https://www.faz.net/-gqz-9u3gl

Kinofilm „Nome di donna“ : Der Direktor bittet ins Büro

Manchmal muss man lange warten, bis sich jemand findet, der die Wahrheit tatsächlich hören will: Nina (Cristiana Capotondi) hat wenig Grund zur Zuversicht. Bild: dpa

Wenn woanders nicht genug über das Problem geredet wird, dann muss das im Kino passieren: Der Film „Nome di donna“ versucht, Italiens Schweigen über sexuellen Missbrauch zu brechen.

          3 Min.

          Die Metoo-Lawine, die Harvey Weinstein unter sich begrub, mag in Amerika von zwei Italienerinnen ins Rollen gebracht worden sein, Asia Argento und Ambra Battilana Gutierrez, und letztere mag den Blick auf Silvio Berlusconis Bunga-Bunga-Partys gelenkt haben. Doch in Italien blieb es ziemlich ruhig um die Bewegung. Zwar initiierten die Schauspielerinnen Jasmine Trinca und Alba Rohrwacher einen offenen Brief von Filmschaffenden unter dem Titel „Dissenso comune“ (Gemeinsamer Widerspruch), in dem sie von systematischem Machtmissbrauch sprachen und Frauen aufforderten, ihr Schweigen zu brechen. Doch laut wurde es nicht, abgesehen von einzelnen Vorwürfen wie gegen die Regisseure Fausto Brizzi und Giuseppe Tornatore. Sichtbar dagegen ist, dass Metoo von Frauen getragene italienische Filmen befördert hat: Laura Bispuris Erkundung von Mutterschaft in „Figlia mia“ war dafür im vergangenen Jahr ein Beispiel.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Direkt an Metoo schließt der Regisseur Marco Tullio Giordana an. Der Mailänder hat mit seinen vielfach preisgekrönten Filmen immer wieder die Finger in italienische Wunden gelegt. Am bekanntesten dürfte sein Mafia-Drama „I cento passi“ (Hundert Schritte) sein. Nun widmet er sich dem verborgenen Elend von am Arbeitsplatz sexuell belästigten Frauen und schaut sich dafür in seiner lombardischen Heimat um.

          Dort liegt in einer paradiesischen Landschaft die Residenz für Senioren mit gehobenen Ansprüchen, in der die alleinerziehende Mutter Nina (Cristiana Capotondi) nach Monaten der Arbeitslosigkeit einen Job als Mädchen für alles findet. Und von der ersten Einstellung an baut Giordana unterschwelliges Unbehagen auf. Frauen in mattgrüner Schwesterntracht putzen und dienen und senken den Blick; aus dem Piano nobile und der Feldherrenperspektive des Machismo beäugt der Direktor Doktor Torri (Valerio Binasco) ihr Tun. Der Leiter der Personalabteilung, der gönnerhaft-abschätzig im Umgang mit Frauen agierende Priester Don Ferrari (Alberto Storti), hätte schon vor dem Vorstellungsgespräch bei Nina die Alarmlampen aufleuchten lassen müssen. Ihrer Tochter erst eine Lakritzstange anzubieten, um sie dann selbst zu essen und danach mit Schmierlappen-Lächeln eine weitere hervorzuzaubern – das sollte einen an die Kinderlektion erinnern: Nimm keine Süßigkeiten vom fremden Onkel an. Die Probezeit im Pflegeheim vergeht ohne besondere Vorkommnisse, die ersten zwanzig Minuten des Films tun es ebenso. Dann will der Direktor die neue Untergebene sprechen, nach Dienstschluss in seinem Büro. Beim ersten Mal schickt er sie fort und moniert, sie habe sich schon umgezogen. Beim zweiten Mal nimmt er abermals enttäuscht ihren Körper in Jeans und schwarzer Lederjacke in Augenschein, bittet sie aber hinein. Und wird zudringlich. Von da an enthüllt sich stückweise das System des Missbrauchs, das Torri installiert hat.

