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Kinofilm „Northmen“ : Warum wir die Barbaren lieben

  • -Aktualisiert am

Keine Amazone, sondern schottische Königstochter: Charlie Murphy in „Northmen - A Viking Saga“ Bild: Ascot Elite Filmverleih GmbH

Thule ist das neue Athen: Ob „Game of Thrones“ oder „Northmen - A Viking Saga“ - im Film holt der Norden auf. Das Barbarengenre verbindet Hordenwesen mit Edelmut, manchmal auf rührende Weise.

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          In der grauen Vorzeit, in der noch der Himmel das Display aller Navigationsysteme war, konnte es schon einmal vorkommen, dass ein Schiff ein paar hundert Kilometer vom Ziel abkam. Die Seefahrer, die in Claudio Fähs „Northmen - A Viking Saga“ eigentlich nach Lindisfarne wollen (selbstverständlich, um dort zu morden und zu plündern), werden deutlich weiter nördlich angeschwemmt, in einer Gegend, über deren Herrschaftsverhältnisse sie ungenügend informiert sind. Sie müssen ohnehin erst einmal eine steile Wand hochklettern, bevor sie dann auf einer schlecht befestigten Straße eine Eskorte antreffen. Die junge Dame, die in einer Kastensänfte unterwegs ist, scheint höheren Bluts zu sein.

          Also eindeutig qualifiziert als Geisel, mit der sich Lösegeld erpressen lässt. Man sieht schon, das Geschäftsmodell der „Northmen“ ist in sich nicht sonderlich differenziert, es beruht auf roher Gewalt, wo nicht gesengt wird, wird eben erpresst. Hauptsache, man bringt ein paar warme Decken für den langen Winter nach Hause. In „Northmen“ schreiben wir das Jahr 873 nach christlicher Zeitrechnung. In Deutschland, das es damals noch nicht gibt, wird zwei Jahre später Karl der Kahle die Kaiserwürde verliehen bekommen. In Schottland herrschen undurchsichtige Verhältnisse. Die Lady Inghean, die in die Hände von Asbjörn und seinen Männern fällt, ist die Tochter eines Königs Dunchaid, der ein übles Spiel spielt.

          Zudem verfügt er über eine Elitetruppe, die den Namen „Wölfe“ nicht zu Unrecht trägt: Diese Männer sind im Rudel unterwegs, fletschen die Zähne und machen keine Gefangenen. Die Nordmänner kommen also gar nicht so richtig dazu, sich ihrer Geisel zu erfreuen, zumal sie im Grunde gute Kerle sind, also keineswegs irgendwelche niederen Instinkte an Lady Inghean abreagieren wollen. Warum sieht man sich so einen Film an? Dem geht die nicht minder spannende Frage voraus, warum er überhaupt gemacht wird. Denn es steht ja eine Hypothese hinter dem Umstand, dass eine deutsch-schweizerische Koproduktion, die in Südafrika ein zweites Schottland findet, davon ausgeht, mit „Northmen“ Geld verdienen zu können.

          Eine sturmgeborene Schönheit

          Das wichtigste Indiz dafür ist sicher, dass eine Fernsehserie über „Vikings“ gut läuft. Die Existenz von Ragnar Lothbrok und seinen Landsleuten ist zumindest bis in die dritte Staffel (bis ins dritte Glied der neuen Erbfolge des Serienzeitalters) gesichert. Dahinter lässt sich aber eine grundlegendere Veränderung der imaginären Gemengelage ausnehmen, eine Horizontverschiebung, wenn man so will, die einen neuen Winckelmann, wenn er heute auftreten würde, zu einem Rufer in der Wüste werden ließe. Denn die Welt, jedenfalls die zivilisierte, die sich mit Produkten der westlichen Unterhaltungsindustrie beliefern lässt, blickt nach Norden. Thule ist das neue Athen, wir lieben nicht mehr die Griechen, sondern die Barbaren.

          Das ist keine ganz neue Nachricht, denn die Nebel von Avalon lagen schon länger über dem dünnen Firnis der Zivilisation, der aus der Antikenverehrung entstand. Und sie verzogen sich immer dann, wenn irgendwo ein Schwert aus einem Stein gezogen wurde, mit dem dann unweigerlich irgendwo ein Kopf abgeschlagen werden musste. Was lange Zeit die Artus-Mythologie war, ist in der viel näheren Vergangenheit unserer neuerdings auf Jahreszyklen und Staffelfolgen geeichten Serienwelt die große Völkerwanderung von „Game of Thrones“. Hier liegt das Gravitationszentrum besagter Horizontverschiebung.

          Zwar gibt es auch da eine südliche Hemisphäre, doch dort werden Sklaven gehalten, und die Sonne erstrahlt über ziemlich primitiven Völkern. Nur das fahle Haar einer sturmgeborenen Schönheit verweist auf künftige Sublimierungen, aber auch diese Khaleesi braucht für ihre zivilisatorische Mission die Drohkulisse dreier Drachen. Wer noch ein wenig weiter dem Verlust der griechischen Idealität in der populären Kultur nachspüren will, kann auch die Barbarenfaszination in den „300“-Filmen zu den Indizien rechnen.

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