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„#Female Pleasure“ im Kino : Unter dem Deckmantel der Religion

Gegen die Verstümmelung: Leyla Hussein im Gespräch mit Massai-Frauen. Bild: X Verleih

In ihrem Film „#Female Pleasure“ stellt Barbara Miller fünf Frauen vor. Sie kämpfen gegen die Unterdrückung weiblicher Sexualität, die meist religiös verbrämt wird, angefangen bei der barbarischen Tradition der Beschneidung.

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          Mit einer riesigen Schere in den Händen steht Leyla Hussein vor einem halben Dutzend junger Männer. Es geht um eine ernste Sache: die Genitalverstümmelung, die kleinen Mädchen in rund dreißig afrikanischen und arabischen Ländern von ihren eigenen Müttern und Tanten noch immer angetan wird. Leyla Hussein stammt aus Somalia, hat die unsäglichen Schmerzen selbst durchgemacht, erfährt die Langzeitfolgen noch immer jeden Tag am eigenen Leib und kämpft von ihrer neuen Heimat London aus gegen diese barbarische Tradition.

          Aber auch für die jungen Männer ist die „weibliche Beschneidung“, wie die Verstümmelung irreführend genannt wird, die über die Beschneidung bei Männern weit hinausgeht, eine ernste Sache. Sie stammen ebenfalls aus Kulturkreisen, in denen sie praktiziert wird, doch sie haben nur wolkige und idealisierte Vorstellungen davon: Erst dadurch werde ein Mädchen einmal eine saubere und ehetaugliche Frau, sagen sie. Details kennen sie nicht.

          Leyla Hussein ist hier, um das zu ändern. Neben ihr steht ein großes Modell einer Vulva aus bunter Knete. Als sie mit der Schere die äußeren Labien absäbelt, werden die ersten Männer bleich. Als sie die inneren Labien und die Klitoris abschneidet, ist allen das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Nachdem sie auch noch erfahren haben, dass das partielle Zunähen der Vagina ebenfalls in vielen Ländern zur Praxis gehört, werden sie für die Kamera abermals befragt. Einer ist den Tränen nah. „Diese Mädchen sind doch noch Babys!“, sagt er. Auch die anderen erklären, diese Folter in ihren Familien auf keinen Fall mehr dulden zu wollen.

          Wegen der Form ihres Paddelboots wurde die Japanerin Rokudenashiko verurteilt.

          Zwei Dinge zeigt diese Passage aus dem Dokumentarfilm „#Female Pleasure“: Aufklärung ist dringend nötig. Und: Sie wirkt. Das ist auch die Überzeugung der anderen vier Frauen von unterschiedlichen Kontinenten, die die Schweizer Regisseurin Barbara Miller hier porträtiert. Der Film wurde auf dem Festival in Locarno ausgezeichnet, und sein einziges kleines Manko ist die permanente falsche Bezeichnung Vagina für die Vulva – in einem so spezialisierten Film wirkt das tatsächlich irritierend.

          Dafür gelingt Barbara Miller das kleine Kunststück, die Situation der Frauen in Afrika, Europa, Japan, Indien und bei chassidischen Amerikanern anzuprangern, ohne die Tragweite der Fälle gegeneinander aufzuwiegen. Selbstverständlich ist die Genitalverstümmelung von kleinen Mädchen viel schlimmer als die Tatsache, dass die japanische Künstlerin Rokudenashiko, eine der anderen vier Frauen, festgenommen wird, weil sie in einem Kajak herumrudert, das wie ihre Vulva geformt ist. Aber von vermeintlich modernen Gesellschaften darf und sollte man eben auch mehr erwarten, selbst wenn es nur eine gewisse Konsequenz in der Gesetzgebung ist: Rokudenashiko vor Gericht zu zerren und dafür kinderpornographische Mangas zu erlauben, zeugt schon von einer erschreckenden Doppelmoral. Zugleich stützt es die These von „#Female Pleasure“: Es ist nicht die Sexualität an sich, die unterdrückt werden soll, sondern die weibliche Sexualität, meist unter dem Deckmantel einer Religion.

