß übertreiben muss er gar nicht. Eine Besetzung der Bibliothek zeugt bei den Studierenden von dem Wunsch nach einer anderen Universität. Wenn man den Abspann genau mitliest, taucht da auch ein konkreter Sitz im Leben für diesen Strang der Geschichte bei Max Linz auf: die Auseinandersetzung um die Entlassung und Wiedereinstellung des Stadt- und Regionalsoziologen Andrej Holm an der Humboldt-Universität. Die Initiative „Holm bleibt“ brachte vor zwei Jahren eine politische Mobilisierung, auf die Max Linz anspielt. Holm hatte auf einem Personalfragebogen seine Tätigkeit für die DDR-Staatssicherheit als Jugendlicher verschwiegen.

          Zu idealistisch?

          Für „Weitermachen Sanssouci“ steht dieser konkrete Fall in dem größeren Zusammenhang der Frage, inwiefern „Theorie, Abstraktionsfähigkeit und Kritik heute eigentlich dabei helfen können, sein eigenes Leben auf die Reihe zu bekommen“ – in dieser Formulierung einer Studentin klingt ein Bildungsideal an, das anachronistisch wird, wenn man schon in der Unikantine von einem Datengiganten das Essen suggeriert bekommt. Kursorische Verweise auf eine denkbare, andere Rolle der Kybernetik in der Gesellschaft eröffnen im Gegensatz dazu spannende gesellschaftskritische Horizonte: In Chile gab es bis zum Putsch im Jahr 1973 auch Versuche zu einer progressiven Computerisierung der Gesellschaft.

          Das einschlägige Sachbuch von Eden Medina („Cybernetic Revolutionaries. Technology and Politics in Allende’s Chile“) kann man als Sekundärliteratur zu „Weitermachen Sanssouci“ notieren und lesen. Die kleine Berliner Schule eines gewitzten neuen Agitprops (neben Max Linz wäre da auf jeden Fall noch Julian Radlmaier mit „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ zu nennen) nimmt mit „Weitermachen Sanssouci“ weiter Konturen an. Das Erbe von Brecht, der Modellsituationen gern mit kritischem Witz besingen ließ, verwandelt sich über lokale Traditionen (der ehemalige Volksbühnendramaturg Carl Hegemann wird im Abspann als Inspiration genannt) in eine neue Form von Kino-Lehrstück. Man könnte von einem Sonderforschungsbereich sprechen, der mit den Mitteln des Spiels tatsächlich Erkenntnisse vermittelt. Erkenntnisse, mit denen sich einiges „auf die Reihe“ kriegen ließe.

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