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Kinofilm „Northmen“ : Warum wir die Barbaren lieben

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Edelmut und Hordenwesen

Hier zeigt sich, dass das wehrhafte Sparta, das mit den Persern ein paar grundsätzliche Schlachten austrägt, auch eher zu den blutrünstigen Thronspielen als zu den Selbstregierungsversuchen eines nach Aufklärung strebenden Demos zu zählen ist. Man muss kein neuer Spengler sein, um den geistigen Hintergrund dieser Barbarenkonjunktur zumindest in Umrissen verstehen zu können. Die „Northmen“ stehen für eine Welt des Ordnungszerfalls, in der kein Weltpolizist mehr die Warlords in Schach zu halten vermag, in der scheiternde Staaten sich blutig aneinander reiben, in der Verfassungsfragen durch Apodikte beantwortet werden.

Amon Amarth-Frontmann Johan Hegg  als Valli (“Northmen - A Viking Saga“) Bilderstrecke

Damit ist jedoch der Funke der Aufklärung keineswegs ausgelöscht. Denn gerade in „Game of Thrones“ entfaltet sich eigentlich zwischen den immer wieder schockierenden Gewalttaten ein fast schon peripatetisches Sprechen über das Wahre, Gute und Schöne. Unterwegs geht es immer um Verständigung, am schönsten wird das in einer Folge deutlich, in der ein wildes Mädchen namens Ygritte den Helden Jon Snow auf einem Fußmarsch durch das Eis in einen frivolen Dialog über die (nicht zuletzt weibliche) Lust verstrickt. So werden in „Game of Thrones“ ständig Götter durch Leiber kritisiert, und das gilt im Grunde für das ganze Barbarengenre, aus dem nur die prononcierte Amoral und Sinnleere der „300“-Filme heraussticht.

Die Geschichte der „Northmen“ ist hingegen schon fast wieder rührend in ihrer Verbindung von Edelmut und Hordenwesen. Auch hier gibt es eine interessante Übergangsfigur, einen christlichen Mönch, der sich als versierter Machtkämpfer erweist. Er steht für eine pragmatische Religion, die sich den Naturgegebenheiten anpasst. Die Verführungen des Paganismus sind ein weiteres Motiv, dem man bei den Barbaren nachspüren kann.

Gravitationszentrum im höheren Norden

Denn das Abendland stand ja die längste Zeit im Zeichen einer Zwei-Reiche-Lehre, die im Hier und Jetzt nur den Vorschein einer künftigen Ordnung sehen wollte. Da tun Figuren gut, die wie die „Nordmänner“ nur sehr ungefähre Vorstellungen von einer Transzendenz haben. Sie haben auch den Vorteil, dass sie noch nicht wissen, was sich hinter der nächsten Ecke ihres Schicksals befindet. Denn der Planet Erde wird hier noch einmal so dargeboten, wie er für uns unfassbar geworden ist: als schlecht kartographierte, an den Grenzen offene Projektions-und Expeditionsfläche im Nichts.

Der dänische Regisseur Nicolas Winding Refn führte in seinem außergewöhnlichen „Walhalla Rising“ eine Gruppe von Nordmännern so weit an die Grenzen der bekannten Welt, dass sie fast schon im Avantgardekino landeten. Palästina und Amerika, Zeloten und Indianer, alles liegt plötzlich dicht nebeneinander, das Gravitationszentrum aber findet sich im höheren Norden. In einem höheren Norden, der sich zwar immer auch auf höheren Unsinn reimt, dem aber eine bestimmte Dialektik der Aufklärung eignet.

Das Ultima Thule, das so vielfach beschworen wird, ist nämlich vor allem auch eine Welt ohne (nennenswerte) Technik. Und so machen wir mit den „Northmen“ oder mit den Bewohnern von Winterfell die Erfahrung, wie ein Leben ohne Strom und Gas (aber mit anderen hohen Nebenkosten) so gewesen sein muss. Dass der Energiehunger der Welt, dass der Schritt aus der Finsternis ins Licht inzwischen erdgeschichtliche Folgen zeitigt, dass sich mit der Klimaveränderung auch die imaginären Kältepole weiter nach Norden verschieben, ist die vielleicht schon größte Ironie unserer gegenwärtigen Faszination für die Barbaren.

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