          So war es auch bei Deborah Feldman, die inzwischen in Deutschland lebt und über ihr Aufwachsen in einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde in New York ein vielbeachtetes Buch geschrieben hat. Für die Doku fährt Feldman mit ihrem Sohn im Auto durch das Viertel, in dem sie beide geboren sind. Ihre Kultur kennt keinen Ausdruck für „Ich liebe dich“, dafür Blindhochzeiten für Teenager. Feldman wurde mit siebzehn Jahren an einen jungen Mann verheiratet, den sie nur einmal gesehen hatte, und kurz davor darüber aufgeklärt, sie sei während ihrer Menstruation unrein und müsse sich anschließend rituell waschen, um ihrem Mann sexuell zur Verfügung zu stehen. Von Freiwilligkeit kann in einer solchen Situation keine Rede sein. Feldman zog nicht einfach weg. Sie floh. Die Bilder des Films machen das sofort verständlich: Ein Milieu, in dem nur Männer auf der Straße zu sehen sind, kann die Freiheit der Frauen nicht sonderlich wertschätzen.

          Dass der Glaube an Gott nicht vor sexueller Ausbeutung schützt, musste auch Doris Wagner erfahren. Als strenggläubige Nonne kam sie mit Anfang zwanzig in einen gemischten Konvent nach Rom. Dort wurde sie von einem älteren Priester immer wieder vergewaltigt. Sie vertraut sich einer älteren, ihr vorgesetzten Nonne an, die sie anschrie und beschuldigte, ehe sie ihr „vergab“. Der Täter wurde nie verurteilt, die Reform des Sexualstrafrechts kam zu spät für Doris Wagner – unter anderem ihre Geschichte hat dazu beigetragen, dass Abhängigkeit und Schockstarre juristisch nicht mehr als Einverständnis gewertet werden. Der Vatikan hat ebenfalls keine Konsequenzen gezogen. Die gepeinigte junge Nonne sagte sich mit der Unterstützung ihrer Eltern von der Kirche los und ist zu einer beeindruckenden Frau und jungen Mutter geworden. In einer denkwürdigen Szene fragt sie einen Jesuiten nach dessen Vortrag, ob es nicht sein könne, dass die Religion von Anfang an nur dazu diente, die herrschenden Verhältnisse zu rechtfertigen. Der Mann weiß keine Antwort. Aber Doris Wagner braucht längst keine Antwort mehr von ihm.

          Der Kampf geht weiter: Die indische Frauenrechtsaktvistin Vithika Yada (rechts).

          Die herrschenden Verhältnisse, das bedeutet in diesem Fall auch: das herrschende Geschlecht, das ein Recht auf sexuelle Ausbeutung zu haben glaubt. So wie in Indien, wo mit Vithika Yadav die fünfte der Frauen dagegen kämpft, dass alle zwei Stunden eine Frau vergewaltigt wird. Oder in Nordkorea, wo Vergewaltigung und sexuelle Belästigung durch Staatsbedienstete von den Frauen als „Teil der normalen Lebenswirklichkeit“ wahrgenommen werden, wie ein erst am Donnerstag veröffentlichter Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch beschreibt.

          Es ist erstaunlich, dass „#Female Pleasure“ aus solchen Geschichten keine Dokumentation des Grauens gemacht hat. Stattdessen zeigt Barbara Miller mit ruhiger Kamera fünf starke Frauen, die auf ganz unterschiedliche Weise den Kampf aufgenommen haben, obwohl sie selbst mittlerweile glückliche, erfüllte Leben führen. Wir lernen die Familien der Frauen kennen, wir sehen sie lachen und können im nächsten Schritt beobachten, wie sie trotzdem weiterkämpfen, statt sich auf dem auszuruhen, was sie für sich selbst erreicht haben. Weil es eben nicht genug ist, dass es einem selbst gut geht, während die Verhältnisse grausam sind. Aus einer privilegierten Position heraus lässt es sich leicht verdrängen, aber das Elend der Frauen auf dieser Welt ist groß und fürchterlich. Selbst wer sich daraus befreien konnte, darf nicht unbedingt frei leben: Sowohl Deborah Feldman als auch Leyla Hussein erhalten Morddrohungen. Denn die herrschenden Verhältnisse werden mit Zähnen und Klauen von jenen verteidigt, die davon profitieren.

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