          Ähnlich wie Don Ferrari verheißt und entzieht er Wohltaten, lockt mit Schutz oder Hilfe, um sexuelle Verfügbarkeit zu fordern, und drängt seine Opfer in die Rolle der Schwachen, Schuldigen oder Verlangenden: Du willst es doch. All das kommt nur ans Licht, weil Nina nicht mitspielt. Sie wendet sich, sanft angeleitet von der greisen Filmdiva Ines (Adriana Asti), die spitzzüngig einwirft: „Belästigungen? Früher nannte man das Komplimente!“, an die Rechtshilfe der Gewerkschaft und klagt. Es folgt ein juristisches und psychologisches Hin und Her aus Abschmettern, Unterlassungserklärung und neuer Klage. Nina und ihre Tochter werden sozial geächtet. Aus den Rissen in der Mauer des Schweigens brechen unliebsame Wahrheiten hervor. Zu diesen gehört, dass es keine Solidarität unter Frauen gibt, Fremde nicht gut gelitten sind, „Nein heißt Nein“ nicht einmal in Liebesbeziehungen gilt und nicht jede, die einen Mann des Übergriffs bezichtigt, bedrängt wurde. Vielleicht will sich eine Abgewiesene rächen. Als Grundlage für das Drehbuch, das Marco Tullio Giordana mit Cristiana Mainardi geschrieben hat, diente eine anonyme Gewerkschaftsakte.

          Das verleiht dem Film Authentizität, erklärt aber auch seine mangelnde Stringenz. Wer Missbrauchsfälle dieser Art aufklären will, lässt sich auf ein mühsames Geschäft ein, dem es normalerweise an überlebensgroßen Helden oder Schurken, klaren Fronten, nervenzerreißenden Zuspitzungen und dramatischen Showdowns mangelt. So normal geht es in „Nome di donna“ zu. Deshalb ist dieser Film zwar bemerkenswert differenziert, lässt aber die Zeit nicht gerade schneller vergehen.

          Linear schreitet Giordana die Stationen seiner Geschichte ab, Dialoge treiben sie voran. Dass sie sich in ihrem letzten Drittel in ein Gerichtsdrama verwandelt, steigert die Sachlichkeit. Nahe kommen wir den Figuren nie, dafür erfahren wir zu wenig über ihre Hintergründe und Motive. Valerio Binasco und Alberto Storti können als unauffällig zwielichtige Gestalten überzeugen, Cristiana Capotondi bleibt als Nina dagegen blass. Man kann darin die Weigerung sehen, die Hauptfigur zur Heldin aufzubauen. Aber dass sie, begleitet von Dario Marianellis Filmmusik, abwechselnd zu ins Moll rutschenden Flötentönen oder heiterem Tadidada ihrer Wege geht, hätte nicht sein müssen.

          Und so bleibt das Gefühl, einen womöglich gerade seiner Zurückhaltung wegen treffenden Metoo-Film über Italien gesehen zu haben. Als Nina zum ersten Mal die Gewerkschaftsjuristin trifft, sagt diese, es habe bereits eine Befragung zu Übergriffen unter den Angestellten dort gegeben – praktisch ergebnislos.

          Dann habe es keine Vorfälle gegeben, folgert Nina. Im Gegenteil, meint die Juristin. Alles deute darauf hin, dass der Missbrauch gängig, akzeptiert und gut geschützt sei.

          Weitere Themen

          Das Auge des Gesetzlosen

          „Les Misérables“ im Kino : Das Auge des Gesetzlosen

          Im äußersten Fall ist auch scharfe Munition erlaubt: Der Kinofilm „Die Wütenden – Les Misérables“ zeigt eindrucksvoll die Spannungen zwischen aufbegehrenden Jugendlichen und den Ordnungshütern in einem Pariser Vorort.

          Topmeldungen

          Die Moderatorin Susan Link vertritt den erkrankten Moderator Frank Plasberg in der WDR-Talkshow „Hart aber fair“. Hinter ihr die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht, der CSU-Generalsekretär Markus Blume und die ARD-Börsenexpertin Anja Kohl (von links)

          TV-Kritik: „Hart aber fair“ : Aktien als Allheilmittel

          Die Deutschen sind ein Volk der Sparer. Doch in Zeiten von Negativzinsen muss man umdenken. Bei „Hart aber fair“ raten alle Gäste zu einer Lösung – bis auf Sahra Wagenknecht: Sie setzt auf ein Konzept, das viele als überholt ansehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.